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Erinnerung lebendig halten

Gedenkfeier zur Reichspogromnacht in Bühl: Abraham Steinberg warnt vor neuem Antisemitismus

Beschämend nannte Abraham Steinberg den neuen Antisemitismus in Deutschland. Die Polizei müsse jüdische Einrichtungen bewachen. Auch bei der Gedenkfeier zur Reichspogromnacht in Bühl waren fünf Polizeibeamte.

Erinnerung an das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte: Rabbiner Daniel Naftoli Surovtsev, Abraham Steinberg und Oberbürgermeister Hubert Schnurr (von links) sprachen bei der Gedenkfeier zum Holocaust und zur Reichspogromnacht. Foto: Ulrich Coenen

„Warum?“, fragte Abraham Steinberg. Der Mitbürger jüdischen Glaubens aus Bühl hat am späten Dienstagnachmittag wie in jedem Jahr eine kurze Ansprache anlässlich der Gedenkfeier zur Reichspogromnacht, in der die Nazis im Jahr 1938 die deutschen Synagogen schändeten und in Flammen setzten, gehalten.

„83 Jahre später macht sich wieder Antisemitismus in Deutschland bemerkbar“, stellte Steinberg erschrocken fest. Das spürten nicht nur Juden, die eine Kippa tragen. Die Polizei müsse jüdische Einrichtungen bewachen. „Es ist gut, dass die Bundesrepublik einen Antisemitismus-Beauftragten berufen hat“, urteilte er. „Aber es ist beschämend, dass sie das tun muss.“ Auch die Gedenkfeier in Bühl wurde von fünf Polizeibeamten bewacht.

Die Feier fand in diesem Jahr erstmals am Ort des früheren Bühler Güterbahnhofs statt, von dem aus die Bühler Juden ins französische Konzentrationslager Gurs abtransportiert wurden. Die Stadt hat das ehemals denkmalgeschützte Gebäude für den Bau des 2004 eröffneten Zentralen Omnibusbahnhofs (ZOB) abreißen lassen.

Geblieben ist nur eine Mauer aus Sandstein als Abgrenzung zur Bahnstrecke, für die die alten Quader Wiederverwendung fanden. Um die Corona-Regeln einzuhalten, hatte die Stadt die Feier in diesem Jahr vom Johannesplatz, dem Standort der früheren Synagoge, zum ZOB verlegt. Knapp 80 Gäste waren gekommen. Sie mussten sich für die Teilnahme registrieren.

Bühler Synagoge wurde aufgebrochen, verwüstet und angezündet

Oberbürgermeister Hubert Schnurr (FW) berichtete in seiner Rede, dass Juden seit 1.700 Jahren in Deutschland leben und entscheidend zum Aufbruch des Landes in die Moderne beigetragen haben. „In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1939 brannten in ganz Deutschland die Synagogen“, sagte er.

„Am Morgen des 10. November wurde die Bühler Synagoge aufgebrochen. Zunächst wurde ihr Inneres verwüstet. Danach wurde im Inneren der Synagoge Feuer gelegt.“ Zwei Jahre später seien die letzten noch in Bühl lebenden Menschen jüdischen Glaubens ins Lager Gurs deportiert worden.

Eine Erinnerung sollte aber lebendig sein.
Daniel Naftoli Surovtsev, Rabbiner aus Baden-Baden

„Wie können wir die Erinnerung an den Holocaust wachhalten?“, fragte Schnurr. „Trotz aller bereits unternommenen Anstrengungen müssen wir uns immer wieder selbstkritisch befragen: Tun wir genug im Kampf gegen Antisemitismus, Rechtsextremismus und Fremdenhass?“ Das Gedenken an das, was jüdische Bürger unter der Nazidiktatur erleiden mussten, mahne die nachfolgenden Generationen, für Freiheit und Menschenwürde zu kämpfen.

Die Erinnerung sprach ebenfalls Rabbiner Daniel Naftoli Surovtsev (Baden-Baden) an. „Man denkt, dass Erinnerung fest sein sollte“, sagte er. Mit den Worten „Ein Denkmal ist natürlich gut“ verwies er auf den Gedenkstein, den die Bühler am Ort des Güterbahnhofs errichtet haben. „Eine Erinnerung sollte aber auch lebendig sein“, forderte der Rabbiner. Die zahlreichen Gäste der Gedenkveranstaltung trügen dazu bei.

Die Veranstaltung wurde vom Klezmer-Ensemble der städtischen Schule für Musik und darstellende Kunst musikalisch begleitet. Es spielten Martina Maier-Schainberg (Violine) und Alois Müller (Akkordeon).

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