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200. Geburtstag

Robert Gerwig war Vater der Schwarzwaldbahn und des badischen Aufschwungs

Robert Gerwig machte sich um die Eisenbahn im Schwarzwald äußerst verdient, trieb wegweisende Straßenprojekte voran und hatte damit erheblichen Anteil am Aufschwung Badens. Vor 200 Jahren wurde er in Karlsruhe geboren.
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Der Schwarzwald ohne Robert Gerwig? Vermutlich ein weißer Fleck auf der Landkarte; ohne nennenswerte Industrie und mit spärlichem Tourismus. Und selbst wenn es eine badische Schwarzwaldbahn gäbe, ohne den Ingenieur aus Karlsruhe wäre es nicht der großartige Wurf mit den berühmten Kehrschleifen.

Die Höllentalbahn von Freiburg nach Donaueschingen, der einzigartige Schienenweg über den Schweizer Nationalberg St. Gotthard und wegweisende Straßenbauprojekte gehen auf die Ideen und Pläne Gerwigs zurück.

Er revolutionierte den Brückenbau, er setzte als nationalliberaler Abgeordneter im badischen Landtag in Karlsruhe und im Reichstag in Berlin Akzente.

Gerwig wurde in Karlsruhe geboren

Vor 200 Jahren, am 2. Mai 1820, wurde Robert Gerwig in der badischen Residenzstadt geboren. Er zählt zu den Persönlichkeiten, die Baden weit über seine Grenzen hinaus bekannt gemacht haben.

„Als Ingenieur war Robert Gerwig ein Universal-Genie“, sagt Ulrich Boeyng. Der Oberkonservator des Landesdenkmalamts Baden-Württemberg im Ruhestand hat Gerwigs Leben und Wirken eingehend erforscht und publizierte seine Erkenntnisse im Gerwig-Jahr in einem zweiteiligen Aufsatz in der „Badischen Heimat“.

Boeyng weist auch gleich auf eine Diskrepanz hin. Während Gerwigs Tätigkeit im Straßen-, Bahn- und Wasserbau sowie in der Politik gut fassbar seien, wisse man über den Privatmann Gerwig praktisch so gut wie gar nichts. „Sein privater Nachlass ist im Zweiten Weltkrieg verbrannt“, berichtet Boeyng.

Zahlreiche Dokumente des im Alter von 65 Jahren in seiner Geburtsstadt verstorbenen Gerwigs lagerten in der Bahndirektion Karlsruhe. Das Gebäude bekam beim Luftangriff vom 3. September 1942 einen Bombentreffer ab, sämtliche Archivalien wurden vernichtet. Dazu hatte Gerwig keine Kinder, die in späteren Jahren etwas zu seiner Biografie hätten beitragen können.

Robert Gerwig hat vor allen anderen am meisten Talent, Kenntnisse und Bildung und steht denselben weit voran.
Eintrag in Gerwigs Abschlusszeugnis am Polytechnikum

Robert Gerwig stand weit über dem Durchschnitt. Das wurde früh deutlich. Das Karlsruher Lyzeum (heute Bismarck-Gymnasium) und die Staatsprüfung am Polytechnikum (heute KIT) im Jahr 1841 absolvierte er mit Bravour. „Robert Gerwig hat vor allen anderen am meisten Talent, Kenntnisse und Bildung und steht denselben weit voran“, schreibt ihm die Prüfungskommission ins Zeugnis, Zeichnungen und Projekte „sind mit Fleiß und Liebe behandelt“.

Robert Gerwig war wohl kein einfacher Mensch

Es war eine weise wie richtige Einschätzung. Gerwig trat nach dem Hochschul-Abschluss als Ingenieur-Praktikant in den Dienst der Oberdirektion für Wasser- und Straßenbau (OWS) in Karlsruhe ein und erklomm, so Albert Kuntzemüller (1880-1956) in seinem Standardwerk über Gerwig, alsbald die ersten Stufen der badischen Beamtenlaufbahn „sicher und schnell“.

Der Gerwigbrunnen in der Karlsruher Oststadt erinnert an die Leistungen des großherzoglichen Baudirektors Robert Gerwig. Foto: Rake HORA

Hochbegabt, zielstrebig, akribisch und fleißig – das sind elementare Wesenzüge Gerwigs. Und es gibt noch ein weiteres Charaktermerkmal. „Er war wohl kein einfacher Mensch“, so Boeyng.

