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Musikalischer Höhenflug aus traurigem Anlass

Rastatter Gitarrist bringt Solo-Album in Erinnerung an verstorbene Schäferhündin heraus

Erst kam Corona, dann starb seine geliebte Schäferhündin „Bärbel”. Doch der Rastatter Gitarrist Heiko Gottberg ließ sich von abgesagten Auftritten und dem Tod des Familienhundes nicht entmutigen. Er produzierte sein erstes Solo-Album „Sky”.

Improvisationen in Erinnerung an ein Familienmitglied: Heiko Gottberg demonstriert an Baritongitarre, was er der Corona-Krise kreativ entgegenzusetzen hat. Foto: Ralf J. Kraft

Wohl dem, der in Tagen wie diesen eine Gitarre zur Hand hat. Mit sechs Saiten und flinken Fingern lässt sich auch die coronabedingte Flaute besser überstehen – sofern man Hobbymusiker ist.

Heiko Gottberg ist allerdings kein Hobbymusiker, er ist Profi. Der Rastatter Gitarrist, Komponist, Sounddesigner und Dozent lebt von Auftritten und davon, dass er Gitarrenunterricht gibt.

Doch beides ist im Moment nicht oder nur eingeschränkt möglich. Mit dem Coronavirus kam im März der Stillstand, der vor allem die Freiberufler im Kulturbereich kalt erwischt hat.

„Während des Kontaktverbots hatte ich tagsüber viel Zeit zum Üben und zwischendurch habe ich meine fünfjährige Tochter Leyla bespaßt“, erzählt der 41-Jährige bei einem Besuch in seinem vollausgestatteten Studio in Steinmauern. Seit Oktober 2017 lebt und arbeitet er im Flößerdorf.

Statt sich aufzuregen, dass monatelange Proben für bevorstehende Konzerte für die Katz‘ waren, nahm Gottberg ein Projekt in Angriff, das schon lange auf seiner Wunschliste stand. Das Ergebnis seines kreativen Höhenflugs ist die nagelneue Solo-CD „Sky“. Damit hat er jetzt sechs Alben und zwei Live-DVDs veröffentlicht. Den Anlass zur Produktion gab neben dem Kontaktverbot ein trauriges Ereignis.

Mit Schäferhündin Bärbel ein geliebtes Familienmitglied verloren

„Am 27. März ist unsere Schäferhündin Bärbel gestorben. Das war ein sehr schmerzhafter Verlust, denn wir haben ein geliebtes Familienmitglied verloren“, erzählt Gottberg mit leiser Stimme.

„Beim Improvisieren habe ich mich von den Erinnerungen an Bärbel leiten lassen. Das war sehr wichtig für mich“, betont der Künstler und zeigt die CD-Hülle, auf der die Silhouette der Hündin vor einem Abendhimmel zu sehen ist.

Wir liebe dich: Unvergessen sind die Momente mit Bärbel. Für seine neues Album „Sky” ließ sich Heiko Gottberg beim Improvisieren ganz von seinen Erinnerungen an Bärbel leiten lassen. Das war ihm sehr wichtig. Foto: Heiko Gottberg

Innerhalb von nur einer April-Woche hat Gottberg das Album eingespielt und sich dabei ganz von seinen Emotionen leiten lassen. Das merkt man den Stücken, „von denen jedes einzelne meine Erlebnisse und Erfahrungen der letzten Jahre widerspiegelt“, auch an.

Nach dem Genuss eines Espresso greift Gottberg zur neuen, sonor gestimmten Baritongitarre und demonstriert auf dem klangvollen Instrument, was er als Musiker der Corona-Krise entgegensetzt.

Beim Improvisieren habe ich mich von den Erinnerungen an Bärbel leiten lassen. Das war sehr wichtig für mich.
Heiko Gottberg, Gitarrist

Mit seinem facettenreichen, gefühlvollen und ausgefeilten Gitarrenspiel gelingt es dem Virtuosen recht rasch, den Besucher in seinen Bann zu ziehen. Ruhige, sanfte Töne dringen ins Ohr. Stimmungsvolle Klangbilder mit einer stark melancholischen Note erfüllen den Raum und entführen auf eine musikalische Reise durch Gottbergs Welt.

Ganz in sich versunken, verknüpft der Gitarrist verschiedene Stilmittel und Einflüsse harmonisch zu einer völlig entspannten Musik, die deutlich hörbar aus seinem Innern kommt und aus Stücken besteht, bei denen es sich bis auf den ersten Titel „Fly Away“ um reine Improvisationen handelt.

