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Scheidender Bürgermeister im Interview

Steinmauerns Bürgermeister Siegfried Schaaf: „Keiner weiß so viel, wie wir alle zusammen“

Steinmauerns Bürgermeister Siegfried Schaaf gibt Ende dieses Monats vorzeitig sein Amt auf. Gesundheitliche Gründe zwingen den 66-Jährigen dazu. Seit 1992 steht er an der Spitze der Gemeinde vor den Toren Rastatts.

Zufrieden mit seiner Bilanz: Siegfried Schaaf hat den Wandel Steinmauerns maßgeblich mitgestaltet. Foto: Hans-Jürgen Collet

Eigentlich wollte Siegfried Schaaf seine vierte Amtszeit noch vollenden. Doch massive gesundheitliche Probleme zwingen den Bürgermeister von Steinmauern dazu, seine Arbeit im Rathaus vorzeitig zu beenden. Am 30. September verlässt er nach 28 Jahren seinen Chefsessel im Rathaus.

Im Gespräch mit unserem Redaktionsmitglied Stefan Maue zieht Schaaf eine Bilanz seiner Amtszeit. Er wirft einen Blick auf die Entwicklung der Gemeinde und spricht über Zukunftspläne.

28 Jahre im Amt des Bürgermeisters, wie schwer fällt da der Abschied, auch vor dem Hintergrund, die vierte Amtszeit nicht mehr voll ausschöpfen zu können?
Schaaf

Es ist ein klares Signal, dass alles seine Zeit hat. Und die Gesundheit ist nun mal das höchste Gut eines Menschen. Im Mai 2019 haben die gesundheitlichen Einschränkungen begonnen. Nach mehreren Operationen fiel dann im Dezember meine Entscheidung, das Amt vorzeitig aufzugeben, was mir wirklich nicht leicht gefallen ist. Ich blicke dankbar und zufrieden auf eine sehr erfüllende Zeit als Bürgermeister und auf über 38 Jahre in der Kommunalpolitik insgesamt zurück.

Rückblickend betrachtet - wo lagen die wesentlichsten Höhen und Tiefen Ihrer Amtszeit?
Schaaf

Es sind genau diese Wechselbäder an Höhen und Tiefen, die letztlich den Reiz des Bürgermeisteramts ausmachen. Glücksgefühle lösen nicht nur die Einweihung von Großprojekten wie des neuen Hirschareals oder der Bau des Dorfplatzes mit dem Bürgerhaus Alte Schule aus. Oft sind es auch kleine Ereignisse und Begegnungen mit Menschen, für die man etwas Positives erreichen konnte oder einfach Rückmeldungen, bei denen jemand ,Dankeschön’ sagt. Natürlich gibt es auch Momente der Enttäuschung, vor allem unqualifizierte persönliche Angriffe. Von denen gab es zwar nur wenige, die aber gehen unter die Haut. Einmal hat mich jemand an einem Samstagmorgen beim Straßenfegen gefragt, weshalb Steinmauern überhaupt einen Dorfplatz braucht. Ich habe versucht, ihn zu überzeugen, musste aber nach dieser Frage erst dreimal schlucken. Ich habe oft auch probiert, mich in die Rolle meines Gegenübers hineinzuversetzen, und in den meisten Fällen ist es gelungen, einen Kompromiss zu finden.

Angenommen, es kommt ein Bürger, der vor 28 Jahren zuletzt in Steinmauern war, nun wieder in den Ort, was würde ihm am meisten auffallen?
Schaaf

Das Ortsbild hat sich wesentlich verändert - und wie mir immer wieder bestätigt wird, zum Positiven. Natürlich ist unser Dorf gewachsen. Am 1. Juli 1992 waren es noch 2.435, am 1. September 2020 etwa 3.200 Einwohner. Neubau- und Gewerbegebiete wurden erschlossen, es gibt einen Dorfplatz, neue Radwege und eine grüne Lunge. Steinmauern ist heute ein lebendiges, prosperierendes Dorf mit einer eigenen Identität.

