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„Jetzt kommt der Aufschrei der Gesellschaft”

Vorsitzender des Kreisbauernverbands kritisiert Produktionsdruck und fehlende Perspektiven

Die Zeit in der Landwirtschaft lässt sich nicht zurückdrehen, sagt Werner Kunz vom Kreisbauernverband. Doch trotz aller Widrigkeiten glaubt er an eine Zukunft für die Äcker in der Region.

Werner Kunz ist Landwirt seit über 40 Jahren. Der 63-Jährige führt nicht nur den Damianushof in Ubstadt-Weiher. Er sitzt auch im Vorstand des Kreis- sowie des Landesbauernverbands. Foto: Janina Keller

Werner Kunz überblickt weit mehr Hektar als die 180 seines Damianushofes in Ubstadt-Weiher. Gegenüber Politik, Verbrauchern und Naturschützern bezieht er Position für seine Kollegen und sich selbst. Kunz ist Vorsitzender des Kreisbauernverbandes und sitzt im Vorstand des Landesverbandes Baden-Württemberg. Im Gespräch mit Redaktionsmitglied Janina Keller ordnet er die Kritik, Sorgen und Hoffnungen vieler Landwirte ein.

08.06.2020 Spitalhof Alexander und Martin Kern GbR Bretten Diedelsheim Foto: Rake Hora

Welchen Eindruck haben Sie derzeit, wenn Sie sich auf den Höfen der Region umschauen?
Werner Kunz

Die Stimmung ist sehr aufgewühlt. Die Anschuldigungen der Gesellschaft gegen die Landwirte haben sich in den vergangenen Jahren hochgeschaukelt. Um diese unerträgliche Entwicklung zu beenden, streben wir in Baden-Württemberg eine Art Gesellschaftsvertrag an. Wir wollen Landwirtschaft, Naturschutz, Verbraucher und Politik an einen Tisch bringen und definieren, wie die Landwirtschaft in zehn Jahren aussehen soll.

Was ist falsch gelaufen in der Vergangenheit?
Werner Kunz

Wir wurden lange Zeit von der Politik getrimmt, uns dem Weltmarkt anzupassen. Da wir aber unterlegen waren, mussten wir die Produktion intensivieren. Das hieß viel Düngemittel und viel Pflanzenschutz für einen hohen Ertrag, um konkurrenzfähig zu sein. Die Preise werden nicht an die Situation in Deutschland angepasst. Mittlerweile müssen wir schauen, wie zum Beispiel das Niveau in Russland ist. Jetzt kommt der Aufschrei der Gesellschaft. Ja, die Landwirtschaft nutzt Mittel, die einen gewissen Einfluss auf die Natur haben. Um davon wegzukommen, müssen wir die bisher eingesetzten Mengen verringern. Wir müssen bislang möglichst viel erzeugen, dass unterm Strich noch Geld dabei rauskommt. Das ist ein Irrweg, den wir stoppen müssen.

Das klingt fast danach, landwirtschaftliche Betriebe wieder zu verkleinern.
Werner Kunz

Wir können das Rad nicht 50 Jahre zurückdrehen. Die romantische Vorstellung eines Bauernhofes mit ein paar Kühen, Hühnern und einigen Äckern funktioniert in der Realität nicht mehr. Landwirte brauchen heutzutage große Produktionsflächen am Stück, um rationell arbeiten und am Markt überleben zu können. Ich halte es aber für gut, um diese eher monotonen Äcker mit Blühstreifen Vielfalt zu schaffen. So können wir Landwirte Umweltziele unterstützen.

Wenn wir schon auf dem Acker sind. Das Pflanzenschutzmittel Glyphosat wird verboten. Manchen Kollegen bereitet das Sorgen. Was denken Sie?
Werner Kunz

Wegen des Verbots von Glyphosat wird keiner seinen Betrieb aufgeben. Jetzt kommt das große Aber. Wir nutzen das Mittel im Frühjahr, um Pflanzenreste zu beseitigen, sodass wir neu aussäen können. Die Mulschicht, die dabei entsteht, verhindert, dass der Regen den Boden weggeschwemmt. Ohne Glyphosat müssen wir den Acker mehrfach mechanisch bearbeiten. Dadurch wird die Oberfläche gelockert und die Erosionsgefahr auf Anbauflächen in Hanglage steigt.

