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Impfzentren werden aufgebaut

Start Mitte Dezember: Baden-Württemberg plant täglich 13.500 Corona-Impfungen

In zwei Wochen soll die große Corona-Impfkampagne des Landes Baden-Württemberg starten. Allerdings gilt es noch, große Herausforderungen zu bewältigen. So werden für die Arbeit in den Impfzentren Hunderte Ärzte gesucht. Die Landesregierung rechnet zudem mit möglichen Protesten von Impfgegnern und „Querdenkern“.

Die große Impfkampagne der Landesregierung steht offenbar kurz vor dem Start. Foto: Christoph Schmidt/dpa/Symbolbild

Nach der langen Wartezeit auf die Corona-Impfstoffe geht es nun Schlag auf Schlag. Die Hersteller Moderna und Biontech/Pfizer haben am Montag die „bedingte Zulassung“ ihres jeweiligen Corona-Impfstoffs in der EU beantragt. Die Mainzer Firma Biontech gab am Dienstag bekannt, den vorproduzierten Vorrat des Impfstoffs „binnen wenigen Stunden“ nach einer Zulassung ausliefern zu können.

Unterdessen sind in Baden-Württemberg die Vorbereitungen für den Aufbau der Corona-Impfzentren in vollem Gange. Voraussichtlich ab Januar sollen im Südwesten im Schnitt 13.500 Menschen täglich geimpft werden. Die BNN beantworten die wichtigsten Fragen rund um die Impfoffensive.

Wie ist der Stand bei der Zulassung von Corona-Impfstoffen?

Der Tübinger Pharmahersteller Curevac will in Kürze die zulassungsrelevante Phase-3-Teststudie unter 35.000 Probanden starten. Die Mainzer Firma Biontech und der US-Pharmariese Pfizer haben am Montag als erste Unternehmen die beschleunigte Zulassung ihrer Corona-Impfstoffe in der EU beantragt. Zuständig dafür ist die Europäische Arzneimittel-Agentur (Ema) mit Sitz in Amsterdam. Die Vorteile eines Impfstoffs müssen nach EU-Arzneimittelgesetzgebung weitaus größer sein als alle Nebenwirkungen oder potenziellen Risiken. Die endgültige Entscheidung darüber muss die EU-Kommission treffen, sie gilt jedoch als eine reine Formalie. Danach muss ein Impfstoff noch für die Verwendung in Deutschland erlaubt werden - und zwar durch das Paul-Ehrlich-Institut in Langen.

Wann könnten also die ersten Impfstoffe kommen - und wie viele Dosen werden es sein?

Niemand möchte sich auf konkrete Termine festlegen. Bund und Länder stellen sich jedoch darauf ein, dass „bei bestmöglichem Verlauf“ im Dezember die ersten Lieferungen kommen. Biontech braucht nach eigenen Angaben nur wenige Stunden, um den vorrätigen Impfstoff nach der Zulassung zu verteilen. Die EU hat mit Biontech einen Rahmenvertrag über den Kauf von bis zu 300 Millionen Dosen abgeschlossen. Moderna soll laut Vertrag 80 Millionen Dosen bereitstellen und bei Bedarf 80 Millionen weitere Einheiten. Curevac soll später 225 Millionen Dosen in die EU liefern, mit Option auf weitere 180 Millionen. Damit stünden in absehbarer Zeit für etwa 448 Millionen EU-Einwohner insgesamt 865 Millionen Impfstoff-Dosen zur Verfügung.

Wieviel davon werden Deutschland und Baden-Württemberg erhalten?

Die Impfstoff-Zuteilung in der EU basiert auf einem Verteilungsschlüssel nach der Bevölkerungszahl. Deutschland kann demnach mit etwa 20 Prozent des europäischen Gesamtkontingents rechnen. Auch zwischen den Bundesländern erfolgt die Aufteilung nach Einwohnerzahl. So geht Baden-Württembergs Sozialminister Manne Lucha davon aus, dass der Südwesten zunächst etwa 600.000 Dosen des Biontech-Impfstoffs erhält.

Wie wirksam und wie sicher sind die Impfstoffkandidaten?

Curevac spricht von ersten positiven Ergebnissen und will bis Ende 2020 genauere Daten veröffentlichen. Moderna bescheinigt seinem Impfstoffkandidaten eine Wirksamkeit von 94,1 Prozent. Bei Biontech sind es 95 Prozent. Das betrifft jedoch nur die Schutzwirkung. Ob und wie die frühen Impfstoffe auch eine mögliche Weitergabe des Virus von geimpften Personen an andere Menschen verhindern können, ist unklar. Was die Sicherheit angeht, sind die Anforderungen der EU trotz der beschleunigten Zulassung hoch. „Ein Covid-19-Impfstoff muss sicher und wirksam sein – so wie jeder andere Impfstoff auch“, bekräftigte am Dienstag Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU). Sie versprach, die Bevölkerung in einer Informationskampagne über die Vorteile, aber auch über mögliche Nebenwirkungen der Vakzinen aufzuklären.

Wie werden die Impfstoffe nach Baden-Württemberg kommen?