Ein Beleg dafür ist seine Zeit von 1872 bis 1875 in der Schweiz, wo er – berufen vom eidgenössischen Industriellen, Politiker und Eisenbahnunternehmer Alfred Escher – bei Planung und Ausführung des anspruchsvollsten Abschnitts der Alpentraversale zwischen Göschenen und Airolo samt 15 Kilometer langem Scheiteltunnel verantwortlich zeichnete.

Im Herbst 1874 wuchsen die Spannungen zwischen der Direktion und ihrem Oberingenieur. Gestiegene Kosten und der gesprengte Zeitrahmen sorgten für Zündstoff, dazu gab es unterschiedliche Ansichten unter den Protagonisten, was den Bau weiterer Bahnen anbelangt. Angesichts der Meinungsverschiedenheiten drängte Escher Gerwig, sein Amt aufzugeben. Der reichte Anfang 1875 sein Entlassungsgesuch ein.

Vorausschauend, wie er dachte und plante, hatte er sich seine Beamtenstelle in Karlsruhe vertraglich festschreiben lassen und kehrte somit in gesicherte Verhältnisse zurück.

Politische Karriere bei den Nationalliberalen

Das hochkomplexe Eisenbahnprojekt am Gotthard, für das er mit August von Beckh die grundlegende Studie verfasst hatte, brachten seine Nachfolger zu Ende. In der Ruhmeshalle der Ingenieure hatte er da längst einen Platzanspruch.

Bemerkenswert

Ob nun Gerwig, Escher oder auch Louis Favre, einer von Gerwigs Nachfolgern an der Gotthardlinie, sie alle bezahlen für ihr rastloses Schaffen mit ihrer Gesundheit. „Und nun gedenke ich, für 4 Wochen – zu verschwinden. Mein Gesundheitszustand erheischt es gebieterisch“, schreibt Escher am 16. April 1872 an Gerwig.

Gerwig war ein rastloser Mensch, privat wie beruflich. In Karlsruhe zog er mit seiner Ehefrau Caroline – die beiden heirateten im Jahr 1846 – mehrfach um. Als Adressen sind Stephanien- und Sophienstraße bekannt, wie Boeyng in den alten Karlsruher Adressbüchern herausgefunden hat.

Sein Beruf und seine politische Kariere als nationalliberaler Abgeordneter des badischen Landtags in Karlsruhe und des deutschen Reichstags in Berlin (von 1875 bis 1883) hielten ihn ordentlich in Bewegung. Allein die Straßenbau-Projekte, für die er verantwortlich zeichnete, führten ihn durch den gesamten südlichen Schwarzwald bis an den Bodensee, wo er den Dammweg zur Insel Reichenau plante.

Störrische Schwarzwälder, sture Behörden

Jedes dieser Bauvorhaben stellte Gerwig vor große Herausforderungen. Es versteht sich von selbst, dass das Ingenieurs-Genie alle Aufgaben perfekt meisterte, und dazu so manchen Strauß mit störrischen Anwohnern (Schwarzwälder eben) ausfocht, manchmal auch mit anderen Behörden ziemlich Stress hatte.

Was er dann schuf, hat bis heute Bestand. Dabei sollte aber erwähnt werden, dass der Karlsruher auf ein solides Fundament bauen konnte; sein Vorgänger bei der OWS, Oberbaurat Johann Sauerbeck (1789-1861) hatte für zahlreiche Vorhaben schon die nötigen Daten erhoben, Vorhaben angeschoben. Die Trassenführung der Rheintalbahn geht ebenfalls auf Sauerbeck zurück.

Gerwigs Meisterstück, mit dem er sich auch bei Schweiz-Modernisierer Escher für die Gotthardlinie empfahl, war die von 1863 bis 1873 nach seinen Plänen erbaute Schwarzwaldbahn. Um die ideale Trassenführung für den knapp 150 Kilometer langen Schienenstrang von Offenburg nach Konstanz zu finden, erkundete die schwierigsten Abschnitte zu Fuß.

Jedes Schwarzwälder Dorf wollte einen Bahnanschluss

„Ob er auch bei den Vermessungsarbeiten tätig wurde, ist nicht so klar zu ermitteln“, so Gerwig-Kenner Boeyng. Man kann aber davon ausgehen, dass der Ingenieur höchstes Interesse hatte, über alle Details umfassend im Bilde zu sein.

