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Hinte-Messe appelliert an Politik

Karlsruher Messeveranstalter befürchtet wegen Corona Quasi-Verstaatlichung der Messe-Branche

Der Messe-Riese Deutschland taumelt – und die Chinesen machen sich das zunutze. Die private Hinte-Messe GmbH aus Karlsruhe weist auf die Bedeutung von Messeveranstaltungen für die Exportnation Deutschland hin – es ist ein Weckruf an die Politik.

Sorgt sich um eine ganze Branche: Christoph Hinte führt den privaten Messegesellschafter Hinte GmbH aus Karlsruhe in dritter Generation. Foto: Jörg Donecker / jodo

Noch ist Deutschland der Weltmarktführer bei Messen. „Doch alle Vorzeichen deuten darauf hin, dass sich der Schwerpunkt auf Fernost verlagert“, sagt Christoph Hinte im BNN-Gespräch. Der 50-Jährige führt die private Hinte Messe- und Ausstellungs-GmbH (Karlsruhe) in dritter Generation und ist stellvertretender Vorsitzender des Branchenverbandes Fama.

In China werden bereits wieder zahlreiche Messen veranstaltet, während hierzulande die Corona-Pandemie die Messe-Welt lahmlegt. Zur hiesigen Situation sagt Hinte: „Die Branche taumelt. Wir brauchen dringend ein paar Seile, damit wir nicht umfallen.“

Karlsruhes und Stuttgarts Messe-Chefs: Private Messegesellschaften sind wichtig

In der Bundesrepublik grassiert in der Branche vielerorts Panik. Stuttgarts Messechef Roland Bleinroth schließt zwar nahezu aus, dass Bundesländer und Kommunen ihre Messen pleitegehen lassen. Er sieht aber weitere Insolvenzen bei privaten Messegesellschaften kommen.

Davor warnt auch Britta Wirtz, Chefin der städtischen Messe Karlsruhe. „Private Messegesellschaften sind wichtig für das Messewesen und auch wichtig für den Standort Karlsruhe. Wir profitieren beide voneinander.“ Notwendig sei, dass Hilfsprogramme für private Messegesellschaften greifen.

Von den Fama-Mitgliedern sind im Frühjahr zwei private Messegesellschaften pleitegegangen, ein weiteres hat jetzt Insolvenzantrag gestellt. Reed Exhibitions, einer der größten privaten Messeveranstalter weltweit, entlässt Mitarbeiter.

All das kann den öffentlichen Gesellschaften nicht gleichgültig sein. Denn: Ihre Hallen vermieten sie bislang lukrativ an private Messeveranstalter. Ohne diese Einnahmequelle wäre der Zuschussbedarf des Steuerzahlers noch größer.

Top-Messe made in Karlsruhe: Die private Messegesellschaft Hinte zeichnet für die Weltleitmesse Intergeo verantwortlich. Auch Hinte-Messe ist wegen Corona in Nöten. Foto: Nico Herzog/Archiv

Hinte warnt von einer „Verstaatlichung der deutschen Messebranche“ infolge Corona. „Eine Verstaatlichung wäre es auch dann, wenn alle privaten Messeveranstalter tot sind, denn dann gäbe es nur noch die öffentlichen.“

Vom Wohl und Wehe der Messegesellschaften hängen viele ab: Messebauer, Speditionen, Taxifahrer, Caterer und Hoteliers beispielsweise. Weniger bewusst ist der Öffentlichkeit laut Hinte, dass gerade exportorientierte deutsche Unternehmen Messen bräuchten – weil sie so an Aufträge kämen.

„Wir sind einer der Exportweltmeister – angetriggert wird der Export auch durch unsere Messen“, sagt auch der langjährige Fama-Vorsitzende Hans-Joachim Erbel. Und Stuttgarts Messechef Bleinroth betonte jüngst gegenüber der „Welt“: „Messen sind keine Freizeiteinrichtungen, sondern Marktplätze für die Wirtschaft.“

Auch Verbände richten Messen aus, erwirtschaften so Einnahmen: der Verband der Automobilindustrie mit seiner IAA beispielsweise, der Börsenverein des Deutschen Buchhandels mit der Frankfurter Buchmesse, der Zentralverband des Deutschen Handwerks mit der Internationalen Handwerksmesse.