Was war aus Ihrer Sicht die wichtigste Entscheidung für die Entwicklung der Gemeinde, die Sie getroffen haben?
Schaaf

Es ist eine Summe von Entscheidungen für eine Gemeinde, in der sich junge und alte Menschen wohl und geborgen fühlen sollen. Schon zu Beginn meiner Amtszeit habe ich mich strategisch mit der demografischen Entwicklung auseinandergesetzt, und ich hatte als Leitlinie ausgegeben, dass wir mit Augenmaß wachsen wollen. Als kleine Kommune haben wir uns sehr früh für familienfreundliche Betreuungsangebote im Kindergarten und in der Grundschule ausgesprochen. Rückblickend war zum Beispiel der Erwerb eines Anwesens gegenüber des Rathauses, wo heute der Dorfplatz ist, enorm wichtig für unsere Ortssanierung. Es waren sehr schwierige Verhandlungen mit einer Erbengemeinschaft. Dank eines in die Zukunft blickenden Gemeinderates ist es gelungen, das Grundstücksgeschäft unter Dach und Fach zu bringen. Ohne dieses Grundstück wäre der Dorfplatz mit Bürgerhaus und Schule nicht so zu realisieren gewesen. Bei Verhandlungen über den Radweg Richtung Plittersdorf sind die Verhandlungen mit einem Grundstückseigentümer auch positiv verlaufen - als der Bagger schon bereitstand.

War es für Sie von Anfang an der Plan, deutlich mehr als eine Amtszeit an der Spitze im Rathaus zu bleiben oder hat sich dieser Willen erst im Laufe der Zeit entwickelt?
Schaaf

Ich kam 1992 aus Bühl und wollte es acht Jahre lang ordentlich machen. Du hast das Amt für acht Jahre, da gibst Du alles, dann sehen wir weiter - so war mein Plan. Ich hatte im Gemeinderat und in der Verwaltung Menschen um mich herum, die meine Ideen mitgetragen und unterstützt haben. Mein Motto war immer: Keiner weiß so viel, wie wir alle zusammen. Als Bürgermeister ist man auch Verkäufer von Ideen, die hoffentlich Akzeptanz finden.

Gibt es Beschlüsse, mit denen Sie hinterher vielleicht nicht zufrieden waren oder Aufgaben, die man hätte anders lösen können?
Schaaf

Hinterher wissen viele immer alles besser, aber ich habe stets versucht, meine Arbeit ordentlich zu machen. Natürlich gibt es in der Rückblende Entscheidungen, die man so nicht mehr treffen würde. Zum Beispiel hätte man den Kindergarten vor acht bis zehn Jahren gleich in größerem Ausmaß umbauen können oder auch den Ausbau des Dachgeschosses in der Schule früher machen sollen. Dafür wäre aber wohl damals im Gemeinderat keine Mehrheit zu bekommen gewesen.

Wie würden Sie nach all Ihrer Erfahrung die Einwohner und das Zusammenleben in der Gemeinde charakterisieren? Inwieweit sind die dörflichen Strukturen, die man von früher kennt, hier noch ausgeprägt?
Schaaf

Steinmauern bleibt ein Dorf im positiven Sinne. Man kennt sich, und die Dorfgemeinschaft hält zusammen. Bürgerschaftliches Engagement ist in der DNA des Dorfes sicht- und spürbar. Das hat sich vor allem auch bei den Herausforderungen gezeigt, die die Flüchtlingsthematik mit sich gebracht haben. Der Ehrungsabend in der vergangenen Woche hat wieder gezeigt, dass es eine große Zahl von Menschen in der Bürgerschaft gibt, die wie ein Mosaik unserem Dorf ein freundliches Gesicht geben. Man bringt sich in verschiedene Projekte ein, etwa auch im Elternbeirat, im Förderverein der Grundschule oder auch in der Seniorenarbeit, die sich im Ort sehr gut entwickelt hat. Aber ich will auch keinesfalls idealisieren. Die Welt, unsere Gesellschaft und das Zusammenleben im Flößerdorf haben sich gewandelt. Leider bemerken wir im Rathaus oder auch in der Vereinslandschaft, dass der Egoismus immer stärker spürbar ist.