Welchen Stellenwert dieses so bedeutsame Infrastrukturprojekt bereits vor dem ersten Spatenstich genoss, zeigen die vielen Eingaben. Jede Stadt, jedes Dorf, wollte an die Bahn angeschlossen werden, die den Weg in die große, weite Welt eröffnete und wirtschaftlichen Aufschwung garantierte. Es hagelte 207 Petitionen.

Für Gerwig wurde es schwer, denn er war Eisenbahnbauer und Landtagsabgeordneter, stand also in einem heftigen Interessenskonflikt zwischen Wählerwillen und Ideallinie. Es sollte sich der Ingenieur durchsetzen, der die beste technische Lösung favorisierte. Die kühnsten, planerischen Spitzen wie ein Spiralkehrentunnel musste Gerwig aber fallen lassen. So erfand er eben die Doppelschleife, um die Strecke künstlich zu längen und dadurch eisenbahn-verträglich an Höhe zu gewinnen.

Die Vollendung des letzten Projektes erlebte Gerwig nicht mehr

Und kaum war die Schwarzwaldbahn vollendet – parallel hatte er sich noch um den Hochwasserschutz im Schweizer Jura verdient gemacht – stand das dritte, große Bahnprojekt an. Die Höllentalbahn.

Mit ihrem Bau wurde am 24. Mai 1882 begonnen. Gerwig sollte ihre Vollendung nicht mehr erleben, er starb am 6. Dezember 1885. Die Höllentalbahn ging knapp zwei Jahre nach seinem Tod in Betrieb.

Wo heute noch an Robert Gerwig erinnert wird:

In der Karlsruher Gerwigstraße steht in einer kleinen Anlage ein vom Acherner Bildhauser Walter Gerteis 1987 geschaffener Brunnen, der an den großen Karlsruher erinnert. Mit „Gerwig – das Musical der Schwarzwaldbahn“ fand das Thema sogar Eingang in die Sparte der leichten Muse. 2009/10 wurde das Werk in Triberg aufgeführt. Zahlreiche Schulen tragen Gerwigs Namen und in gefühlt 50 Städten und Gemeinden zwischen Karlsruhe und Bodensee wurden Straßen oder Plätze nach ihm benannt. Auf dem Gelände des KIT gibt es ebenfalls ein Relikt, das an Gerwig erinnert. Es ist eine Zahnstangenweiche von der Höllentalbahn. Die wurde, im Gegensatz zur Schwarzwaldbahn, anfangs wegen ihrer Steilheit im Zahnradbetrieb gefahren. Gerwigs letzte Ruhestätte findet sich auf dem Karlsruher Hauptfriedhof, es ist die Gruft 86 im Ehrenhof. Dort hat er illustre Gesellschaft, zum Beispiel den Dichter Josef Viktor von Scheffel oder den Fahrrad-Erfinder Carl Friedrich Freiherr von Drais zu Sauerbronn und andere mehr. Die Stadt Triberg (Schwarzwald) setzte Gerwig bereits 1887 ein Denkmal in Form eines gewaltigen Granitsteins. Die Stadt mit dem bekannten Wasserfall (dort stammt auch der Stein her) gehört zum Schwarzwaldbahn-Erlebnispfad – www.schwarzwaldbahn-erlebnispfad.de.

Geradezu hymnisch klingt der Nachruf auf Gerwig im „Wochenblatt für Baukunde“ vom 11. Dezember 1885. „Baden und mit ihm Deutschland hat einen hervorragenden Fachmann verloren. Oberbaurath Gerwig in Karlsruhe. […] Er schwang sich zu einem der ersten unserer Eisenbahntechniker auf; in seiner Heimath bekleidete er die wichtige Stellung eines Baudirectors und Vorstands der technischen Abtheilung der Generaldirection der Staatseisenbahnen.“

Der Nachruf geht dezidiert auf die wichtigsten Projekte ein und spart die politische Tätigkeit Gerwigs nicht aus.

Aufschlussreich zur Persönlichkeit erscheint der letzte Satz der posthumen Würdigung: „Im Reichstag sprach er selten, meist bloss über Gegenstände seines Fachs, Eisenbahnen, Rheincorrection, Reichstagsgebäude und Ähnliches; er hatte mit seiner klaren Rede stets das Ohr des Hauses, wie er denn, stets zu den einflussreichen, hochgeachteten Mitgliedern des Reichstags zählte. Allzufrüh ist der wackere und hervorragende Mann abberufen worden.“

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