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Positive Erfahrungen trotz Einschränkungen

Taufe im Swimming-Pool: Corona-Krise löst in Brettener Kirchengemeinden Kreativitätsschub aus

Das Gute im Schlechten: Trotz der vielen Einschränkungen hat die Corona-Krise in den Kirchengemeinden einen Kreativitätsschub ausgelöst. Neue Formate und Ideen wurden ausprobiert und beim Gottesdienst kleine, flexible Formen gewählt.

Mit Abstand und Maske: In den katholischen Kirchengemeinde in Bretten ist die Freude groß, dass man im Gottesdienst wieder singen kann. Und auch die Online-Formate will man beibehalten und auch weiterhin so viele Veranstaltungen wie möglich im Freien abhalten. Foto: Tom Rebel

Auch wenn das Damoklesschwert einer drohenden vierten Corona-Welle ebenfalls über den Kirchentürmen hängt, hat sich das Gemeindeleben mittlerweile weitgehend normalisiert. Wie gehen die Gemeinden mit den neu gewonnenen Freiheiten um, was ist geblieben von den Erfahrungen aus dem Lockdown und welche Erfahrungen und Impulse nehmen sie für die kommende Zeit mit?

Die evangelische Dekanin Ulrike Trautz spricht von einem Innovationsschub, den die Pandemie ausgelöst hat. Viele Kirchengemeinden hätten mit neuen Ideen und Formaten experimentiert und damit gute Erfahrungen gemacht.

Man sei rausgegangen aus den Kirchen, hätte Gottesdienste auf dem Sportplatz gemacht oder interaktive Treffen mit den Konfirmanden organisiert. Und gemerkt: Das sind gute Formate, nicht allein in der Pandemie.

Alternative Sachen überlegt

„Einmal abgesehen davon, dass in der Corona-Zeit vieles nicht mehr ging und es schmerzhafte Einschnitte ins Gemeindeleben gab, hat diese Zeit aber auch einen Kreativitätsschub ausgelöst“, sagt der Gondelsheimer Pfarrer Stefan Kammerer. Angesichts der Einschränkungen und dass beispielsweise nicht gesungen werden konnte, habe ich mir viele alternative Sachen überlegt.“

Taufe im Swimmingpool: Der Gondelsheimer Pfarrer Stefan Kammerer tauft die kleine Tochter von Franz und Katrin Heuschmid. Foto: Hans-Peter Heuschmid

Man habe andere Themen aufgegriffen, andere Musik eingespielt, kürzere Formen gesucht, den Gottesdienst entschlackt und auf das Wesentliche reduziert. „Wir haben auch vieles im Freien gemacht, Wanderungen, Gottesdienste in der Natur oder Tauferinnerungen an ungewöhnlichen Orten“, sagt er. Sogar eine Taufe in einem Swimmingpool im Garten sei dabei gewesen. Oder eine Verkündung der Weihnachtsbotschaft mit dem Lautsprecherwagen.

Außerdem habe man kleine, flexible Formen von Gottesdiensten ausprobiert. „Ich bin kein Freund von Online-Gottesdiensten, weil ich die nicht so gut kann und habe deshalb so viele Präsenzgottesdienste wie möglich gemacht“, sagt Kammerer.

Allerdings in der Form reduziert: nur eine Lesung, nur ein Gedanke und die passende Musik dazu, die man sonst nicht unbedingt in der Kirche hört. Und Dinge gemacht, die man in der Kirche so nicht erwartet.

Mehr Raum für Persönliches und Spontanes

Was bleibt von diesen Erfahrungen? „Unsere Gottesdienste haben ja eine sehr festgelegte Struktur, die Corona-Krise hat da etwas Spontanes, Informelles und Persönliches in diese Struktur gebracht“, resümiert der Pfarrer. Diese Kreativität, Spontaneität und Unmittelbarkeit möchte er gerne beibehalten.

Auch die Katholiken haben neue Erfahrungen gemacht. „Das Gemeindeleben ist zwar nach wie vor eingeschränkt, bei den Gottesdiensten gilt noch die Maskenpflicht. Doch das Singen mit Mund-Nasen-Schutz ist erlaubt und eine ganz, ganz wichtige Sache für die Menschen, die den Gottesdienst jetzt nicht mehr nur stumm verfolgen müssen“, sagt Harald-Mathias Maiba von der Seelsorgeeinheit Bretten Walzbachtal.

„Die Gottesdienstbesucher singen wieder aus voller Kehle – trotz der Maske. Man spürt, wie sehr ihnen das gefehlt hat, am Gottesdienst aktiv teilzunehmen“, berichtet der Pfarrer. Alle Gruppen können sich wieder treffen. Doch auch die Online-Übertragungen der Gottesdienste laufen weiter, denn es gibt eine Vielzahl an Gemeindemitgliedern, die es zu schätzen wissen, dass sie den Hauptgottesdienst am Sonntagvormittag zu Hause im Wohnzimmer mitverfolgen können. Und das soll auch so bleiben.

Selbst die Beichte ins Freie verlegt

Im Blick auf den Herbst sei man sehr, sehr vorsichtig, betont Maiba. Alles, was im Freien stattfinden kann, sei natürlich zu bevorzugen. Es gebe schon wieder Proben der Band des Kirchenchors oder des Gospelchors, die – wenn möglich – draußen stattfinden. Sogar die Beichte hat der Gemeindeseelsorger ins Freie verlegt. Die sei ja nicht an den Beichtstuhl gebunden, betont Maiba. Er spricht auch nicht mehr von Beichte, sondern von einer „Feier der Versöhnung“, um das Wesentliche dieser seelsorgerlichen Gespräche herauszustellen.

Wie ist die Stimmungslage? „Wir haben über die ganze Corona-Zeit einen wichtigen Dienst der Hoffnung und des Miteinanders geleistet und versucht, aufmerksam zu sein für die Fragen und Nöte der Menschen.“ Als neue und wichtige Erfahrungen bezeichnet Maiba die Nutzung der digitalen Möglichkeiten. Viele junge Leute hätten sich dabei mit Freude und Begeisterung eingebracht und Zeichen gesetzt. Für Maiba ist das ein großer Gewinn.

Digitale Formate sollen bleiben

Alle Gemeinden im evangelischen Kirchenbezirk bieten laut Ulrike Trautz jetzt wieder Präsenzgottesdienste an. Diejenigen, die sich eine technische Ausrüstung für Online-Gottesdienste angeschafft und eingerichtet haben, fahren zweigleisig. „Wir wollen ja die Leute nicht verlieren, die durch die digitalen Angebote neu dazu gekommen sind“, sagt die Dekanin.

Denn man habe entdeckt, dass dies auch eine Form von Kirche sei, die man beibehalten wolle. Für manche Leute, denen es im Gottesdienst zu eng zugeht, sei diese Form vielleicht angemessener, zu Hause am Gottesdienst teilzunehmen und sich trotzdem zugehörig zu fühlen.

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