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Bedürftige müssen klingeln

Corona-Regeln schrecken Obdachlose in Baden-Baden ab

Die wohnungslose Inge Voss lebt im stationären Bereich der Wohnungshilfe Baden-Baden. Was Corona bedeutet, kann sie nicht ganz verstehen, an die Maskenpflicht hält sie sich trotzdem. Unterdessen halten die neuen Vorschriften viele Hilfesuchende ab, überhaupt die Einrichtung aufzusuchen.

Im Rucksack-Café: Die Wohnungslosen verbringen den Nachmittag damit Karten auszumalen. Diese Aktion gibt ihrem Tag Struktur. Foto: Sidney-Marie Schiefer

Die Tür der Wohnungslosenhilfe in der Ooser Bahnhofstraße steht normalerweise offen. Wegen Corona ist der Eingang nun abgeschlossen. Die Hilfesuchenden müssen klingeln und warten, bis ihnen ein Mitarbeiter öffnet. Eine Hürde, die wie Christian Frisch vermutet, manch einen abschreckt.

„Wir können das nicht verstehen, wir würden einfach warten“, meint der Leiter der Einrichtung und ergänzt: „Viele der Leute, die kommen, können Probleme nicht angehen, das hat sie zum Teil überhaupt erst in ihre Situation gebracht.“ Deswegen sei das Angebot der Caritas eigentlich so niedrigschwellig wie möglich.

„Wenn die Leute kommen, möchte ich ihnen eigentlich erst einmal etwas geben und wenn es nur ein Lächeln ist, aber selbst das geht mit Maske schlecht“, meint Frisch. Stattdessen müssen die Wohnungslosen einen Fragebogen ausfüllen und ihre Kontaktdaten angeben - wobei auch nach ihrer Adresse gefragt wird.

Matratzenlager ist coronabedingt nicht möglich

Wobei grundsätzlich nur ein kleiner Teil der sogenannten Obdach- oder Wohnungslosen wirklich auf der Straße lebe, erklärt Frisch. „Ein Wohnungsloser gilt auch als solcher, wenn er von uns oder der Stadt untergebracht wurde“, betont er. Diejenigen, die noch nicht untergebracht sind, können jederzeit den Kälteschutz der Caritas nutzen. Das ist im sogenannten Ordnungsrecht festgehalten.

„Jeder, egal wie viel Geld er hat, ob er Arbeit hat, oder wo er gemeldet ist, hat das Recht zum Schutz beispielsweise vor dem Erfrieren, auf eine Unterbringung durch die Gemeinde“, erklärt Frisch. Im vergangenen Winter habe die Caritas für diese Fälle teils Matratzenlager eingerichtet, das sei dieses Jahr coronabedingt nicht möglich. Stattdessen habe die Wohnungslosenhilfe aus jedem möglichen Raum ein Einzelzimmer gemacht.

Wenn heute Nacht zwei Menschen klingeln, haben wir schon ein Problem.
Christian Frisch, Einrichtungsleiter

Frisch sagt jedoch: „Wenn heute Nacht zwei Menschen klingeln, haben wir schon ein Problem.“ In diesem Falle müsse er auf eine Notfallnummer der Stadt zurückgreifen.

Auch in das Rucksack-Café, die Wärmestube der Caritas in Baden-Baden, dürfen aktuell nur fünf Leute gleichzeitig - denn der Raum ist klein. „Eigentlich treffen die Obdachlosen hier auf Helfer, die mal in ihrer Situation waren“, beschreibt Frisch den Zweck des Treffs. Da nun aber viele beliebte Beschäftigungen wie: „Dart spielen und dabei essen“, verboten sind, erscheine die Anlaufstelle unattraktiver.

Ihr Zuhause: Inge Voss wohnt schon seit Jahren im stationären Bereich der Wohnungslosenhilfe. Foto: Sidney-Marie Schiefer

„Aufwärmen geht tagsüber überall“, meint Frisch. Zur Zeit wird das Angebot vor allem von Wohnungslosen genutzt, die bereits stationär untergebracht sind. Sie treffen sich dort beispielsweise zum Malen, das gebe ihrem Tag Struktur.

Ehemalige Obdachlose arbeitet ehrenamtlich

Eine von ihnen ist Inge Voss, sie und Frisch kennen sich bereits seit 20 Jahren. „Ich komme aus dem Osten, da ist meine Vergangenheit, ich bin damals dann mit Franky hergekommen“, sagt Voss. 1996 habe sie mit ihrem damaligen Freund Franky zunächst ein dreiviertel Jahr auf der Straße gewohnt. „Er hat dann aber gemerkt, dass Platte machen nichts für sie ist“, erinnert sich Frisch an seine erste Begegnung mit Voss.

Er war noch in der Ausbildung, als sie das erste Mal zur Wohnungslosenhilfe kam. Die beiden hätten dann relativ lange in einer eigenen Wohnung gelebt. „Sie waren trotzdem jeden Tag hier und haben ehrenamtlich geholfen“, sagt Frisch. Franky sei „ein richtiger Mann von der Straße“ gewesen, an den sich Neuankömmlinge gerne gewandt haben.

Langjährige Bekannte: Inge Voss kennt Christian Frisch den Leiter der Wohnungshilfe Baden-Baden schon seit dessen Ausbildung. Foto: Sidney-Marie Schiefer

Vor rund acht Jahren starb Franky. „Ich rede nicht gerne darüber, das macht mich traurig“, sagt Voss. Frisch berichtet: „Ich war damals zufällig in der Wohnung, Inge war ganz apathisch, ich wusste, das geht nicht und habe sie mit hierhin genommen.“ Seitdem wohnt sie im stationären Bereich der Wohnungslosenhilfe. Täglich putzt sie den Essbereich. „Morgens von acht bis elf“, ergänzt Voss. Eine Reinigungsfirma würde das in einer viertel Stunde schaffen, schätzt Frisch.

Doch Inge gebe im Rahmen ihrer Möglichkeiten wirklich alles, betont er. „Wenn sie krank ist, gibt sie immer eine Krankmeldung ab, dabei brauch ich die gar nicht, sie arbeitet ja freiwillig“, sagt Frisch. Voss sei es jedoch wichtig, und er nehme sie ernst.

Jeder nimmt Corona anders wahr

Auf die Frage, wie sich die Situation in der Wohnungshilfe seit Corona verändert hat, weiß Voss keine richtige Antwort. Die Maske stört sie, das ist ihr anzumerken. Sie trägt sie aber trotzdem die ganze Zeit. „Wir haben hier Menschen, die die Situation nicht wirklich mitkriegen oder verstehen, wie Inge, die tragen die Maske eben weil wir es sagen“, meint Frisch.

Bei anderen sei er überrascht, dass sie die Situation nicht ernst nehmen: „Einer hat mir einfach nicht geglaubt, dass die Frisöre deswegen zuhaben.“ Und wieder anderen sei die Pandemie fast egal, Frisch berichtet von Leuten, die ihren Lebensmut verloren haben.

„Dann wieder haben wir jüngere Menschen im Haus, denen ist die Gefahr völlig klar, die haben angeboten, beim Desinfizieren zu helfen“, erinnert sich Frisch und betont: „Jeder hier hat seine eigene Geschichte.“

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