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23 Jahre danach

Gewalt und Missbrauch: Vorsitzender eines Opfervereins bietet Malschern im Fall Pfarrer Böhe Hilfe an

Missbrauch und Gewalt: Der Fall Pfarrer und Ehrenbürger Anton Böhe bewegt Malsch und auch Menschen von außerhalb. Johannes Heibel, Vorsitzender des Vereins Initiative gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen, pocht darauf, dass Traumata auch 23 Jahre danach thematisiert werden müssen.

Gewalt gegen Kinder: Das ist Inhalt der Diskussion um den ehemaligen Pfarrer Anton Böhe in Malsch, dessen Verhalten in Malsch aufgearbeitet werden soll. Foto: Patrick Pleul/dpa

Wie kann im Fall Pfarrer Böhe eine Aufarbeitung der vorgeworfenen Gewalttaten gegenüber Kindern in Malsch in dessen Zeit als Geistlicher zwischen 1952 und 1985 aussehen? Mit dem Thema beschäftigt sich inzwischen auch Sozialpädagoge Johannes Heibel, Vorsitzender des national und international engagierten Vereins Initiative gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen.

Aufarbeitung ernst nehmen: Das ist der Rat von Johannes Heibel, Vorsitzender des bundesweit engagierten Vereins Initiative gegen Gewalt und Missbrauch. Foto: Frank Hügle

Wie sind Sie auf den Malscher Fall denn gestoßen?
Heibel

Nach Ihrer Berichterstattung bin ich von einer Bekannten aus Karlsruhe auf den Fall aufmerksam gemacht worden. Ich setze mich dafür ein, dass man bei der Aufarbeitung bei der Form der Gewalt gegen Kinder keine Unterschiede macht. Traumata löst man immer aus. Die Psyche eines Kindes unterscheidet ja auch nicht nach dem Strafgesetzbuch. Was in Malsch passieren soll, ist eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe.

Die Malscher Fälle sind ja Jahrzehnte her, macht das einen Unterschied?
Heibel

Nein. Die Erfahrungen tragen Opfer ein Leben lang in sich. Ich sehe, dass immer wieder die einst vielfach vielleicht übliche Gewaltanwendung angeführt wird, um damit zu begründen, dass man sich damit nicht befassen müsse. Ich weiß, wovon ich rede und will Ihnen von eigenen Erfahrungen berichten. Im Alter von neun Jahren saß ich einige Tage nach meiner Erstkommunion in der ersten Reihe in der vollen Kirche. Als ich meinem etwas hibbeligen Nachbarn die Uhrzeit auf meiner neuen Uhr sagen wollte, packte mich eine Hand am Ohr, drehte dieses um und zog mich aus der Bank. Die Demütigung vor der ganzen Gemeinde war das Schlimmste. Immer wieder habe ich auch danach Übergriffe dieses Kaplans erlebt. Er hatte Lust daran, Kinder zu quälen.

Wie sehen Sie dabei die Rolle der Eltern?
Heibel

Kinder wussten damals oft nicht, wer ihnen helfen soll. Die Eltern waren meist zurückhaltend. Ein Kind ist und fühlt sich dann völlig ausgeliefert. Ich sehe das blasse Gesicht meiner Mutter nach dem Gottesdienst noch vor mir, die fragte: „Was hast du gemacht?“ Ich sollte Papa nichts erzählen, der hätte den Kaplan sicher zur Rede gestellt.

Jetzt war die Züchtigung in der Schule ja vor 1973 nicht verboten ...
Heibel

Das stimmt, ist aber kein Argument, um nicht aufzuarbeiten. Ich wurde in der Schule auch von Lehrern misshandelt, ich musste es ertragen, habe immer wieder versucht, Situationen zu vermeiden. Ein Klassenkamerad wurde fast täglich verprügelt. Das Zitat „Das hat mir nicht geschadet“ ist nicht nachvollziehbar. Mein Berufswunsch wurde es dann, Erzieher zu werden. Ich dachte mir: Es muss doch auch anders gehen.