Wie ist die Gemeinde Steinmauern nach Ihrer Einschätzung für die nächsten Jahre aufgestellt? Wo sind die wesentlichsten Aufgaben zu sehen, die Ihr Nachfolger anzupacken hat?
Schaaf

Kommunalpolitik kennt kein Ende und auch in Steinmauern ist noch einiges zu tun: Das nächste Baugebiet Breithölzer/Waldäcker II ist auf den Weg gebracht, Entlastungsstraße, Sanierung und Neugestaltung der Linden- und Rheinstraße, der Freizeit- und Erlebnispark Hoperwiesen, die Rathaussanierung und, und und ... .Ich könnte noch zig Projekte nennen, aber man muss auch Prioritäten setzen. Klar haben wir - und ich lege Wert auf den Plural - viel geschafft und viel erreicht. Ich denke schon, dass Steinmauern in Bereichen wie Dorfsanierung, Infrastrukturmaßnahmen oder im Klimaschutz rechtzeitig reagiert hat. Beispielsweise hatten wir auch das erste klimaneutrale Rathaus in Baden und schon 2004 eine Bürgersolaranlage auf den Weg gebracht.

Eine weitere Frage in diesem Zusammenhang, die in dieser Zeit nicht ausbleiben kann: Welche Auswirkungen hatte und hat Corona denn auf die Gemeinde, sowohl in finanzieller, als auch in sozialer Hinsicht?
Schaaf

Finanziell betrachtet haben wir in diesem Jahr Einnahmeverluste von rund 500.000 Euro zu verkraften. Ich gehe davon aus, dass uns auch in den nächsten Jahren die Einnahmen wegbrechen werden und die Ausgaben steigen. Solch gewaltige Hilfsprogramme wie 2020 sind im nächsten Jahr nicht mehr zu erwarten und auch nicht mehr finanzierbar. Im kommenden Jahr werden die Gewerbesteuereinnahmen wohl in einer Größenordnung von mehreren hunderttausend Euro sinken, und auch die Einnahmen durch die Einkommenssteuer werden sich nach unten bewegen. Für Handel, Gewerbe und Gastronomie geht es ums Überleben, auch in Steinmauern. Für unsere Verwaltung waren die Herausforderungen seit März sehr heftig und nicht einfach zu bewerkstelligen, weil es bisher keine vergleichbare Situation gab. So ist oft Fantasie gefragt, um pragmatische Lösungen zu finden.

Wie schwierig ist es eigentlich für einen Bürgermeister, sich ständig in einem Spannungsfeld verschiedenster Erwartungen zu bewegen und vielleicht mit dem Gefühl zu leben, meist nie allen Wünschen gerecht werden zu können?
Schaaf:

Wie hat es der ehemalige Oberbürgermeister von Stuttgart, Manfred Rommel, einmal ausgedrückt? Jedermanns Freund ist jedermanns Dackel. Ich hatte noch nie das Bestreben , jedermanns Freund zu sein. Ich habe als Bürgermeister einen Amtseid abgelegt, bin dem Allgemeinwohl verpflichtet und auch verpflichtet, bei entgegen stehenden Einzelinteressen nein zu sagen. Das fällt manchmal schwer, gerade wenn man den Menschen gut kennt.

