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Zwei Städte – ein Plan

Aus dem Zentrum strahlt die Macht: Was sich Washington von Karlsruhe abgeschaut hat

Der Chef thront in der Mitte, und alle schauen auf ihn? Tolle Idee, dachte Thomas Jefferson, als er 1788 nach Karlsruhe kam. Die US-Hauptstadt Washington ließ er nach Skizzen der Fächerstadt planen, die er im Reisegepäck hatte. Zwölf Jahre später zog er selbst als Präsident ins Weiße Haus.

Zentrum der Macht: Das Kongressgebäude in Washington, auch Capitol genannt, thront in der Mitte eines Strahlenkranzes. Foto: Library of Congress

Wenn Karlsruher gerade die Bilder des Kapitols in Washington sehen, dann müssten sich eigentlich Heimatgefühle regen. Der klassizistische Bau mit einem Turm in der Mitte, die absolut symmetrischen Gebäudeflügel rechts und links und davor die Zugangswege, die wie Strahlen auf das Zentrum der Macht hinweisen – das kommt dem Badener doch alles irgendwie bekannt vor.

Natürlich ist das Kongressgebäude in seinen Dimensionen kaum mit dem Karlsruher Schloss zu vergleichen – aber in Amerika ist eben immer alles ein bisschen größer.

Dass Karlsruhe und Washington sich ähneln, ist jedenfalls kein Wunder. Und eigentlich auch kein Geheimnis. Aber dass die Fächerstadt mit ihrem markanten Grundriss und dem Schloss als Mittelpunkt so etwas wie die Ur-Mutter der amerikanischen Hauptstadt ist, rückt im Tumult der Ereignisse gerne mal aus dem Bewusstsein.

Deshalb sei an dieser Stelle und aus aktuellem Anlass daran erinnert, dass Skizzen und Pläne der jungen Planstadt „Carlsruhe“ dem Stadtplaner Pierre Charles L’Enfant als Vorlage für den Entwurf zu seiner „Federal City“ dienten. Benannt nach dem ersten amerikanischen Präsidenten George Washington wurde diese im Jahr 1800 zur Hauptstadt der noch jungen Nation.

Jefferson brachte die Pläne mit

Kein geringerer als Thomas Jefferson hatte die Stadtpläne von „Carlsruhe“ im Gepäck, als er 1788 von seinem Europaaufenthalt zurückkehrte. Damals war er noch kein Präsident, sondern vertrat als Gesandter die amerikanische Republik in Paris.

Auf der Durchreise von Mannheim nach Straßburg legte Jefferson einen Stopp in der markgräflichen Residenz ein. In seinen Reisenotizen verteilte er viel Lob.

Das Karlsruher Schloss bildet den Mittelpunkt der Stadtanlage. Der Herrscher hat vom Turm aus alles im Blick. Foto: Tim Carmele via www.imago-images imago images/Carmele/tmc-fotogra

Im Gasthof „Zum Erbprinzen“ habe er „gut und preiswert“ genächtigt, und das Schloss imponierte ihm so sehr, dass er Skizzen der Anlage machte.

Washington hat auch noch andere Vorbilder

Um der Wahrheit Ehre zu geben: Karlsruhe ist wahrscheinlich nur eine von vielen Patentanten der amerikanischen Hauptstadt. Jefferson hatte nämlich auch die Pläne von Frankfurt am Main, Amsterdam, Paris, Orléans, Montpellier, Turin und Mailand im Gepäck. Auch die sollte L’Enfant studieren und gegebenenfalls berücksichtigen.

Deshalb drängt sich bei einem flüchtigen Blick auf die gesamte Stadtanlage die Ähnlichkeit mit der Fächerstadt nicht unmittelbar auf. Sie ist auch eher punktuell. Eindeutig ist aber, dass sowohl das Weiße Haus als auch das Kapitol eine Mitte bilden, auf die alles strahlenförmig zuläuft.

Diese zentristische Idee stammt übrigens direkt aus dem Barock, als der Monarch und sein Schloss noch der Nabel der Welt waren. Alle sollen ihn und seine Macht sehen. Irgendwie kein Wunder, dass Donald Trump da gar nicht fort mag.

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