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Bahntunnel

Anwohner in Rastatt-Niederbühl werden weiter unter Güterzügen leiden

Wenn Maik Ledwina und seine Familie im Garten in Niederbühl grillen, unterbrechen sie regelmäßig ihre Gespräche. Und zwar immer, wenn ein Zug vorbeifährt. Die Familie lebt direkt an der Bahntrasse. Dass trotz Tunnel auch künftig ein Drittel der Güterzüge oberirdisch fahren soll, hat ihr Vertrauen erschüttert.

Keine idyllische Aussicht: Maik Ledwina sieht aus seinem Fenster direkt auf die Lärmschutzwand der Bahntrasse. Wenn der Rastatter Tunnel fertig gestellt ist, wird immer noch mindestens ein Drittel der Güterzügen an seinem Haus vorbeirollen. Foto: Hans-Jürgen Collet

Maik Ledwina sitzt auf seinem Sofa, lacht viel und spricht ganz gelassen. Doch innerlich brodelt es in dem Niederbühler. „Wir leben den modernen Schildbürgerstreich“, sagt er. Wenn er aus dem Fenster seines Esszimmers blickt, sieht er auf seinen großzügigen Garten – und auf die Lärmschutzwand der Bahnstrecke. Die Trasse grenzt direkt an sein Grundstück in der Ringstraße. Die Tunnelbaustelle vor seiner Haustür hat sein Vertrauen in den Bahn-Konzern tief erschüttert.Die Nachricht, dass auch in Zukunft mindestens ein Drittel aller Güterzüge oberirdisch an seinem Haus vorbeirollen wird , hat ihn „nicht überrascht“.

Die Worte in den Stellungnahmen der Bahn klingen harmlos. Das Unternehmen habe immer kommuniziert, dass nicht alle Züge durch den Tunnel fahren werden. In der Vergangenheit war allerdings von Ausnahmefällen“ die Rede. Dass die Ausnahmefälle aufgrund der Steigung der Tunnelrampe ein Drittel des Güterverkehrs betreffen, hatte der Konzern erst nach Recherchen unserer Redaktion im November 2019 bestätigt.

Bahn pocht darauf, Öffentlichkeit korrekt informiert zu haben

Obwohl das Unternehmen darauf pocht, die Öffentlichkeit stets korrekt informiert zu haben, waren den Anwohnern die Folgen der Tunnelarchitektur bislang nicht bewusst. Dabei sind viele von ihnen mittlerweile echte Experten für das Großprojekt geworden. Ledwina kann aus dem Stand heraus ein beeindruckend anschauliches Referat darüber halten, wie die riesige Baugrube aussehen wird, mit der die havarierte Tunnelbohrmaschine geborgen werden soll.

Er hat auch schon einmal einen Blick in die Pläne zur Wiederherstellung der Oströhre geworfen, die online verfügbar sind und seit dem 17. Januar auch im Rastatter Rathaus öffentlich ausliegen. Jeder, der Einwände, Anregungen oder Stellungnahmen abgebe möchte, kann dies noch bis zum 17. März machen. Für Laien dürfte es allerdings fast unmöglich sein, sich auf den vielen Seiten voller Pläne, Querschnitte und Erläuterungen einen Überblick zu verschaffen.

Anwohner rechnet noch mit 40 bis 60 Güterzügen - jeden Tag

Der Zeitplan der Bahn sieht vor, im nächsten Jahr mit den Arbeiten zu beginnen. Die Inbetriebnahme des Tunnels ist für 2025 geplant. Wie viele Güterzüge dann noch am Haus von Ledwina durchrattern werden, kann heute niemand sagen. Die Frequenz variiert „ganz extrem“, schildert er seine Erfahrungen. Vor wenigen Tagen fuhren sieben Züge in nur sechs Minuten vorbei. Dann herrscht wieder eine Viertelstunde Stille. Ganz grob schätzt Ledwina, dass angesichts der Drittel-Prognose nach der Tunneleröffnung noch 40 bis 60 Güterzüge täglich an seinem Fenster vorbeiziehen werden.

Wir merken deutlich
die ErschütterungenMaik Ledwina, Anwohner

Das scheint nicht unrealistisch zu sein. Eine Messung im Jahr 2013 auf der Rheintalstrecke bei Lahr ergab dort ein Aufkommen zwischen 54 Güterzügen an einem Sonntag und in der Spitze 163 an einem Mittwoch.

die Erschütterungen

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Auch die Lärmschutzwand, die an den Garten grenzt, hilft nur bedingt. Wenn die Familie im Sommer grillt, stellen sie ganz automatisch die Gespräche ein, sobald sich ein Zug nähert. Der Bahnverkehr gibt den Takt der Unterhaltungen vor. Personenzüge sind zwar leiser, aber immer noch deutlich zu hören. Ob Stadtbahn, ICE oder TGV: Ledwina kann anhand der Geräuschkulisse sofort sagen, was gerade hinter der Lärmschutzwand vorbeifährt.

Im Fall der doppelstöckigen Schwarzwaldbahn ist es auch deutlich zu sehen. Die Fahrgäste, die in den oberen Abteilen sitzen, können über die Wand hinweg direkt in den Garten blicken.

Dass an der Tunnelarchitektur doch noch etwas geändert werden könnte, glaubt Ledwina nicht. Der Zug ist abgefahren. Statt Hoffnung, dominieren Resignation und Sarkasmus seine Gefühlswelt.

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