Hat sich nach Ihrer Einschätzung das Anspruchsverhalten der Bürger in den vergangenen Jahrzehnten verändert und wenn ja, worauf ist das zurückzuführen?
Schaaf:

Oft akzeptiert man die behördlichen Vorgaben und Gesetze nicht mehr so leicht. Da sind die Bürger mündiger und selbstbewusster geworden. Das finde ich gut. Es ist ein Phänomen, dass getroffene Entscheidungen nicht mehr anerkannt werden. Vielleicht kommt das von Eltern, die ihren Kindern raten, sich nicht mehr alles gefallen zu lassen. Das Anspruchsdenken hat sich verändert und wird vielfach durch Parteien, Gewerkschaften und auch durch die Medien befeuert. Es ist einfacher etwas zu fordern, zum Beispiel in der Kinderbetreuung, als für eine Umsetzung und Finanzierung zu sorgen. Darum sollen sich gefälligst andere, etwa die Kommunen, kümmern. Meiner Meinung nach haben wir aber sehr oft absolute Luxusprobleme, denn in Deutschland geht es uns, wenn man alles zusammen nimmt, wirklich gut.

Wie sehen sie es, hatte man als Bürgermeister in früheren Jahren mehr Gestaltungsspielraum und ist - bezogen auf die Arbeit - die Freude an diesem Amt noch genauso groß wie in der Anfangszeit?
Schaaf:

Die Digitalisierung hat dazu geführt, dass alles erheblich schneller geworden ist. Wir spüren als Kommunen, wie schleichend unser Selbstverwaltung durch immer mehr Vorgaben und Verordnungen ausgehöhlt wird. Ich denke aber, man sollte Ermessensspielräume mit Fantasie und Risiko ausfüllen, dann schafft man sich die notwendigen Gestaltungsspielräume, die immer noch vorhanden sind. Genau diese Möglichkeiten, die man als Bürgermeister zweifelsohne hat, machen den Reiz des Amtes vor allem bei uns in Baden-Württemberg aus. In den ersten zehn Jahren meiner Amtszeit bin ich ohne Rechtsstreit ausgekommen, aber mittlerweile ist die Klagebereitschaft gestiegen.

Was für einen Nachfolger als Bürgermeister würden Sie sich in Steinmauern wünschen? Welche Eigenschaften sollte er besitzen, auch im Blick auf die Zusammenarbeit mit dem Gemeinderat und den Kontakten mit Bürgern?
Schaaf:

Was ich mir wünsche, ist nicht wichtig. Die Wählerinnen und Wähler haben eigentlich immer ein sehr gutes Gespür, wer zur Gemeinde passt. Ich wünsche mir aber ein breite Auswahl an Kandidatinnen und Kandidaten, durchaus mit unterschiedlichen beruflichen Qualifikationen und persönlichen Lebensläufen. Klar, dass eine verwaltungs- oder betriebswirtschaftliche Ausbildung von Vorteil ist.

Welche privaten Pläne verfolgen Sie denn nach Ihrem Ausscheiden aus Ihrem Amt und wie werden Sie dann das Ortsgeschehen wahrnehmen - als reiner Privatmann oder noch irgendwie in der Rolle des einstigen Bürgermeisters und Verantwortungsträgers?
Schaaf:

Ich sehe diesem neuen Lebensabschnitt mit freudiger Gelassenheit und Neugierde entgegen. Das eine oder andere Projekt im privaten Bereich wird endlich angegangen. Ich kümmere mich um einige Reben im Badener Rebland, will auf dem Bauernhof meines Bruders mithelfen, lese gerne und treibe Sport. Es gibt aber auch ehrenamtliche Arbeit, die mir wichtig ist. Alles andere lasse ich auf mich zukommen. Als ehemaliger Bürgermeister ist man, glaube ich, gut beraten, wenn man sich aus dem kommunalpolitischen Tagesgeschäft zurück zieht und genau das habe ich vor.

Abschießend gefragt: Welche Wünsche geben Sie Steinmauern mit auf den Weg, wenn sie auf die nächsten Jahre blicken?
Schaaf:

Unsere Gemeinde wird hoffentlich in der Zukunft von extremen Ereignissen und Katastrophen verschont bleiben. Steinmauern soll in Frieden und Freiheit weiterhin als Dorf, in dem sich Jung und Alt wohl und geborgen fühlen, mit Gottes Segen wachsen und gedeihen.

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