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Streit über Verantwortung

Corona-Krise bei Müller-Fleisch in Birkenfeld: Chefs äußern sich zu den Massen-Ansteckungen

Rund drei Wochen nach Beginn der massiven Corona-Infektion mit 300 Betroffenen, reagiert die Geschäftsführung von Müller-Fleisch per Telefonkonferenz auf die „schwerste Krise“ in der rund 50-jährigen Geschichte der Firma. Der DGB nennt den Familienbetrieb in Birkenfeld den „Verursacher der Katastrophe“.

Stefan und Martin Müller. Foto: pr

Kommunikationsoffensive bei Müller-Fleisch: Rund drei Wochen nach Beginn der massiven Corona-Infektion unter den Mitarbeitern mit 300 Betroffenen, reagiert die Geschäftsführung per Telefonkonferenz auf die „schwerste Krise“ in der rund 50-jährigen Geschichte der Firma. Nahezu zeitgleich nimmt auch der DGB die Handys in die Hand und nennt den Familienbetrieb in Birkenfeld den „Verursacher der Katastrophe“. Für solche Fälle brauche es eine „Unternehmerhaftung“.

Das „Nein“ zu der Vorstellung, die Infektionswelle liege im Geschäftsmodell begründet, kommt Stefan und Martin Müller nahezu zeitgleich über die Lippen. Bereits vor Auftreten der Infektionen sei der Betrieb, der laut DGB zu den Top Ten der Republik gehört, auf Covid 19 vorbereitet worden.

Die Mitarbeiter hätten „in allen relevanten Sprachen“ von den Sicherheitsbestimmungen erfahren. Nach deutschem Recht „unvorstellbar“ sei allerdings, als Arbeitgeber auf das private und häusliche Umfeld der Beschäftigen Einfluss zu nehmen.

Geselliger als in Deutschland üblich

Atmosphärisch wäre dies eine Einmischung in ein deutlich geselligeres Miteinander „als inzwischen in Deutschland üblich“, erläutert Stefan Müller. Er kommentiert damit indirekt, es gebe zu wenig Küchen, Bäder und überhaupt sei alles zu eng in den Unterkünften für die Mitarbeiter aus Polen, Rumänen und Ungarn.

Dies lässt Landrat Bastian Rosenau anklingen, wenn er fordert, hier müsse sich was ändern. Das suggerieren Elwis Capece von der Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätten und Holger Egger, ehrenamtlicher Verdi-Landesbezirksvorsitzender und Personalratsvorsitzender im Landratsamt.

„Maximalen Einfluss über die Werksverträge“, aber vor allem der „Druck von Kunden“ ließen derartige, auch von politischer Seite mit drastischen Worten angesprochene, Unterbringungen gar nicht zu. Zu den Qualitätsregeln gehörten etwa zehn Quadratmeter pro Person, „was meistens überschritten“ werde.

Bei Vorort-Überprüfungen nach den Normen der sozialen Verantwortung (social accountability) habe man nie den Eindruck gewonnen, am Ende der Skala zu stehen.

Kein ausländischer Mitarbeiter ist existenziell bedroht
Stefan Müller, Geschäftsführer bei Müller-Fleisch

Kein ausländischer Mitarbeiter sei existenziell bedroht, reagieren die Müllers auf Gerüchte zur sozialen Lage. Alle seien kranken- und sozialversichert – auch das gehöre zu den Audit-Vorgaben, über die Kunden sich dagegen absicherten, selbst negativ da zu stehen.

Die Bezahlung liege zumeist „deutlich über dem Mindestlohn“. Seit Beginn der Quarantäne würden Werkvertragsarbeiter mit Essenpakten versorgt. Dass es so viele Fremdarbeiter gibt, liege an der Situation in Deutschland. Während regional kaum Fleischerberufe zu bekommen seien, schließe die Alfons-Kern-Schule gerade die letzte Ausbildungsklasse.

Rindfleisch wohin das Auge schaut: Müller-Fleisch gehört zu den größten Verarbeitern in der Republik. Foto: Kollros

Müller-Fleisch sieht sich moralisch in der Pflicht

Auch dem Vorhalt, nur scheibchenweise zu informieren oder die Berufsgenossenschaft abzuweisen, treten die Müller-Geschäftsführer entgegen. Gleichzeitig betonen sie, das Unternehmen sehe sich „moralisch in der Pflicht“, sich an den Kosten für die drei Quarantänezentralen zu beteiligen, aber nicht rechtlich. Zur Höhe des Betrags wollen sie sich nicht äußern, solange Gespräche laufen.

Neue Kräfte werden eingestellt

„Die letzten Wochen waren sehr erkenntnisreich“, bilanziert Stefan Müller zur Frage nach Fehlern. Er und sein Bruder bestätigen auch, dass 50 neue Mitarbeiter kommen. Diese seien bereits vor der Infektionswelle mit Blick auf die Grillsaison zum 1. Mai eingestellt worden, kämen aber bereits in dieser Woche und „werden nicht einfach in alte Betten gestopft.“

Außerdem gebe es Zusatzkräfte in der Betriebshygiene. Alle diese Leute kommen jetzt in Quarantäne, macht der Enzkreis deutlich und schreibt, er sei lediglich informiert worden. Als Konsequenz aus der Krise kündigen die Müller-Geschäftsführer an, jetzt „einen offenen, direkten Draht pflegen“ zu wollen.

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