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Historische Führung im Rebland

Baden-Badener Stadtteil Neuweier ist mehr als nur ein Weindorf

Der Baden-Badener Reblandstadtteil Neuweier hat eine reiche Geschichte, die viel mehr als nur den Weinbau zu bieten hat. Bei der ersten historischen Dorfführung gab es viele Aha-Momente.

Zu Füßen der Pfarrkirche: Rund 20 Gäste nahmen an der ersten historischen Führung durch Neuweier teil, die Karl Keller vom Historischen Verein Yburg leitete. Foto: Wilfried Lienhard

Bis Neuweier war es ein weiter Weg. In einer Zeit, in der geschriebene Sprache noch keinen verbindlichen Regeln unterlag, erschien das Dorf nach der urkundlich ersten Erwähnung von 1297 als Nägewilre in den unterschiedlichsten Varianten, von Newilre über Newyr und Neweiler bis zum heutigen Neuweier.

Mit der Vielfalt der Schreibweisen korrespondiert die reiche Geschichte des Orts. Beim ersten historischen Dorfrundgang zeigte Karl Keller in kurzweiligen zwei Stunden den Reichtum auf, mit dem Neuweier sich hinter dem „großen” Steinbach nicht verstecken müsse, wie der Vorsitzende des Historischen Vereins Yburg sagte.

Bocksbeutel und Trotzbuddel

Dass bei einem Ausflug in die Neuweierer Geschichte der Wein eine Rolle spielen würde, war nicht anders zu erwarten. Der Tropfen, den das Team von Robert Schätzle im Schlosshof kredenzte, war für die rund 20 Teilnehmer der Führung dagegen eine schöne Überraschung. Das Schloss ist mit dem Weinbau in Neuweier auf zweifache Weise untrennbar verbunden.

Franz Philipp Knebel von Katzenellenbogen pflanzte hier 1785 erstmals Niersteiner und Laubenheimer Rieslingreben an. Ihm ist auch zu verdanken, dass Rebländer Wein im Bocksbeutel abgefüllt werden darf, ein außerfränkisches Privileg, das im 20. Jahrhundert mehrfach die höchsten deutschen Gerichte beschäftigt und eine „ein bisschen südlich gelegene Winzergenossenschaft” so neidisch gemacht habe, dass sie eine „Trotzbuddel” entwickelt habe, wie Keller mit Augenzwinkern sagte.

Vielfältige Informationen: Karl Keller präsentiert das vor drei Jahrzehnten erschienene Rebland-Buch. Foto: Wilfried Lienhard

Heute sind die „Gegner” von damals unter einem Dach vereint, die Winzergenossenschaften haben fusioniert. Keller skizzierte die Entwicklung des aus großer Not heraus entstandenen Genossenschaftswesen. Die Reblaus, die Peronospora und was sonst noch im Gruselkabinett enthalten war brachte den europäischen Weinbau millimeternah an den Abgrund. Die Rettung in letzter Sekunde brachte der Propfrebenanbau: Auf eine Amerikanerwurzel wurde der Edelreiser gepfropft, ein Prinzip, das die 1922 gegründete Winzergenossenschaft Neuweier gegen erhebliche Widerstände durchsetzte.

In Neuweier gab es einst Bergbau

Neuweier war indes keineswegs „nur” ein Weindorf. Keller vermittelte auf der kurzweiligen Tour auch manch Unerwartetes. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es, wenn auch nur für wenige Jahre, ein Silber-, Blei- und Kohlenbergwerk. Spuren hätten sich keine mehr erhalten, so Keller, doch manche Anekdote - wie jene von der Familie, die über einem Schacht ein Backhäuschen errichtet hatte, das mit großem Rums in die Tiefe gestürzt sei, während die Familie ein paar Meter beim Essen gesessen habe.

Und Neuweier war vor allem ein Mühlendorf. Das kann nur bei einem oberflächlichen Blick verwundern: Der durch den Ort fließende Steinbach drängte die Nutzung der Wasserkraft geradezu auf. Elf Mühlen seien einst an seinem Lauf gezählt worden, und neun davon waren in Neuweier angesiedelt: Säge-, Senf-, Öl, Schleif- und Kornmühlen.

Im Schlosshof ist seit einem knappen Vierteljahrhundert eine Ölmühle von 1844 zu sehen, die im Oberdorf zwischen der heutigen Altenbergstraße und der Straße Zum Kegelspiel stand. Bis etwa 1960 war sie in Betrieb. Keller schilderte detailliert die Betriebsweise und die körperlich schwere Arbeit. „Alles, was irgendwie Öl von sich gegeben hat, wurde gepresst”, sagte Keller. Das Material für die Mühlsteine habe aus den oberhalb von Varnhalt gelegenen Steinbrüchen gestammt.

Das Wunder von Neuweier

Viele kleine Aha-Momente wusste Keller auf dem Weg durch das Dorf zu bescheren: den hohen Reichsadel, dem zeitweise das Schloss gehörte (ein Dalberg habe das Recht gehabt, nach der Kaiserwahl den Kaiser auszurufen), die Jesuiten, die in Neuweier eine Mühle betrieben, die 1836 die vielleicht erste Dampfmaschine im Ort erhielt (die Jesuiten waren da aber schon weg), das „Wunder von Neuweier”, als im pfälzischen Erbfolgekrieg 1690 alles niedergebrannt wurde und in der Kirche eine Madonna völlig unversehrt geblieben sei. Wie wahrheitsgetreu diese Geschichte ist, muss indes offen bleiben. Ein Dokument, das darüber Auskunft gibt, stammt aus dem Jahr 1751.

Die alte Kirche: In den Stunden des Zweiten Weltkriegs wurde das Gotteshaus zerstört. Wenige Meter vom alten Standort entfernt entstand die neue Kirche. Foto: pr

Auch die Teilnehmer der Runde wussten manches beizusteuern, die Erinnerung an Fernsehaufnahmen für die Serie „Forellenhof”, dessen Küchenszenen im Neuweierer „Lamm” gedreht wurden, die Äffchen, die im „Lamm”-Garten zu sehen waren, und dort, wo einst das bis 1981 betriebene Café Seiler stand, ließ die Erinnerung an Kindertage viele Augenpaare leuchten, das Eis, das dort verkauft wurde, genießt bis heute einen legendären Ruf: „Hier habe ich das beste Eis meines Lebens gegessen”, sagte eine Teilnehmerin.

Inferno am Kriegsende

Die Tour streifte den bereits 1253 erwähnten Ortsteil Schneckenbach und endete bei der Kirche, die nach dem Zweiten Weltkrieg errichtet wurde. Die Vorgänger war in den letzten Kriegsstunden in einem wahren Inferno zerstört worden.

Den Schlusspunkt setzte ein Kontrast zum Krieg, wie er größer kaum sein könnte, das idyllische Bild eines von einem Ochsengespann beladenen Heuwagens, der durch den Ort rumpelt: „Die gute alte Zeit”, sagte Keller - aber weit entfernt von einer Verklärung: „Sie war hart.”

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