Zurück nach Malsch. Ist es nicht gut, wenn alte Narben aus der Kindheit unangetastet bleiben?
Heibel

Ich kenne Menschen, die das getan haben, dann brach es mit 50, 60 oder 70 Jahren auf. Die Erlebnisse sind nicht weg. Bei vielen schreit erst im Seniorenheim, teils kurz vor dem Tod die Psyche nach Aufarbeitung. Je früher man darüber spricht, umso besser ist es. Und dann ist die Rückmeldung der Allgemeinheit wichtig: Es war nicht richtig, was damals mit mir gemacht wurde. Damit sie aus ihrer Opferrolle heraus kommen. Manche schrieben ja beispielsweise Leserbriefe, um es mitzuteilen. Opfer ernst zu nehmen ist eine gesellschaftliche Verpflichtung – man muss sich kümmern.

Das heißt, jeder arbeitet das Geschehen anders auf?
Heibel

Ja. Aber man muss sehen, dass Betroffene teils später Gewalt als Weg sehen. Sie neigen dazu, auch zu Tätern zu werden. Das Helfersyndrom ist eine weitere Form – man will helfen und muss helfen im weiteren Leben. Ein vom Fall Böhe in Malsch persönlich Betroffener, mit dem ich gesprochen habe, wollte sich im Hintergrund halten. Doch man sollte als Opfer eine Meinung haben. Zum Schluss sagte er mir: Für die Sache würde er sich äußern und erzählen.

Malsch wird ja eine historische Kommission für die Aufarbeitung bilden, wie sinnvoll ist das?
Heibel

Für die Kommission wird es nicht einfach werden. Viele sind schon tot, viele werden nicht mitarbeiten wollen. Klar ist: Es geht nicht darum, den Pfarrer Böhe zu bestrafen. Es geht darum, das Zeugnis zu bewahren – dazu hat man nicht ewig Zeit. Menschen, die mit Betroffenen Kontakt aufnehmen, sollten dazu befähigt sein. Eine Vorbereitung darauf ist sinnvoll. Ist die Vertrauensbasis zu gering, wird die Kommission nichts erreichen. Ich kann der Kommission ehrenamtlich meine Mithilfe anbieten. Ich könnte auch anbieten, im Gemeinderat Rede und Antwort zu stehen.

Wie stehen Sie zur diskutierten Ehrenbürgerwürde des Pfarrers und der Anton-Böhe-Straße?
Heibel

Da bin ich ganz bei den Opfern, auch aufgrund eigener Erlebnisse. Eine Ehrenbürgerwürde wäre für mich nicht ertragbar. Das müsste zurückgefahren werden. Selbst wenn Böhe vielleicht viel Gutes getan hat, darf man die Gewalt, die Kindern angetan wurde, nicht vergessen.

Auf welcher Grundlage soll man die Ehrenbürgerwürde aberkennen?
Heibel

Eigentlich reicht ein authentischer Betroffener, da braucht man nicht zehn oder 20. Wenn es nur darum ginge, könnte man es ganz klein machen, für die Aberkennung braucht man nicht lange. Die Aufarbeitung ist die zweite Säule. Wenn die Menschen zu Wort kommen fände ich das sehr gut. Man muss es nicht auf die Einzelperson Böhe reduzieren, könnte auch andere Fälle von Gewalt, gerade auch in der Schule, ernst nehmen. Hier kann man sich mehr Zeit lassen. Und Gespräche müssen natürlich vertraulich behandelt werden.

Werden die Menschen erzählen? Wie schätzen Sie das ein?
Heibel

Es geht um Opferschutz. Wer nicht reden will, den kann man nicht zwingen. Man muss alles daran setzen, klar zu machen, dass es nicht um Einzelbestrafung geht. Natürlich muss man vorsichtig sein, doch sehe ich gute Chancen, wenn man sich gemeinsam auf den Weg macht und in der Breite Vertrauen schafft. Ich finde es toll, dass der Pfarrgemeinderat Malsch hier offen ist. Diese Aufgabe muss ernst genommen werden.

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