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Reportage aus dem OP

Was passiert bei einer Vasektomie eigentlich genau?

Viele Männer befürchten, dass ihre Sexualität durch eine Vasektomie Schaden nehmen könnte. Aber ist die Angst berechtigt? Wir haben einen Patienten bei seiner Vasektomie begleitet.
5 Minuten
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Rund zwei Millionen Menschen in Deutschland sind sterilisiert. Davon sind drei Viertel Frauen. Und das, obwohl der Eingriff bei der Frau sehr viel aufwändiger, teurer und risikoreicher ist als beim Mann. Ein Grund dafür ist, dass sich bei Männern viele Ängste und Befürchtungen um den Eingriff ranken. Die meisten davon sind allerdings unbegründet, erklärt der Urologe Günther Pflanzer aus Karlsruhe.

An dem Freitagmorgen, an dem wir ihn in seiner der Praxis im Karlsruher Stadtteil Durlach besuchen, ist es ruhig. An Patientenmangel liegt das allerdings nicht, sondern am Coronavirus. Die Pandemie sorgt auch hier für mehr Abstand und weniger Menschen. Denn eigentlich hat Pflanzer immer gut zu tun.

Kann sich eine Vasektomie negativ auf die Sexualität eines Mannes auswirken? Viele Männer fürchten sich vor dieser Vorstellung und scheuen deswegen den Eingriff. Foto: Tom Kohler

Auf seiner Website ist er als „Vasektomie-Experte” ausgeschrieben. „Einen Experten weist einfach die Zahl an Eingriffen aus, die er macht”, sagt Pflanzer. In seinem Fall sind das 250 bis 280 Vasektomien pro Jahr. Knapp 300 bis 400 solcher Operationen gibt es jährlich in der ganzen Region. „Ein guter Routinier sollte jeden Tag eine Vasektomie durchführen”, findet der Urologe.

Sein Vasektomie-Patient des Tages liegt da bereits auf dem OP-Tisch: Herr S. ist 46 Jahre alt, hat einen 16-jährigen Sohn und einen Ruhepuls von 62. Seine Sterilisation wird mit der sogenannten Non-Skalpell-Technik durchgeführt. Dabei möchte er nur örtlich betäubt werden. Somit wird er während der Operation wach sein und zuschauen können – wenn er will. Denn sein Gesicht ist nicht abgeschirmt und das ist auch so gewollt. „Ich sehe den Patienten in örtlicher Betäubung gern”, sagt Pflanzer, „Dann kann ich sehen, ob ihm flau wird.”

Bei Herrn S. ist das aber vorerst nicht zu befürchten. „Ich habe mehr Angst vorm Zahnarzt”, gibt er zu, während der Urologe das Operationsgebiet, also die Hoden, desinfiziert. „Eine Zahnsteinentfernung ist schlimmer”, bestätigt auch Pflanzer.

Der schmerzhafteste Teil der gesamten Vasektomie folgt im Anschluss: Die örtliche Betäubung wird direkt unter die Haut des Hodens gespritzt. Dann heißt es 15 Minuten warten, bis sie wirkt.

Bei manchen Männern ist die Angst vor der Vasektomie groß

„Manche Männer haben eine Kastrationsangst”, erklärt Pflanzer während der Wartezeit außerhalb des Operationszimmers. „Als Buben hören sie zum Beispiel, dass der Kater kastriert wurde und fürchten, ihnen passiert dann etwas Vergleichbares.”

Das komme auch daher, dass die meisten Menschen nicht viel über die Anatomie wüssten. Viele Männer glaubten, dass der Samenerguss aus den Hoden komme und hätten Angst, dass sie nach der Vasektomie nicht mehr ejakulieren könnten. „Denn das gibt ihnen Selbstbewusstsein”, glaubt Pflanzer.

Befürchtungen, wonach die Sexualität unter einer Vasektomie leiden könnte, erteilt der Urologe eine klare Absage. Da die Prostata für den Samenerguss maßgeblich ist, ändere sich durch eine Durchtrennung der Samenstränge in den Hoden – denn genau das passiert bei einer Vasektomie – überhaupt nichts.

Jeden Tag eine Vasektomie und das über eine lange Zeit - das macht laut Günther Pflanzer einen Routinier und Experten aus. Mit seinem Team führt er im Schnitt 250 Vasektomien pro Jahr durch. Foto: Tom Kohler

Trotzdem ist bei manchen Patienten die Angst so groß, dass Pflanzer sich weigert, die Operation durchzuführen. „Ich weigere mich, Patienten zu operieren, die abwehren mit den Händen”, sagt er und demonstriert eine wegschiebende Geste in Schritthöhe. Das passiere manchmal reflexartig und dann mache es keinen Sinn. „Wenn diese Menschen nach der Operation irgendwelche Probleme haben, projizieren sie das auf die Vasektomie, obwohl diese nicht ursächlich ist”, erklärt Pflanzer. In so einem Fall sei es besser, den Eingriff nicht machen zu lassen.