Für die Beschaffung der Impfstoffe und deren Verteilung an die Länder ist die Bundesregierung zuständig. Die Länder haben dem Bund rund 30 Anlieferstellen genannt. Von dort werden die Impfstoffe in die Zentralen Impfzentren (ZIZ) transportiert, und zwar von Speditionen, die mit Sicherheitstransporten vertraut sein müssen. Sehr wichtig ist eine lückenlose Kühlung bis zur Verimpfung, die nach Angaben des Landessozialministeriums gewährleistet ist. „Der Impfstoff wird in mit Trockeneis gekühlten Boxen geliefert, die für manche Impfstoffe wie den von Biontech-Pfizer geforderte Temperatur von Minus 70 Grad mindestens fünf Tage lang gewährleisten“, teilte das Ministerium auf BNN-Anfrage mit. Darüber hinaus hätten alle Impfzentren ausreichend Ultra-Tiefst-Kühlschränke zur Aufbewahrung der Impfstoffe bis zu 30 Tagen.

Wer soll zuerst geimpft werden?

Dazu gab es Unstimmigkeiten. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will zunächst die Risikogruppen sowie das Pflegepersonal schützen. Kanzlerin Angela Merkel hatte zuletzt den Medizinern den Vorrang gegeben. Baden-Württemberg hält sich an die vorläufigen Empfehlungen des Ethikrats, der Leopoldina und den Ständigen Impfkommission (Stiko). Die Landesregierung priorisiert Personen, die aufgrund ihres Alters oder vorbelasteten Gesundheitszustandes ein erhöhtes Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf haben. Die zweite zu priorisierende Gruppe umfasst Mitarbeiter von stationären oder ambulanten Einrichtungen der Gesundheitsversorgung und der Altenpflege. Danach kämen „Personen in wichtigen Bereichen der Daseinsvorsorge“ an die Reihe, zum Beispiel Mitarbeiter der Gesundheitsämter, Polizisten, Feuerwehrleute, Lehrer und Erzieher.

Wie werden diese Personen erfahren, dass sie geimpft werden können?

„Die Risikogruppen müssen sich selbst melden“, sagt ein Sprecher des Sozialministeriums in Stuttgart. „Es wird die Möglichkeit zur Terminvereinbarung über Telefon (vermutlich 116 117) und darüber hinaus zeitnah auch eine App geben.“ Die Callcenter-Mitarbeiter sollen die Impfberechtigung der Anrufenden nach Stiko-Kriterien überprüfen. Dies soll später vor Ort möglichst erneut kontrolliert werden. Die Landesregierung erwartet zu Beginn ein hohes Aufkommen an Anrufern und gibt die Maximalkapazitäten der Callcentren mit 250.000 Anrufer pro Woche an. „Wir gehen davon aus, dass diese Kapazitäten nicht zu extrem langen Wartezeiten führen, können diese aber auch nicht ausschließen“, hieß es auf BNN-Anfrage.

Wo soll geimpft werden?

Bundesweit soll es etwa 400 Corona-Impfzentren geben. In Baden-Württemberg werden bis Mitte Dezember neun Zentrale Impfzentren (ZIZ) aufgebaut – in jedem Regierungsbezirk mindestens zwei (Freiburg, Offenburg, Karlsruhe, Heidelberg, zwei in Stuttgart, Rot am See, Tübingen, Ulm). Im BNN-Gebiet wurde ein ZIZ in der Messe Karlsruhe genehmigt. Am 15. Januar sollen darüber hinaus in jedem Stadt- und Landkreis eins bis zwei Kreisimpfzentren (KIZ) eingerichtet werden, also insgesamt etwa 50 landesweit. Wo die KIZ in der Region entstehen sollen, steht noch nicht fest. Die Kriterien für geeignete Standorte sind zum Beispiel gute Erreichbarkeit und Erschließung, ausreichender Parkraum und Lagerungsmöglichkeiten. Die Regelversorgung soll im zweiten Quartal 2021 für alle zur Verfügung stehen und in den Arztpraxen erfolgen. „Das Land plant, sich dann aus der Verimpfung zurückzuziehen“, heißt es im Impfkonzept.

Wie sollen die Impfungen in den Zentren ablaufen?

Sie sollen täglich von 7 bis 21 Uhr für die Bevölkerung geöffnet sein. Die Abläufe wurden neulich in Ulm getestet. Der Zugang zu den barrierefreien Impfzentren wird durch ein Ein-/Austrittskonzept geregelt. Nach einer Einlasskontrolle und Registrierung folgt zunächst eine allgemeine Aufklärung über die Impfung. Im Anschluss klärt ein Arzt jeden Impfwilligen individuell auf. Nach der Impfung muss man als Vorsichtsmaßnahme noch für eine 30-minütige Beobachtung dableiben. Insgesamt soll die Prozedur etwa eine Stunde dauern.

Wie sollen Menschen aus Risikogruppen geschützt werden, die selbst nicht in die Impfzentren kommen können?

