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Beschluss aus dem Jahr 1989

Stadt Achern weiß nichts von Verzicht auf Tropenholz - und beschließt ihn 31 Jahre später nochmal

Da staunte selbst die Stadtverwaltung: Der von den Grünen geforderte Gemeindesratsbeschluss zum Verzicht auf Tropenholz war längst gefasst. Dafür gab es Diskussionen über die ökologische Ausrichtung des Acherner Stadtwalds.

Ökologische Schieflage: Der Wildverbiss im Acherner Stadtwald gibt nach wie vor Anlass zu Diskussionen im Gemeinderat. Foto: Franz Lechner

Völlig anders als erwartet verlief im Gemeinderat die Debatte über die von der Grünen-Fraktion aufgeworfene Frage der künftigen Verwendung von Tropenholz in Achern: Zum einen sah Oberbürgermeister Klaus Muttach mit Blick auf die derzeit fehlende ökologische Ausrichtung des vom Wildverbiss gekennzeichneten Acherner Wald ein Glaubwürdigkeitsproblem, zum anderen überraschte die Acherner Bürger Liste (ABL) mit der Feststellung, dass der Tropenholzverzicht längst beschlossene Sache ist.

Tatsächlich hatte der Gemeinderat am 12. Juni 1989 auf Antrag der SPD-Fraktionen einen entsprechenden Beschluss gefasst. Darauf machte ABL-Stadtrat Manfred Nock aufmerksam. Er vermutete „eine öffentliche Informationslücke“.

Die Argumente waren die gleichen wie heute: SPD-Ratsmitglied Roland Kist warnte davor, dass durch die rücksichtslose Vernichtung des tropischen Regenwalds die Gefahr einer Klimakatastrophe heraufbeschworen werde. Mit dem Verzicht auf tropische Gehölze könne die Stadt Achern ein Zeichen setzen.

Die Fraktion der Bündnisgrünen im Acherner Gemeinderat wies 31 Jahre später nun zusätzlich darauf hin, dass man den gängigen Zertifizierungssystemen für Wälder beim Tropenholz nicht vertrauen dürfe.

Stadtrat Nils Günnewich: „50 bis 85 Prozent des im Regenwald geschlagenen Holzes ist illegales Holz, und hinter 50 bis 90 Prozent des geschlagenen Holzes stehen kriminelle Organisationen.“ Die Stadt Achern, so Günnewich, sollte nicht Bestandteil dieses Systems sein.

Am Ende hatte niemand Einwände gegen den von den Grünen verlangten Tropenholzverzicht. Auch Oberbürgermeister Klaus Muttach zeigte sich bereit, diese Vorgabe bei Ausschreibungen und Beschaffungen zu berücksichtigen und die Dienstanweisung für die Vergabe von Bauleistungen entsprechend zu verändern.

Stadt wurde Zertifizierung aberkannt

Ökologisch konsequent wäre es jedoch, Holz aus Beständen des Stadtwalds zu verwenden. Dies sei allerdings nur bei einer entsprechend ausgerichteten Waldwirtschaft möglich. Und daran fehlt es derzeit bekanntlich: Der Oberbürgermeister erinnerte daran, dass der Stadt die Zertifizierung ihres Holzes nach dem PEFC-Standard aberkannt wurde.

Als eine von wenigen Kommunen erfülle Achern die Vorgaben für die nachhaltige Bewirtschaftung der Wälder nicht mehr, weil der Verbiss durch zu viele Rehe die Naturverjüngung in den Auewäldern verhindere.

Muttach zeigte sich in diesem Zusammenhang enttäuscht, dass die bei einem Gespräch mit Vertretern der Jagdpächter und Jagdgenossenschaften im September erzielte Übereinkunft zum verstärkten Abschuss von Rehwild nicht in allen Stadtteilen umgesetzt werden. Damit habe die Stadt Achern keine Aussicht, das Zertifikat wieder zu erhalten, zumal der Stadtwald als Gesamtheit und damit als ein einziger Betrieb gesehen werde.

Holz aus dem Stadtwald muss „verramscht“ werden

Das habe zur Folge, dass Nutzholz aus dem Acherner Stadtwald nur noch für einen begrenzten Zeitraum mit einem erheblichen Preisabschlag „verramscht“ werden müsse: „Einzelne Sortimente können jetzt nur noch als Brennholz oder Hackholz verwertet werden.“ Laut Muttach müsse man mit Mindererlösen bei der Holzverwertung und hohen Kosten für das Pflanzen von Kulturen wegen des Ausfalls der Naturverjüngung rechnen. Die in der Forsteinrichtung vom Gemeinderat beschlossenen ökologischen Ziele für den Betrieb des Stadtwaldes werde man nicht erreichen.

Die Mindereinnahmen schätzt der Oberbürgermeister auf jährlich 50.000 Euro; gleichzeitig müsse man in den nächsten zehn Jahren 1,5 Millionen Euro für Pflanzmaßnahmen im Auewald kalkulieren. Muttach: „Auf diese Weise relativiert die ökologische Unzulänglichkeit unserer Waldbewirtschaftung die Glaubwürdigkeit unseres Handelns beim Tropenholz-Verzicht.“

Kohler wirft Muttach verzerrte Darstellung der Realität vor

Das wollte Thomas Kohler (Freie Wähler) so nicht stehen lassen. Er warf Muttach „eine verzerrte Darstellung der Realität“ vor. Gemeinsames Ziel aller Beteiligten sei eine Reduzierung des Wildverbisses im Acherner Wald. Erfolge auf diesem Weg könne man jedoch nicht innerhalb weniger Wochen, sondern eher in Jahren sehen.

„Unser Holz wird schlecht geredet“, meinte SPD-Stadtrat Alois Berger-Köppel. Er frage sich, warum das Holz einer in vielen Jahrzehnten gewachsenen Wagshurster Eiche plötzlich „nichts mehr wert sein soll“.

Und Rosa Karcher (CDU) hatte zur gesamten Debatte um Tropenholz und ökologische Waldwirtschaft noch einen ganz praktischen Tipp: „Essen Sie mehr heimisches Rehfleisch und weniger südamerikanische Steaks.“

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