Skip to main content

Initiative fordert „Männerhäuser“

Häusliche Gewalt gegen Männer nimmt nicht nur im Raum Karlsruhe stark zu

Die Zahl männlicher Opfer von häuslicher Gewalt steigt in Karlsruhe und Umgebung stärker als die weiblicher - besonders deutlich im Raum Pforzheim. Staat und private Initiativen arbeiten zwar an mehr Hilfsangeboten, sehen aber immer noch großen Bedarf.

Fälle von häuslicher Gewalt nehmen seit Jahren zu, vor allem aber steigen die männlichen Opferzahlen. Foto: Daniel Karmann/dpa

Die Bilanz ist eindeutig: Alle drei Polizeipräsidien in der Region – Karlsruhe, Pforzheim und Offenburg – verzeichnen seit einigen Jahren steigende Fallzahlen von häuslicher Gewalt gegen Männer.

Nicht nur die Zahl der männlichen Opfer, sondern auch die der weiblichen Tatverdächtigen steigt, und zwar stärker als andersherum.

Das heißt: Während häusliche Gewalt insgesamt ein wachsendes Problem darstellt und die Werte vor allem in den Corona-Jahren 2020 und 2021 über alle Gruppen hinweg sprunghaft angestiegen sind, fällt der Zuwachs bei betroffenen Männern stärker aus als bei betroffenen Frauen.

Häusliche Gewalt gegen Männer stieg im Raum Karlsruhe fast doppelt so stark wie gegen Frauen

Konkret stiegen die Opferzahlen aus allen drei Polizeipräsidien zusammen von 2017 bis 2020 um rund 22,6 Prozent. Bei weiblichen Opfern gab es einen Zuwachs um rund 21,1 Prozent. Die Anzahl der Fälle mit männlichen Opfern ist zwar deutlich geringer, der Wert stieg allerdings im gleichen Zeitraum um 42,1 Prozent.

Die Gesamtzahl der Tatverdächtigen stieg um 20,8 Prozent – bei männlichen Tatverdächtigen um 17,8 Prozent, bei weiblichen um 39,1 Prozent.

Besonders deutlich ist der Anstieg im Bereich des Polizeipräsidiums Pforzheim: Während hier 2016 insgesamt 37 männliche Opfer gezählt wurden, waren es 2020 mit 74 bereits doppelt so viele. Die Zahl weiblicher Tatverdächtiger stieg sogar um 127,5 Prozent von 40 im Jahr 2016 auf 91 im Jahr 2020.

20 bis 25 Prozent der Opfer häuslicher Gewalt sind mittlerweile männlich

Wegen unterschiedlicher Zählweisen und zwischenzeitlich veränderter Tatbestands-Definitionen lassen sich nicht immer alle Werte aus verschiedenen Jahren und Regionen miteinander vergleichen.

Dennoch sieht man auch deutschlandweit den Trend bestätigt: Die Fallzahlen häuslicher Gewalt nehmen insgesamt zu und bei betroffenen Männern erst recht. Rund jede fünfte bis vierte betroffene Person, die einen Fall zur Anzeige bringt, ist mittlerweile männlich.

Experten führen das unter anderem auf ein wachsendes gesellschaftliches Bewusstsein für die Problematik zurück: Früher gab es für männliche Gewaltopfer noch deutlich weniger Hilfsangebote als heute.

Außerdem trugen klassische Geschlechterklischees dazu bei, dass Betroffene ihre Erfahrungen oft für sich behielten: „Rollenbilder und Vorurteile – wie vom starken Mann, der sich selbst wehren kann – begünstigen ein Klima des Schweigens und der Scham bei den Betroffenen“, schreibt das baden-württembergische Sozialministerium.

Die meisten Schutzhäuser im Land sind reine Frauenhäuser

Zudem sehen sich Männer, sofern sie die Haupt- oder Besserverdiener in einer Beziehung sind, häufig in der Verantwortung, Kinder und Familie weiter zu unterstützen und die Gewalt deswegen schweigend zu ertragen.

Auch aus diesem Grund dürfte die Dunkelziffer immer noch deutlich höher liegen. Und selbst, wenn sie gehen wollten, wissen männliche Betroffene oft nicht, wohin mit sich: Die meisten Schutzhäuser in Deutschland sind nach wie vor reine Frauenhäuser.

Einer, der das ändern möchte, ist Wolfgang Laub. Der Familientherapeut hat die Initiative „Männerhäuser“ gegründet, die sich seit vielen Jahren für den Ausbau von Schutzwohnungen für Männer einsetzt. In Baden-Württemberg gibt es zumindest drei Anlaufstellen, in denen das Geschlecht keine Rolle spielt: In Stuttgart, Waiblingen und Bruchsal.

Bundesweit gibt es Angebote vor allem in großen Städten wie Köln, Düsseldorf und Dresden. Das ist immer noch „viel zu wenig“, finden Laub und seine Mitstreiter. Deutlich mehr Hilfe sei nötig.

Baden-Württemberg zieht positives Fazit zur Beteiligung am Männer-Hilfetelefon

Eine ortsunabhängige Anlaufstelle, wenn auch nicht physischer Art, gibt es seit 2020 immerhin in Form des Männer-Hilfetelefons. Bayern, Nordrhein-Westfalen und seit einem Jahr auch Baden-Württemberg finanzieren dieses Angebot, das auch digitale Beratung per Chat umfasst. Auch hier registriert man wachsende Zahlen: Im vergangenen Jahr hatte sich die Zahl der Hilferufe von Männern mehr als verdoppelt, von 1.480 im Vorjahr auf 3.043. Viele Betroffene sind zwischen 31 und 50 Jahren alt.

Der baden-württembergische Sozialminister Manne Lucha zog nach einem Jahr Beteiligung am Projekt unlängst ein positives Fazit: „Gewalt gegen Männer wird in der Öffentlichkeit nach wie vor kaum thematisiert. Umso wichtiger ist, dass es entsprechende Hilfsangebote gibt und die Betroffenen nicht allein gelassen werden.“

Hilfe für Betroffene

Das Männer-Hilfetelefon ist von Montag bis Donnerstag von 8 bis 20 Uhr und freitags von 8 bis 15 Uhr unter 0800/123 99 00 zu erreichen. Außerdem kann per E-Mail oder Chat Kontakt aufgenommen werden. Infos unter www.maennerhilfetelefon.de.

nach oben Zurück zum Seitenanfang