Viele Verbraucher greifen wegen der Pflanzenschutzmittel zu Bio.
Werner Kunz

Bio hat eine gewisse Aura. Ich bin aber davon überzeugt, dass aufgrund unserer Standards unsere regionalen konventionellen Produkte besser sind als biologische aus Osteuropa. Pflanzenschutzmittel und Dünger werden auch im Bio-Bereich eingesetzt, das wissen nur viele nicht. Allerdings sind es dann keine chemischen. Ich bin nicht gegen Bio. Am Beispiel von Milch wird aber deutlich, dass der Markt nicht da ist. Die Molkereien können keine Bio-Ware mehr aufnehmen, da die Nachfrage fehlt. Sonst müsste man die Preise drücken. Ähnlich ist es beim Gemüse.

Sie nehmen also auch die Verbraucher und Discounter in die Pflicht?
Werner Kunz

Man sollte an der Bereitschaft arbeiten, für Lebensmittel mehr Geld auszugeben. Unser Ziel ist die regionale Vermarktung. Wir werden einem Discounter nie vorschreiben können, welche Produkte aus welchem Land er verkauft. Aber wir können den Unterschied aufzeigen. Der Verbraucher kann an der Ladentheke entscheiden.

Viele Landwirte beklagen, dass Vorgaben sich zu schnell ändern.
Werner Kunz

Wenn ich einen Stall baue, wird der über rund 20 Jahre abgeschrieben. Müsste man diesen nach nur fünf Jahren wieder schließen, macht das den Betrieb kaputt. Es braucht lange Übergangsfristen. Auf Druck der Gesellschaft und Naturschutzverbände reagiert die Politik so schnell, da sind die Investitionen der Landwirte noch gar nicht abbezahlt. Die Leute sind frustriert. Der Gesellschaftsvertrag knüpft genau da an und soll Voraussetzungen langfristig festlegen.

Um die Nachfolge auf einem Hof anzutreten, so wie Ihr Sohn es macht, braucht es dafür mehr Mut als früher?
Werner Kunz

Voraussetzung ist, dass der Betrieb intakt und existenzfähig ist. Dann hätte ich einem Nachfolger noch vor zehn Jahren gesagt, er könne ohne Zweifel übernehmen. Die Anfeindungen gegen Landwirte wurden stärker, die Ungewissheit ist gestiegen. Wir brauchen die Perspektive, wie Landwirtschaft in der Zukunft aussehen soll. Dann kann sich die junge Generation Gedanken machen über den Ist-Zustand des Hofes und die Situation für sich bewerten.

Auch dieses Gespräch über Landwirtschaft dreht sich ähnlich wie die mit ihren Kollegen viel um negative Aspekte.
Werner Kunz

Landwirt ist nach wie vor ein schöner Beruf. Wenn wir diese Last, ständig von der Gesellschaft bedrängt zu werden, loswerden, und die Weichen für die Zukunft stellen, könne wir uns wieder auf das Kerngeschäft konzentrieren. Dann hat Landwirtschaft auf jeden Fall eine Zukunft bei uns.



BNN-Serie

Idyllisches Landleben oder gnadenloses Business? Zukunftsfragen rund um Umweltschutz, Tierwohl oder Ernährungsgewohnheiten beschäftigen landwirtschaftliche Betriebe. Dünge-Verordnungen, Preis-Dumping und Bio-Trends: Die Höfe stehen unter Druck. Für die Landwirte geht es um ihre Existenz, ihr Familienerbe und gesellschaftliche Anforderungen. Welche Sorgen haben sie? Die BNN stellen einige Landwirte aus dem Landkreis Karlsruhe vor – konventionell und biologisch, vom Milcherzeuger und Fleischproduzent bis hin zum Gemüsebauer – und lassen sie an dieser Stelle regelmäßig zu Wort kommen.

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