„Der Meteorit hat in unserer Branche bereits eingeschlagen“, unterstreicht Hinte. „Es werden viele Veranstaltungen vom Markt verschwinden.“ Jüngstes Beispiel: Nach sieben Jahrzehnten wird die Foto- und Videomesse Photokina nicht mehr fortgesetzt, teilte die Koelnmesse mit.

1,5 Millionen Euro Einnahmen – statt der geplanten 7,5 Millionen Euro

Für sein Unternehmen hatte er für dieses Jahr mit Einnahmen von 7,5 Millionen Euro gerechnet – 1,5 Millionen werden es letztlich sein. „Diese 1,5 Millionen haben wir komplett im Digitalgeschäft geholt“, sagt Hinte – mit entsprechenden Vorlaufkosten, weniger Besuchern und Ausstellern. Wichtig sei es gewesen, zumindest mit den digitalen Formaten am Markt zu bleiben.

Die Hinte-Messe zeichnet beispielsweise für zwei bedeutende Veranstaltungen verantwortlich: Zur Geodäsie-Weltleitmesse Intergeo kamen vor Corona 20.000 Besucher, zur Arbeitsschutz aktuell rund 10.000 Besucher. Sein Unternehmen werde rote Zahlen schreiben, sagt Hinte, der 35 Mitarbeiter beschäftigt.

Der Unternehmer geht auch auf konkrete Hilfen ein: „Unbürokratisch“ habe er eine halbe Million Euro als KfW-Kredit erhalten. Für Juni bis August gab es 142.000 Euro als Überbrückungshilfe. Sie deckten laut Hinte aber weniger als ein Drittel der – bereits reduzierten – Allgemeinkosten für die drei Monate. Für September bis Dezember sind nun weitere 200.000 Euro beantragt. Entscheidend für das Unternehmen werde die Antwort auf die Frage sein: Wie entwickelt sich das kommende Jahr?

Hinte hält für die gesamte private Messebranche eine neue Bemessungsgrundlage beim Überbrückungsgeld III für nötig: Drei Prozent des Jahresumsatzes 2019 sollten nun pro Monat bezahlt werden – bis wieder Veranstaltungen möglich sind.

Kein Politiker kann prognostizieren, wie sich Corona weiterentwickelt, weiß der Unternehmer. Daher würden Hermes-Bürgschaften des Bundes aus seiner Sicht helfen: Bei allen Veranstaltungen, die angekündigt sind und dann doch nicht stattfinden können, wären dann die Anlaufkosten gedeckt – und somit die Anzahlungen der Aussteller. „Die Budgets für Messen 2021 werden jetzt von den Firmen gemacht“, sagt der auf Fachmessen spezialisierte Hinte – sein Verbrauchermessenportfolio (offerta, inventa) hatte er vor etlichen Jahren an die Messe Karlsruhe verkauft.

Neben finanzieller Unterstützung sei wichtig, dass die Politik Planungssicherheit schafft – das heißt, eine Perspektive bietet, „an die auch die Aussteller glauben“. Denn die zögerten sonst mit Buchungen bei Messeveranstaltern.

Während viele staatliche Messegesellschaften in Corona-Zeiten mehr denn je am Tropf des Steuerzahlers hängen, dürfte aus Fama-Sicht 2021 für viele private Veranstalter zu einem Schicksalsjahr werden. Eine Alternative zu Insolvenzen wären Aufkäufe von privaten Messeveranstaltern.

Die staatlichen deutschen Messegesellschaften hätten andere Sorgen, als jetzt zuzugreifen, heißt es querbeet in der Branche. Bleinroth zeigt aber auch hier aufs Ausland: Kaufinteressenten gebe es, sie kämen vor allem aus Großbritannien und China.

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