Bei Herrn S. läuft indes alles nach Plan. Während Pflanzer den linken Hoden abtastet, um den Samenstrang zu erfühlen, unterhält er sich mit seinem Patienten über dessen Job – alles ganz unaufgeregt.

Dann geht es los: Pflanzer greift zu einem spitzen Instrument. „Das ist in etwa so spitz wie eine Nadel”, erklärt er. Damit drückt er auf die Haut an der Stelle am Hoden von Herrn S., wo er zuvor den Samenstrang ertastet hat. Dadurch entsteht dort ein winziges Loch. Dann dehnt der Urologe die Haut um das Loch mit einem anderen Instrument auf und fixiert alles mit einer Klemme. „Aufspleißen” nennt sich der Vorgang in der Fachsprache.

Zwei Schnitte und ein Zentimeter „Spaghetti”

In einschlägigen Beschreibungen des Vorgangs ist immer wieder zu lesen, dass der Eingriff „minimalinvasiv” sei. Es bedeutet, dass die Operation mit der kleinstmöglichen Verletzung des Gewebes durchgeführt wird. Und minimal ist tatsächlich auch das Operationsfeld, in dem der Urologe arbeitet: Es ist kaum größer als die Fingerkuppe eines Daumens.

Dadurch, dass für den Eingriff nicht einmal ein Schnitt in die Haut notwendig ist, gibt es nach der Operation weniger Schwellungen –und vor allem weniger Schmerzen.

Nach dem Aufspleißen holt Pflanzer den Samenstrang vorsichtig nach oben. Um ihn durchtrennen zu können, muss erst die dünne Schicht, die sich um den Samenleiter herum befindet, freigelegt werden. „Da sind wichtige Nerven drin”, erklärt der Urologe.

Zwei der Operationsinstrumente, die bei einer Vasektomie zum Einsatz kommen. Bei der Non-Skalpell-Technik geht es auch ohne einen Schnitt. Foto: Christina Fischer

Was dann zum Vorschein kommt, ist ein dünner Strang aus blassem Gewebe in Form einer Schlaufe. „Wie eine Spaghetti sieht das aus”, beschreibt es Pflanzer. Ein Zentimeter muss aus dieser „Spaghetti” nun herausgeschnitten werden. Pflanzer macht zwei Schnitte und wenige Sekunden später liegt ein winziges weißes Stück neben dem Operationstisch auf einer Ablage.

Dieses Stück wird der Urologe in die Pathologie schicken – das ist Standard. „Man sollte jedes menschliche Gewebe, das man entfernt, untersuchen lassen”, sagt Pflanzer.

Zum Abschluss werden die beiden losen Enden des Samenstrangs verödet und mit einem Faden abgebunden. Es handelt sich dabei um einen „Hilfsfaden”. Durch ihn kann das Operationsgebiet noch einmal hervorgeholt werden, sollte es nötig sein. Wenn die OP beendet ist, wird der Faden entfernt.

Schon ist die Hälfte des Eingriffs überstanden und es sind kaum zehn Minuten vergangen.

Vasektomie: nach 15 Samenergüssen offiziell unfruchtbar

Wenig später ist auch der zweite Samenleiter durchtrennt. Herr S. ist nun unfruchtbar, aber noch immer entspannt und guter Dinge. „So langsam schläft mir der Hintern ein”, sagt er und lacht.

Für alle Fälle bekommt er einen gepolsterten Verband. „Manche Menschen schlafen ja auf dem Bauch”, gibt Pflanzer zu bedenken. Mit so einem Verband ist das auch kurz nach der Operation kein Problem.

Dann schallt plötzlich ein Schrei durch den Raum. Pflanzers Assistentin hat die OP-Abdeckung entfernt, die mit Klebestreifen direkt auf der Haut des Patienten befestigt war. „Das war jetzt das Schlimmste an der ganzen Sache”, sagt Herr S., klingt dabei aber auch ein bisschen erleichtert. Die Operation ist vorbei.

Der Urologe und seine Assistentin helfen Herrn S. auf eine fahrbare Liege. Auf der Unterlage auf dem Operationstisch bleibt ein großer roter Fleck zurück. „Manche erschrecken sich, wenn sie das sehen”, sagt Pflanzer. Doch der Fleck besteht nicht aus Blut, sondern rührt von dem rötlich gefärbten Desinfektionsmittel her.

Für Herrn S. gibt es noch einen Kaffee, um den Kreislauf etwas in Schwung zu bringen. Dabei plaudert er noch ein bisschen mit dem Arzt, der ihn gerade unfruchtbar gemacht hat. Dann darf er gehen.

Neben dem Aufwachraum gibt es eine kleine Kaffeeküche. Von dort bekommen die Patienten nach dem Eingriff auf Wunsch einen Kaffee - für den Kreislauf. Foto: Tom Kohler

Es wird nun etwa 15 Samenergüsse brauchen, bis keine Spermien mehr im Ejakulat zu finden sind. Nach etwa acht Wochen wird eine Probe genommen. Wenn diese spermienfrei ist, ist Herr S. offiziell zeugungsunfähig.

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