Dazu richtet das Land „Mobile Impfteams“ ein, die etwa in Alten- und Pflegeheime gehen sollen. Die ersten könnten mit ihrer Arbeit in etwa zwei Wochen starten, wenn die Impfstoffe verfügbar sein sollten. Es sind jeweils fünf mobile Teams pro ZIZ und jeweils zwei mobile Teams pro KIZ eingeplant.

Wie viele Menschen könnten täglich im Südwesten geimpft werden?

Pro ZIZ werden täglich rund 1.500 Impfungen veranschlagt, insgesamt also 13.500 Personen am Tag. Für die Kreisimpfzentren (KIZ) sind später täglich etwa 750 Impfungen vorgesehen, bei 50 Zentren wären das 37.500 Personen am Tag. Ab Mitte Januar wären somit landesweit etwa 1,3 Millionen Vakzinierungen je Monat möglich. Hinzu kommen die Impfungen durch mobile Teams. Die Landesregierung geht davon aus, dass pro Geimpften zwei Dosen im Abstand von 21 bis 28 Tagen notwendig sein werden.

Wie ist die Impfbereitschaft im Südwesten?

„Wir sind darauf ausgerichtet, dass wir theoretisch, praktisch neun Millionen Baden-Württemberger impfen können“, sagt Sozialminister Manne Lucha. Das dürfte jedoch eine Wunschvorstellung sein, denn nicht jeder will sich vor Covid schützen. In einer repräsentativen Befragung der Barmer-Krankenkasse im Land gaben 48 Prozent ihre Impfbereitschaft an. Etwa jeder Vierte erklärte, für ihn komme eine Corona-Impfung nicht infrage. Laut dem Sozialministerium schwanken die Zahlen der Impfbefürworter zwischen 50 und 70 Prozent. Wichtig ist, dass die Corona-Impfungen freiwillig sein werden.

Wie viele Menschen müssten denn im Land geimpft werden, damit die sogenannte Herdenimmunität eintritt?

Dazu braucht man eine Impfquote von 65 bis 70 Prozent. Laut einer Berechnung der „Süddeutschen Zeitung“ könnte es von Mitte Januar an etwa elfeinhalb Monate dauern, bis Baden-Württemberg die Schwelle zur Herdenimmunität erreicht - also etwa zum Jahresanfang 2022. „Bereits nach etwa fünf Monaten könnte die Immunität so weit fortgeschritten sein, dass die meisten Beschränkungen mit Ausnahme des Verbots von Großveranstaltungen unnötig werden“, schreibt die Zeitung. Nach diesem Szenario wären nach acht Monaten auch Großveranstaltungen wieder denkbar. Sicher ist das jedoch nicht.

Gibt es genügend Personal für die geplante Impfkampagne des Landes?

Das ist die große Frage, die momentan alle umtreibt. Der Bedarf ist hoch: Im ZIZ sind pro Zentrum 122 Personen für einen Zwei-Schicht-Betrieb notwendig. Somit benötigen die neun ZIZ insgesamt 1.098 Personen. Bei den KIZ rechnet die Landesregierung mit 72 Personen im Zwei-Schicht Betrieb. Das wären also 3.600 Personen für alle 50 KIZ. Neben Ärzten benötigt man medizinisches Fachpersonal, Security-Mitarbeiter, Dolmetscher, Fahrer, Reinigungskräfte und Kräfte für die Registrierung. Die Landesärztekammer hat im Frühjahr ihre Mitglieder außerhalb der Regelversorgung und die pensionierten Ärzte dazu aufgerufen, sich zu melden. Es habe damals über 2.000 positive Rückmeldungen gegeben, teilte die Kammer auf BNN-Anfrage mit. Diese Ärzte könnten nun eingesetzt werden. An manchen Standorten soll auch die Bundeswehr zum Einsatz kommen.

In den Impfzentren ist jeweils genauso viel medizinisches Personal wie Sicherheitspersonal eingeplant. Was ist der Grund dafür?

Die Landesregierung rechnet mit Problemen, etwa durch die Impfgegner oder durch „Querdenker“-Demonstrationen. „An den Impfzentren kann es durch das Verhalten von nicht zu impfenden Personen zu Störungen des Betriebsablaufs kommen“, warnt das Landesimpfkonzept. Warnungen gibt es auch seitens des Bundeskriminalamtes (BKA), das in einem internen Lagepapier mit Protesten, Sachbeschädigungen, Cyberattacken und sogar mit „physischen Übergriffen“ gegen Mitarbeiter von Impfzentren rechnet. Deshalb sollen die Zentren rund um die Uhr bewacht werden. Die Polizei bereitet sich darauf vor, den Transport von Impfstoffen zu sichern.

Was wird die Impfkampagne in Baden-Württemberg kosten?

Für Personal- und Sachkosten in den Impfzentren rechnet das Land bis Mitte April mit Kosten von 58,2 Millionen Euro. Die Beschaffung des Impfbestecks und die Impfstoff-Logistik sind mit 15 Millionen Euro veranschlagt. Die Kosten trägt das Land zunächst selbst. Geplant ist aber, dass sich die gesetzliche Krankenversicherung zur Hälfte daran beteiligt.

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