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Aktion läuft bis 30. November

Museum Frieder Burda sammelt gehäkelte Korallen für Ausstellung – und den Schutz der Meere

Handarbeit als Umwelthilfe: Knapp 17.000 gehäkelte Korallen sind bereits eingetroffen bei einer Sammelaktion des Museums Frieder Burda für eine geplante Ausstellung. Dabei geht es auch um den Umweltschutz.

Bunt und vielgestaltig wie in der Natur wirken die gehäkelten Korallen, die hier von einer Mitarbeiterin des Museums Frieder Burda gesichtet werden. Hieraus werden Christine und Margaret Wertheim ein „Baden-Baden Satellite Reef“ erstellen. Foto: Uli Deck

Häkeln für die Weltmeere: Mit diesem Aufruf wirbt das Museum Frieder Burda seit vergangenem Sommer für die Mitarbeit an dem „Baden-Baden Satellite Reef“ von Margaret und Christine Wertheim.

Inzwischen sind knapp 17.000 gehäkelte Korallen von 1.800 Einsenderinnen eingegangen, die nun bis Ende Januar 2022 von der Künstlerin Christine Wertheim gesichtet und von vielen Helferinnen zu einem Riff zusammengefügt werden. Dieses wird gezeigt in der Ausstellung „Wert und Wandel der Korallen“ vom 29. Januar bis zum 26. Juni 2022.

Was die Teilnehmerinnen des Projekts bewegt, ist nicht nur Freude an der Handarbeit, sondern Engagement: für den Schutz der Weltmeere und gegen die fortschreitende Erderwärmung. Der Sponsor des Projekts EnBW Energie Baden-Württemberg überweist für jede eingesandte gehäkelte Koralle einen Geldbetrag an die Meeresschutzorganisation Sea Shepherd Deutschland.

Wertheim entwickelte spezielle Häkeltechnik, um Korallen simulieren zu können

Doch damit sind die Dimensionen des Projekts noch nicht ausgelotet. Margaret Wertheim ist Mathematikerin, Physikerin und erfolgreiche Wissenschaftsautorin. In ihren Büchern bringt sie Wissenssysteme zusammen, die sonst getrennt voneinander gedacht werden.

Für sie stehen Ökologie, Mathematik und die Kulturtechnik des Häkelns nicht im Widerspruch zueinander. Die in Australien geborene Wissenschaftlerin erkannte, dass Korallen hyperbolische Formen ausbilden, die nicht mit Computerprogrammen zu simulieren sind. Dies ist nur durch eine spezielle Häkeltechnik möglich, welche die Mathematikprofessorin Daina Taimina von der Cornell University in den 1990er Jahren erfunden hat.

Wenn man also nach der Anleitung der Geschwister Wertheim Korallen häkelt, erzeugt man ein Modell eines hyperbolischen Körpers – also eines Körpers, der die euklidische Raumvorstellung abgelöst hat. Dabei beschäftigt man sich mit der unerschöpflichen Vielfalt der Korallen, deren Existenz durch die Erwärmung der Weltmeere bedroht ist, und hat womöglich dabei auch viel Spaß beim gemeinsamen Handarbeiten mit Gleichgesinnten.

Margaret und Christine Wertheim konnten in den vergangenen Jahren mehr als zwei Millionen Menschen für die Mitarbeit an ihren partizipativ hergestellten Satelliten-Riffe gewinnen, die sie in Museen auf drei Kontinenten ausstellten.

Lange Geschichte: Das Stricken war Teil politischer Aktionen

Diese Kampagne für mehr ökologisches Bewusstsein hat eine lange Vorgeschichte, wie die vor kurzem auf Deutsch erschienene Kulturgeschichte des Strickens von Katerina Schiná zeigt. Der erste politische Strickzirkel bildete sich bereits 1765 in Boston. Die Daughters of Liberty, die Töchter der Freiheit, demonstrierten strickend gegen übermäßige Steuern des englischen Mutterlandes. Sie arbeiteten mit einheimischen Garnen und boykottierten die importierte Wolle aus England.

Das Stricken war zudem nicht immer eine Domäne der Frauen. Im Mittelalter übten Männer dieses Handwerk aus, während die Frauen am Webstuhl saßen. Die japanischen Samurai-Kämpfer stellten Handschuhe, Strümpfe und Futterale für ihre Waffen in dieser Technik her. Heute gilt das Stricken bei Männern als exzentrisches Hobby, zu dem sich Schauspieler wie Russell Crowe oder Kiefer Sutherland bekennen.

Künstlerinnen nutzten die Stricktechnik oftmals für politische Aktionen. Die Dänin Marianne Jørgenesen verhüllte 2006 aus Protest an der Teilnahme europäischer Staaten am Irakkrieg einen Panzer mit einem pink-rosa Überzug, der aus von vielen Aktivisten gestrickten Quadraten bestand.

Zur Bewegung des „craftism“ gehört auch die US-Künstlerin Car Mazza. Sie programmierte die Software „KnitPro“, die digitalisierte Bilder in Strickprogramme für Kleidungsstücke umsetzte. Sie nutzte das Verfahren, um auf die prekären Arbeitsbedingungen in Textilfabriken hinzuweisen.

Katerina Schinás Kulturgeschichte des Strickens hat auch biografische Anteile

Über solch informative Passagen hinaus erzählt Katerina Schiná ihre eigene Geschichte als strickende Feministin, die mit ihrer Nadelarbeit bei den Genossinnen der Studentenbewegung Hohn auslöste.

Sie erinnert sich an Freundinnen, die ihr die Raffinessen der Strickkunst beibrachten, an einfache Frauen, die mit diesem wenig geachteten Handwerk ihre Kinder ernährten. Nicht zuletzt beschreibt sie, was das Herstellen individueller Kleidung für sie als junge Frau bedeutete und welche inspirierende Wirkung der Rhythmus der Nadeln in ihr auslöste.

Ein ausführliches Kapitel widmet Katarina Schinà auch dem Hyperbolic Crochet Reef der Wertheim-Schwestern, für die Autorin das „womöglich größte Gemeinschaftskunstwerk der Welt“.

Service

Einsendeschluss für das „Baden-Baden Satellite Reef“ ist der 30. November. Informationen unter www.museum-frieder-burda.de/weltmeer-haekeln.php.

Buchtipp: Katarina Schinà, Die Nadeln des Aufstands – Eine Kulturgeschichte des Strickens. Herausgegeben und übersetzt von Doris Wille. 216 Seiten, Edition Converso, 25 Euro.

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