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Freundschaftliche Beziehung

Bühl und die sächsische Partnergemeinde Schkeuditz sind seit der Wiedervereinigung eng zusammengewachsen

Seit 1991 lebt die Stadt Bühl eine „deutsch-deutsche Partnerschaft auf dem gemeinsamen bundesrepublikanischen Boden“ mit der Kreisstadt Schkeuditz in Sachsen, wie es die Leipziger Volkszeitung in jenem Jahr ein wenig pathetisch formulierte. Die Zeit der Annäherung zwischen Ost und West nach der Wiedervereinigung lässt sich an diesem Beispiel gut nachvollziehen

Blickfang: Das Bürgeramt in der sächsischen Partnergemeinde Schkeuditz hat eine besondere Form. Foto: Wilfried Lienhard

Ging es bei der Partnerschaft anfangs vorrangig um den infrastrukturellen Aufbau von Schkeuditz, entstanden über die Jahre hinweg auch enge soziale Kontakte, wie die Bühler Partnerschaftsbeauftragte Bettina Streicher berichtet. Sachsen habe damals sein neues (Behörden-) System am baden-württembergischen orientiert, was die Unterstützung durch Bühl vereinfacht habe, etwa die Etablierung der Stadtwerke oder der Stadtverwaltung betreffend.

„Für die Bühler wiederum war es sicher wichtig, die Wiedervereinigung konkret zu erleben“, meint Streicher. Seit etwa einem Jahrzehnt unterscheide sich diese Partnerschaft nicht mehr von anderen, wie jene mit Villefranche-sur-Saône. „Wir organisieren Jugendfreizeiten, es gibt Kooperationen von Vereinen und sogar ein Austauschprogramm für städtische Mitarbeiter.

Feier zum Jubiläum coronabedingt abgesagt

Ganz toll finde ich, dass Schkeuditzer Leichtathleten seit Jahren hier ihr Trainingslager durchführen“, sagt sie. „2020 haben wir aber coronabedingt alles absagen müssen, auch die Feier zum Jubiläum der Einheit, zu der Schkeuditz die Bühler Verwaltung und Gemeinderäte Anfang Oktober eingeladen hatte.“ Die Jüngeren lebten die Einheit als Selbstverständlichkeit, befindet Streicher.

Für viele der Älteren habe der Mauerfall indes eine echte Zäsur mit sich gebracht. Etwa für Helge Fischer, heute Partnerschaftsbeauftragter von Schkeuditz. Bereitwillig erzählt dieser „aus dem Nähkästchen“. Voraus schickt er, dass er durch familiäre Beziehungen schon von jeher westlich orientiert gewesen sei: „Ich hatte 1972 den ersten Lewis-Jeansanzug der Schule, lange Haare und resignierte Lehrer.“

Geschichte trifft Moderne: Im Hintergrund ist das Rathaus Schkeuditz aus dem Jahr 1912 zu sehen Foto: Wilfried Lienhard

Er erinnert sich an die Monate vor dem Fall der Mauer, an eine Stadt, die „kochte“, an unglaubliche Spannungen. „Der 9. November 1989 war natürlich der Tag. Meine Familie war fassungslos; die Bilder des Tages lösen bis heute große Emotionen aus.“

Beruflich hatte der Familienvater und Ingenieur, zuvor in einem Leipziger Unternehmen tätig, Glück: „Es war abzusehen, dass mein Betrieb abgewickelt werden würde. Da ich etwas lokalpatriotisch angehaucht war, bewarb ich mich bei der Stadtverwaltung Schkeuditz und erhielt die Stelle des Öffentlichkeitsarbeiters und Partnerschaftsbeauftragten. Ich übernahm diese bisher nicht existierenden Aufgaben blauäugig, ohne die geringsten Verwaltungskenntnisse.“

Partnerschaft hilt den Städten bei Weiterentwicklung

Dankbar erwähnt er, Bühler Kollegen wie Karl-Heinz Benkeser hätten ihn damals „an die Hand genommen“. „Durch diese Partnerschaft habe ich viel gelernt und bin durch die Begegnungen auch mit den anderen Netzwerkstädten zum überzeugten Europäer geworden.“ Zudem habe er die Entwicklung seiner Heimatstadt „vom hässlichen Entlein zu einer prosperierenden Stadt“ aktiv begleiten können.

„Aufgrund der Erfahrungen hinter dem Eisernen Vorhang genieße ich jetzt vor allem das Reisen mit seinen kulturellen, geschmacklichen und lebenswerten Angeboten.“ Auch viele andere Bereiche betreffend, resümiert er, sei aus dem sprichwörtlichen Grau des Ostens „wirklich ein Bunt geworden“.

Ein gründerzeitlicher Klinkerbau: Aus diesem Gebäude rückt die Feuerwehr im Brandfall zu ihren Einsätzen aus. Foto: Wilfried Lienhard

Oberbürgermeister Hubert Schnurr schließlich, der die Partnerschaft seit 1995 miterlebt hat - aus der Taufe gehoben wurde sie von seinem Vorgänger Gerhard Helbing und, auf Schkeuditzer Seite, von Bürgermeister a. D. Peter Blechschmidt - bezeichnet diese als „fruchtbar“; sie basiere auf gegenseitiger Wertschätzung, man sei im Laufe der Zeit eng zusammengewachsen.

Unterschiede zwischen „Ossis“ und „Wessis“, sagt er auf Nachfrage, seien nie Thema gewesen: „Wir begegnen uns freundschaftlich, auf Augenhöhe. Innerhalb wie außerhalb der Verwaltung.“

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