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Wissenschaftler sind von Pflanze überzeugt

Hanf-Anbau hat Tradition in Baden und im Elsass - hat er auch eine Perspektive?

Baden und das Elsass waren Jahrhunderte lang ein wichtiges Anbaugebiet für Hanf. Mittlerweile entdeckt die Landwirtschaft die Pflanze wieder: In Karlsruhe werden die Potenziale von Nutzhanf erforscht. Die Pflanze könnte sogar einen Beitrag zur Klimarettung leisten.

Vielseitig einsetzbar: Textilherstellerin Petra Rusch präsentiert auf der Cannabis-Messe CNBS einen Bikini aus 100% Hanf. Foto: Bernd Thissen/dpa

Kerstin Stolzenburg muss lächeln, wenn sie sich an die ersten Jahre des versuchsweisen Hanfanbaus in der Region erinnert. „Als wir hier das erste Mal Hanf angebaut haben, sind die Leute nachts über den Zaun gestiegen“, sagt die Agrarwissenschaftlerin in der Außenstelle Forchheim des Landwirtschaftlichen Technologiezentrums (LTZ) Augustenberg.

Auf einem Feld ganz in der Nähe des Epplesees wuchs die Pflanze mit den unverwechselbaren, gezackten Blättern meterhoch in den blauen Himmel. Nutzhanf, oder Cannabis sativa, wie der lateinische Name der Pflanze lautet, war den meisten Menschen in den beginnenden 2000er Jahren lediglich als rauscherzeugender Rohstoff für Joints bekannt.

Die vielfältigen sonstigen Anwendungsbereiche des Hanfs waren über Jahrzehnte hinweg fast völlig in Vergessenheit geraten. Vom einstigen Kiffer-Klischee ist allerdings nicht mehr viel übrig geblieben.

Beliebte Kulturpflanze

Unkompliziert, gut für die Böden und fast komplett verwertbar - bei Landwirten in der gemäßigten Zone Mitteleuropas und anderen, ähnlich temperierten Gegenden der Welt war Hanf einst sehr beliebt. Straßen- oder Gewannnamen wie „Hänfergasse“ oder „Rötze“ erinnern bis heute an eine Zeit, als auch die Region am Oberrhein sehr gut vom Anbau lebte.

Die Nutzung von Hanf war jahrhundertelang eine durch und durch etablierte Kultur
Kerstin Stolzenburg, Agrarwissenschaftlerin

Zu Schiffstauen und Segeltüchern verarbeitet, umrundete Hanf aus Baden und dem Elsass noch bis zum Ende des 19. Jahrhunderts die ganze Welt. Aber auch zu tragbaren Textilien wurde er verarbeitet, die besonders eiweißreichen Samen dienten als Grundnahrungsmittel und sein Öl wurde als Brennstoff für Lampen und Rohstoff für Farben benutzt. „Die Nutzung von Hanf war jahrhundertelang eine durch und durch etablierte Kultur“, erklärt Kerstin Stolzenburg.

Ächtung und Verbot von Cannabis

Doch irgendwann war mit dem Anbau einer der ältesten Kulturpflanzen der Welt dann plötzlich Schluss. Warum eigentlich? „Vermutlich hatte das mit dem THC-Gehalt vor allem der Cannabis-indica-Sorten zu tun“, meint die LTZ-Expertin für nachwachsende Rohstoffe. Der für die Rauschwirkung verantwortliche Wirkstoff Tetrahydrocannabinol, kurz THC, kommt im Harz der Pflanze vor.

Besonders reich an THC sind die Blätter nahe der Blüte in unbefruchteten weiblichen Pflanzen, männliche Pflanzen enthalten nur sehr wenig THC. Jahrhundertelang war die Rauschwirkung offenbar kein sehr großes Problem. „Cannabis ist die wohl älteste Droge überhaupt. Ihre Einstufung als gefährliches Rauschgift dagegen ist ein Produkt der Neuzeit“, schreibt Matthias Bröckers, Ko-Autor der 1993 erschienen „Hanf-Bibel“.

Lobby-Interessen, so der Autor, hätten damals zur „Horror-Propaganda“ und schließlich zum Verbot des Hanfanbaus geführt, dem sich in den ersten 30 Jahren des vergangenen Jahrhunderts immer mehr Länder anschlossen. 1929 beschloss auch der deutsche Reichstag das „Gesetz über den Verkehr mit Betäubungsmitteln“, in dem indischer Cannabis erwähnt wird. Seit 1972 wird das Opiumgesetz mit leichten inhaltlichen Veränderungen Betäubungsmittelgesetz genannt. Sowohl der Anbau als auch der Handel und die Nutzung von Cannabis sind seither explizit verboten.

Seit 1996 ist der Anbau wieder möglich

Seit 1996 ist der Anbau von Nutzhanf mit einem maximalen THC-Gehalt von unter 0,2 Prozent wieder erlaubt. Im EU-Sortenkatalog sind 20 bis 30 verschiedene Sorten verzeichnet. „Davon werden in Deutschland zurzeit vielleicht zehn Stück angebaut“, sagt Stolzenburg.

Die Untersuchungen, die am LTZ über mehrere Jahre hinweg gemacht wurden, weisen Nutzhanf als besonders nachhaltigen Rohstoff aus. „Alle Teile der Pflanze sind nutzbar“, betont die Expertin. Die Stängel liefern nicht nur Fasern für die Herstellung von Textilien und Papier, ihr holziger Innenteil – Schäben genannt – kann zu Dämmstoffen oder Bauplatten verarbeitet werden. Die Blätter und Blüten werden zu Tees oder anderen Lebensmitteln. „Wegen ihres hohen Anteils an mehrfach ungesättigten Fettsäuren sind Hanfkörner ernährungswissenschaftlich sehr wertvoll“, weiß Stolzenburg.

Neue Chance für Hanfprodukte

Einige Firmen haben bereits Hanföle, Samen oder Körner im Angebot. Gerade im Lebensmittelbereich werde aber noch weiter geforscht. „Bislang gibt es noch keine wissenschaftliche Untersuchung, die den gesundheitlichen Nutzen belegt.“

Auch für eine ökologische Landwirtschaft leistet Hanf gute Dienste. „Die Pflanze braucht nur wenig Herbizide oder Pestizide, kaum Stickstoffdüngung und die tiefgehende Pflanzenwurzel lockert den Boden auf“, erklärt Kerstin Stolzenburg. Im Schatten der hohen Pflanzen hat Unkraut kaum Chancen. Auch macht Hanf den Boden fruchtbar. „Das ist gut für die Folgekulturen, die deutlich höhere Erträge bringen.“

Hanf als Klimaretter?

Kerstin Stolzenburg ist überzeugt. „Wir haben hier sehr lange am Hanf geforscht und ich habe in dieser Zeit die vielen Vorteile kennengelernt“, sagt sie. Der Anbau im großen Stil habe sich bislang aber noch nicht richtig durchsetzen können. „Der Aufwand für die Landwirte ist groß und die Vermarktung hat gefehlt.“

In Baden-Württemberg werden derzeit 340 Hektar Nutzhanf angebaut. Der Schwerpunkt liege vor allem Richtung Bodensee und Bayern, weil dort die Vermarktung als Dämmstoff an Firmen im ökologischen Gebäudebau erfolgt.

Doch Stolzenburg ist zuversichtlich, dass die Pflanze den Sprung aus der Nische irgendwann mal wieder schafft. „Es bewegt sich was im Hanfbereich“, sagt sie. Schon heute würden Hanffelder kaum noch Aufmerksamkeit erregen.

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