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Vor der Geburt gestorben

Sternenkinder: Zwischen Trauer und Tabu - zwei Frauen erzählen ihre Schicksale

Wenn Kinder tot geboren werden, liegt auf den verwaisten Eltern eine dreifache Belastung. Wie geht es weiter mit unserer Familie? Wo bekomme ich seelische Unterstützung und wie reagiere ich auf mein Umfeld?

Tiefe Trauer: Selbsthilfegruppen, Vereine zum Thema Sternenkinder und Trauerbegleiter können erste Anlaufstellen für verwaiste Eltern sein. Foto: Birgit Walther-Lüers

Fünf Tage vorm Geburtstermin hat Karl aufgehört zu treten. Die werdende Mutter Magdalena Swaczyna war an diesem Abend zu Hause. Sie machte sich keine großen Sorgen, begab sich aber trotzdem ins Krankenhaus. Die Arzttermine in den Wochen zuvor waren alle gut verlaufen. Ihr Mann begleitete sie an diesem Tag im August 2009 ins Klinikum.

Die junge Frau wurde von Arzt und Hebamme per Ultraschall untersucht. Das Herz ihres Sohnes Karl hatte aufgehört, zu schlagen. Magdalena Swaczyna erhielt Beruhigungsmittel, trotzdem konnte sie nicht aufhören zu schreien und wollte, dass ihr Sohn gerettet wird. Seelsorge und Ärzte rieten der jungen Frau zu einer Spontangeburt, nach zwei Tagen stimmte sie zu. Karl war nun ein Sternenkind.

Wir hören oft einfach nur zu.
Magdalena Swaczyna, Verein Regenbogen

Sternenkinder sind Kinder, die vor der Geburt im Mutterleib oder wenige Tage nach der Geburt sterben. Der Verein „Regenbogen Karlsruhe“ unterstützt Mütter und Väter, die auf diesem Weg ihr Kind verloren haben, verwaist sind. Magdalena Swaczyna, die nach Karls Tod zwei Kinder auf die Welt brachte, ist seit 2016 Vorsitzende des Vereins.

„Wir hören oft einfach nur zu, wenn jemand sein Kind auf diese Weise verloren hat.“ Freunde und Familie versuchen oft, das Tabuthema zu kürzen, wollen Details nicht hören und sagen: „Du bist noch jung“. Das Thema sei für Unbeteiligte oft unzugänglich. „Man kann jedoch den Tod des eigenen Kindes nie akzeptieren. Der Schmerz wird irgendwann weniger, man wird ruhiger und weint nicht mehr so oft,“ sagt sie.

Jasmin Vogels Tochter Sophia verstarb in der 18. Woche in ihrem Bauch am 27. Dezember vor vier Jahren. Als die junge Frau im Krankenhaus davon erfuhr, war ihr bereits 4-jähriger Sohn mit dabei. Ihr Mann wurde informiert. „Es war Weihnachtszeit, ich trauerte mit meinem Mann und ich musste meinem Sohn erklären, was mit Sophia passiert war. Ich hätte mir an dieser Stelle mehr Unterstützung gewünscht.“ In einer stillen Geburt wurde Sophia am Folgetag zur Welt gebracht.

Harter Schicksalsschlag: Magdalena Swaczyna brachte 2009 ein Sternenkind zur Welt. Sie ist Vorsitzende des Vereins Regenbogen in Karlsruhe. Foto: Magdalena Swaczyna

Heute hat Jasmin Vogel noch zwei weitere Kinder und arbeitet in der Diözesanstelle Pforzheim. In einem Online-Seminar, das kirchliche Trauerbegleiter ausbildet, spricht sie offen und selbstbewusst über ihr Schicksal. Die Teilnehmer hören aufmerksam zu, während Jasmin Vogel über das „große Tabuthema“ berichtet. Sätze von Außenstehenden wie „Es war doch nichts da, du kriegst noch ein Kind“ seien sehr verletzend. „Die wichtigste Frage für mich war dabei: Wie organisiere ich das alles? Wird Sophia bestattet?“

Um den Verlust besser zu verschmerzen, sei eine Bestattung und ein namentlicher Eintrag des Kindes durch das Standesamt sehr wichtig. Das weiß Magdalena Swaczyna aus ihrer Vereinsarbeit. Weil in Deutschland Kinder unter 500 Gramm als Fehl- und nicht als Totgeburten gelten, sei dies oft schwierig. Magdalena Swaczyna zeigt dafür kein Verständnis: „Für das Standesamt ist es doch nur ein Zettel, für die Eltern jedoch ein wichtiger Schritt.“

„Das Grab als Anlaufstelle hilft sehr“, sagt Jasmin Vogel, die Sophia bei ihren Großeltern im Grab bestatten ließ. Die Idee dazu hatte der Bestatter. Weil Sternenkinder unter 500 Gramm kein eigenes Grab erhalten, können sie in einem Sammelgrab oder bei Verwandten mit beerdigt werden.

Jasmin Vogel will, dass Trauerbegleiter wissen, wie sie mit Sterneneltern umgehen sollen. Auch Magdalena Swaczyna arbeitet mit dem Verein Regenbogen daran, das Tabu zu brechen. „Für die Eltern ist es das Beste, wenn sie einfach reden dürfen. Und wenn sie Menschen haben, die einfach nur zuhören“, sagt sie.

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