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Aufklären oder Austauschen?

NS-Zeit belastete Straßennamen: wie geht es in Pforzheim damit weiter?

Wie gehen Städte mit Straßennamen von NSDAP-Mitgliedern oder anderen historisch belasteten Namen um? Die Emil-Strauß-Straße in Pforzheim wurde im vergangenen Jahr mit einem Zusatzschild ausgestattet. Aber auch über Denkmäler und Statuen gibt es Diskussionen.

Ergänzende Beschilderung: Lange Zeit brauchte es, bis das Info-Schild über die NS-Verbundenheit des Namensgebers der Emil-Strauß-Straße angebracht war. Auch über Bismarck gab es bereits Diskussionen. Foto: Jürgen Müller

Die Emil-Strauß-Straße in Pforzheim wurde im vergangenen Jahr nach längeren Diskussionen mit einem Hinweisschild über ihren Namensgeber versehen, welcher ein Mitglied der NSDAP war.

Doch wie soll in Pforzheim mit anderen möglicherweise historisch belasteten Straßennamen umgegangen werden?

Laut der stellvertretenden Kulturamtsleiterin Claudia Baumbusch liegt die Entscheidung darüber bei der Politik.

Problem sei, dass die Namen bei ihrer Vergabe einen Wert für die Menschen hatten.

„Diese Werte stimmen nicht mehr alle mit den Werten der heutigen Zeit überein“, so Baumbusch in der jüngsten Sitzung des Kulturausschusses. Aus der Bevölkerung seien immer wieder Forderungen nach der Umbenennung von Straßen angeregt worden.

Doch das Thema ist komplex. Betroffen sind in Pforzheim nicht nur Straßennamen mit nationalsozialistischem Hintergrund, sondern auch Namen wie der Sedanplatz, der in der heutigen Zeit ein anderes Verständnis von Krieg und Frieden beinhalte, erklärt Baumbusch.

Als Kriterien für belastete Namen gelten unter anderem die Förderung des Nationalsozialismus in führender Stellung, die Mitarbeit in der NSDAP, Verbreitung der NS-Ideologie oder beispielsweise die Forschung für Waffen.

300 unklare Straßennamen

Von den knapp 1.200 Straßen, welche das Stadtplanungsamt in Pforzheim ausweist, seien in rund 300 Fällen die Ursprünge nicht eindeutig. Hierfür benötige es historische Untersuchungen, welche sich mit den Hintergründen befassen.

Zwischen 54.000 und 72.000 Euro plus Mehrwertsteuer veranschlagt das Kulturamt dafür. Geld, welches im aktuellen Haushalt nicht eingeplant ist, wie Kulturbürgermeisterin Sybille Schüssler (Grüne) in der Sitzung des Kulturausschusses am Mittwoch bestätigte.

Teil der Untersuchungen wären neben Hintergrundrecherchen zu Straßenbenennungen in Pforzheim vor 1945 auch Recherchen in Veröffentlichungen und unterschiedlichen Archiven. Ziel ist es, zu jedem Namen ein einzelnes Gutachten anzufertigen, teilt das Kulturamt mit. Pro Straßenname werden dazu durchschnittlich drei Stunden Zeit eingeplant.

Ein Vorgehen, welches den Vorschlag von Andreas Kubisch (Bürgerbewegung) zunichte macht. Er hatte die Idee aufgebracht, bei der Recherche über die Namen unterschiedliche Schulklassen mit einzubeziehen und diese sich so mit der Geschichte beschäftigen zu lassen.

Auch Monika Descharmes (FDP) und Bernd Zilly (UB) sprachen sich bei der Sitzung des Kulturausschusses gegen die Umbenennung von Straßen aus. Stattdessen sollten die Namen aufgearbeitet werden.

Der Vertreter der WiP/Die Linke, Christof Weisenbacher, schlug vor, zunächst die Namen zu untersuchen, welche bereits sichtbar kritisch seien. Letztendlich einigte sich der Kulturausschuss darauf, das Thema in einer der nächsten Sitzungen erneut auf die Tagesordnung zu nehmen.

Pforzheimer Bismarck-Statue im Blick

Debatten über Untersuchungen von Straßennamen beschäftigten in den vergangenen Jahren nicht nur die Stadt Pforzheim, sondern auch andere Städte.

So forderten beispielsweise die Jungen Sozialisten in Karlsruhe im August dieses Jahres unter anderem die Umbenennung des Adenauerrings. In Pforzheim beschäftigte sich der Gemeinderat im vergangenen Jahr neben der Umbenennung der Emil-Strauß-Straße auch mit der Bismarck-Statue im Stadtgarten.

Damals gab das Rathaus an, „dass es aus erinnerungspolitischer Sicht keinen Sinn macht, die Geschichte, die sich in Straßenbezeichnungen und Denkmälern manifestiert, durch deren Umbenennung oder Abbau zu tilgen, sondern dass der historische Kontext erläutert und damit Transparenz im Umgang mit einem zwiespältigen kulturhistorischen Erbe geschaffen werden muss”.

Auf Anfrage der Redaktion äußerte sich die städtische Pressestelle bisher nicht zu möglichen weiteren Planungen für die Statue. Die stellvertretende SPD-Fraktionssprecherin Annkathrin Wulff hatte damals den Vorschlag aufgebracht, ein Gegenentwurf aufstellen zu lassen. Dieser sollte in einem Kreativwettbewerb entschieden werden. Auch hierzu äußerte sich die Stadt auf Anfrage der Redaktion bislang nicht.

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