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Lockdown-Trend Eisbaden

Hobbygruppe aus Mühlacker trifft sich zum Schwimmen in der eisigen Enz

Eisbaden und Winterschwimmen liegen im Lockdown im Trend. Im Mühlacker sind die Sporteinheiten in der Kälte schon seit September fest verankert. Eine Hobbygruppe erzählt, warum sie sich in die eiskalte Enz stürzt.

Wollen ihre Grenzen austesten: Die Mitglieder der sogenannten Eis-Freunde steigen in das nur drei oder vier Grad kalte Wasser der Enz. Um das auszuhalten, braucht der Körper regelmäßiges Training. Foto: Maren Recken

Die Spaziergänger am winterlichen Enzufer hinter der Enztalsporthalle in Mühlacker reiben sich verwundert die Augen, während ihnen selbst mit Mütze, Schal und Handschuhen und in Winterjacken noch kalt ist. Eine gestrickte Wollmütze auf dem Kopf und nur mit Badehose bekleidet kommt ein Junge aus der Enz.

Nur wenige Augenblicke später steigt der Vater aus dem winterlich abgekühlten Fluss. Auch er trägt Badehose. Ohne sichtbare Eile und nicht – wie sich angesichts der Außentemperaturen erwarten ließe, stark zitternd – ziehen sich die beiden an. Eine dritte Person tut es ihnen wenig später nach.

„Das ist unser Traumwetter. Wir wollen uns immer weiter steigern, indem wir uns überwinden. Endlich ist es dafür kalt genug“, freut sich Leos Tvardik.

Mit sinkenden Temperaturen sank die Zahl der Enz-Bader

Wenn er gerade nicht in der Enz schwimmt, ist der 58-jährige Tscheche Hausmeister in der Erlentalhalle in Ötisheim und bringt in seiner Freizeit im ortsansässigen Sportverein Kindern das Inlineskaten bei oder trainiert eine Mädchen-Fitnessgruppe. Und er träumt davon, dass sich seiner neusten Trainingsgruppe, den Eis-Freunden, noch mehr mutige Schwimmer anschließen.

Bislang gehen sie zu zweit fast täglich in der Enz schwimmen. Er und Jakob Burger, der sich selbst als „einer der Verrückten“, vorstellt, bevor er bei minus vier Grad Außentemperatur ins nur drei Grad kalte Wasser steigt.

„Als wir im September begonnen haben uns ans Schwimmen im kalten Freiwasser zu gewöhnen, waren wir noch zu siebt“, erzählt Leos Tvardik.

Mit sinkenden Temperaturen sank auch die Zahl der regelmäßigen Winterschwimmer. Dafür kam sein 11-jähriger Sohn dazu und auch der ältere Sohn schwimmt in regelmäßigen Abständen mit.

„Bei den momentanen Temperaturen schwimmen wir nur von einem Steg zum anderen“, erzählt Leos Tvardik und betont, dass regelmäßiges Training für Winterschwimmer das Allerwichtigste ist. „Sonst wird es gefährlich“.

Rettungsschwimmer mahnt beim Winterschwimmen zur Vorsicht

Dem stimmt auch Christian Bauer zu. Der Rettungsschwimmer der DLRG Ortsgruppe Mühlacker hält Eisbaden oder Winterschwimmen zwar grundsätzlich für machbar, mahnt aber zur notwendigen Vorsicht.

Den Körper langsam an die immer kälter werdenden Temperaturen zu gewöhnen, gehöre unbedingt dazu, mit kalten Duschen und mit regelmäßigem Freiwasserschwimmen, mit dem bestenfalls schon lange vor dem Winter begonnen wird.

Kritisch wird es, wenn man sich zu lange im eiskalten Wasser aufhält.
Christian Bauer, DLRG-Rettungsschwimmer

„Ein paar Minuten, so wie die Schwimmer heute, sind auch in nur drei oder vier Grad warmem Wasser für Trainierte kein Problem. Kritisch wird es, wenn man sich zu lange im eiskalten Wasser aufhält oder in Eis einbricht“, warnt der Rettungsschwimmer vor Leichtsinn.

„Je länger man sich in kaltem Wasser aufhält, desto mehr kühlt der Körper aus und desto eher kommt man in die Bereiche der Hypotonie, was dann zum Herzstillstand führen kann“, erklärt er, was passiert, wenn der Blutdruck durch den Aufenthalt im kalten Wasser zu sehr fällt.

„Wenn man bei den momentanen Temperaturen nicht mindestens dreimal wöchentlich schwimmen geht, wird es gefährlich“, weiß auch Leos Tvardik, der das Winterschwimmen vor sieben Jahren zum ersten Mal ausprobiert hat und nun zur Abhärtung und zum Zeitvertreib schwimmt: „Weil man wegen Corona ja momentan so viel Zeit hat“.

Enz-Schwimmer Tvardik ist Kälte gewohnt

Risikobewusst und risikoliebend, so könnte man Tvardik beschreiben. Mit Anfang zwanzig habe er in der Hohen Tatra, dem höchsten Teil der Karpaten, als Sherpa gearbeitet und vor 30 Jahren in einer Expedition von Nord- nach Süd-Spitzbergen durchquert.

„Wir waren zwei Monate auf Skiern unterwegs und haben draußen geschlafen. Wenn es kalt war bei minus 40 Grad, wenn es warm war bei minus 25 oder minus 20 Grad“, erinnert er sich.

Und er erzählt, Funk hätten sie damals nicht dabei gehabt, dafür eine ausgeliehene Waffe, die sie auch einmal einsetzen mussten, um einen Eisbärenangriff abzuwehren.

Ich habe Tage, da freue ich mich richtig, wenn ich aus dem Wasser komme.
Leos Tvardik, Enz-Schwimmer

Mit Eisbären und minus 40 Grad müssen Tvardik und seine Mitschwimmer in der Enz garantiert nicht rechnen. Mit kalten Temperaturen schon. Doch genau diese wollen die Winterschwimmer ja.

„Ich habe Tage, da freue ich mich richtig, wenn ich aus dem Wasser komme. Da bin ich noch zwei oder drei Stunden danach einfach nur glücklich. Das muss man einmal erlebt haben“, beschreibt Tvardik das Gefühl nach dem Schwimmen.

Und Sohn Filip? Der ist nach dem letzten Winterschwimmen direkt zum Schlittschuhlaufen. Ohne wärmende Dusche zwischendurch.

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