Hochkonzentriert: Gitarrist Heiko Gottberg in voller Aktion. Foto: Janet Ziora

Mit seinem neuen Album „Sky“ präsentiert sich der gefragte Studio- und Livemusiker von seiner persönlichsten Seite. „Ich bin total stolz auf diese Soloplatte“, erklärt der Jazz-Preisträger „Ibanez Deutschland 2017“, der sich bei großen Festivals schon mit Gitarrenlegenden wie B.B. King und Al Di Meola die Konzertbühne teilte.

„Für mich ist dieses in Echtzeit komponierte, produzierte und aufgenommene Akustikalbum eine der wichtigsten Platten, die ich bislang gemacht habe.“

Neues Album zeigt Musiker von seiner persönlichsten Seite

Keinen Hehl macht Gottberg daraus, dass für selbstständige Künstler, die auf Einnahmen aus Konzerten und Lehrtätigkeit angewiesen sind, ab Mitte März harte Monate angebrochen waren – nicht nur finanziell, sondern weil auch die gewohnten Kontakte zum Publikum und zu den Gitarrenschülern fehlten und ein reguläres Proben mit den Bands nicht möglich war.

Mit der gerade produzierten Solo-CD „Sky“ hat der Gitarrist Heiko Gottberg sein nunmehr sechstes Album veröffentlicht. Den Anlass zur Produktion gab neben dem Corona-Kontaktverbot der Tod seiner Schäferhündig „Bärbel”. Foto: Heiko Gottberg

Als Solokünstler, Mitglied verschiedener Jazz-Ensembles und Gründer seiner 2014 aus der Taufe gehobenen Formation „JazzMelounge“ ist Gottberg normalerweise gut beschäftigt. Wegen Corona platzten jedoch mehr als 40 Auftritte und auch der Unterricht fiel flach.

„Die Soforthilfe für Soloselbstständige hat mich bisher über diese schwierige Zeit gerettet und darüber bin ich auch sehr froh. Seit Anfang Juni darf ich wieder jeweils einen Schüler unterrichten. Das ist im Moment mein einziger Job.“ Viele Pläne hat die Corona-Krise über den Haufen geworfen. Bislang noch nicht gecancelt sind die beiden Wochen im Bauer-Studio in Ludwigsburg.

„Latin-Jazz Sinfonica” verspricht faszinierenden Mix aus Klassik, Jazz und Latin

Dort wird das Cross-Over-Orchester „Latin-Jazz Sinfónica“ der Neuen Philharmonie Berlin unter Gottbergs Mitwirkung eine neue Platte aufnehmen. „Es wird wieder ein faszinierender Mix aus Klassik, Jazz und Latin. Wir spielen neun Titel ein, davon ein bis zwei Stücke von mir. Dann heißt es: extrem viel üben. 2021 geht’s mit dem neuen Album auf Tour.“

Schon 2018 war Gottberg mit der Formation auf Deutschland-Tournee. Im Jahr darauf nahm er mit dem etwa 60-köpfigen Orchester am legendären Jazzfestival Burghausen teil und wäre am 2. Oktober dieses Jahres gerne mit der Latin-Jazz-Band des Ensembles in der Reithalle in Rsastatt aufgetreten.

Schon 2018 war Heiko Gottberg mit der Formation „Latin-Jazz Sinfónica” auf Deutschland-Tournee. Im Jahr darauf nahm er mit dem etwa 60-köpfigen Orchester am legendären Jazzfestival Burghausen teil. Foto: Ralf J. Kraft

„Doch der Termin wurde leider storniert“, bedauert der Musiker, der 1991 im Alter von 13 Jahren erstmals zur Gitarre griff, gleich eine eigene Coverband gründete, privaten Gitarrenunterricht nahm und nebenher in verschiedenen Bands spielte.

Zunächst absolvierte er eine Lehre als Industriemechaniker bei Maquet (heute Getinge) in Rastatt. Er hatte aber keine Ambitionen, in diesem Beruf auch zu arbeiten. „Ich wollte Musiker werden.“ Von 2000 bis 2005 studierte er am „International Music College Freiburg“ Gitarre im Hauptfach und Klavier im Nebenfach.

Während und auch noch nach seinem Studium, das er als „staatlich anerkannter Musiklehrer und Profimusiker für Jazz und Popularmusik“ abschloss, genoss er eine fundierte Ausbildung unter anderem bei Jazzgrößen wie Max Zentawer und Frank Haunschild.

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