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Streit um Statuen und Straßennamen

Politik nimmt Bismarck-Statue in Pforzheim ins Visier

Die 120 Jahre alte Pforzheimer Bismarck-Statue überstand Krieg und Katastrophen. Jetzt könnte ihr die Debatte im Zuge der Black-Lives-Matter-Bewegung gefährlich werden. Auch der Streit um einen Pforzheimer Dichter und Nazi flammt wieder auf.

Eiserner Kanzler: Bismarck-Statue im Pforzheimer Stadtgarten Foto: Daniel Streib

Stramm steht Otto von Bismarck auf seinem Sockel im Stadtgarten von Pforzheim. Den Säbel mit der Faust umschlungen, die Uniform des Gardekürassiers akkurat geknöpft, den Blick unter der Pickelhaube tapfer nach vorn: So kennen Generationen von Pforzheimern ihren Bismarck, geschaffen von Bildhauer Emil Dittler, einem großen Sohn der Stadt.

Doch 120 Jahre nach der Enthüllung des Denkmals im Sommer 1900, damals noch auf dem Bahnhofsplatz, könnte der Pforzheimer Bismarck politisch ins Wanken geraten. Die Statue, die Krieg, Katastrophen und Anschläge überstand, ist in Gefahr.

Im Zuge der weltweiten Black-lives-matter-Bewegung wird längst auch in deutschen Städten über historische Persönlichkeiten der Kolonialzeit gestritten, besonders über Bismarck, der nach einigem Zögern mit Macht die deutschen Kolonien vorantrieb.

Bismarck-Streit in Zweibrücken und Hamburg

In Zweibrücken, wo eine ganz ähnliche Bismarck-Statue steht, wird seit Monaten über deren Abbau debattiert. Und in Hamburg, wo im Elbpark das höchste Bismarck-Standbild der Welt steht, fordern Aktivisten einen Schnitt. Die Vorschläge reichen von „Kopf ab” bis zum Austausch des riesigen Bismarck-Schwerts durch ein popkulturelles Lichtschwert à la Star Wars.

Otto von Bismarck: Umstrittener Staatsmann

Otto von Bismarck war von 1871 bis 1890 als der erste Reichskanzler eine prägende Gestalt der deutschen Politik. Seine Bilanz ist nicht unumstritten. Bismarck führte blutige Kriege - unter anderem gegen Frankreich (1870/1871) und trieb den Kolonialismus voran. Innenpolitisch stand er für einen kaisertreuen Obrigkeitsstaat und bekämpfte unter anderem die Sozialdemokratie mit den „Sozialistengesetzen”. Andererseits ermöglichte er Berufsgenossenschaften und Krankenversicherungen und legte damit die Grundlagen für den modernen Sozialstaat. Als Reichsgründer und „Eiserner Kanzler” erfuhr Bismarck noch zu Lebzeiten (1815-1898) große Verehrung, dies sich um die vorvergangene Jahrhundertwende in einen wahren Kult steigerte. Bismarck ist bis heute vielfacher Namenspate, unter anderem eine Inselgruppe (Bismarck-Archipel), die Hauptstadt von North Dakota und sauer eingelegter Hering ist nach ihm benannt. Bis heute gibt es allein in Deutschland zahlreiche rund 500 Bismarck-Straßen und -Plätze sowie mehr als 100 Denkmale.

Und Pforzheim? Man beobachte die aktuellen Entwicklungen, „Denkmale bezüglich der kolonialen Vergangenheit Deutschlands neu zu bewerten”, so eine Sprecherin der Stadt auf Anfrage. Nach der Sommerpause soll das Thema in die Gremien, man plane konkret „für das zweite Halbjahr Ideen zur Aufklärung und Aufarbeitung”.

Grundsätzlich sei man im Rathaus der Auffassung, „dass es aus erinnerungspolitischer Sicht keinen Sinn macht, die Geschichte, die sich in Straßenbezeichnungen und Denkmälern manifestiert, durch deren Umbenennung oder Abbau zu tilgen, sondern dass der historische Kontext erläutert und damit Transparenz im Umgang mit einem zwiespältigen kulturhistorischen Erbe geschaffen werden muss.” Das gelte auch für das Bismarck-Denkmal.

Den Blick nach Norden: Die Bismarck-Statue steht seit 1937 im Pforzheimer Stadtgarten. Foto: Daniel Streib

Für Bismarck könnte zudem die „Pforzheimer Friedensfeder” sprechen, ein Geschenk aus der Goldstadt, mit der der Kriegskanzler 1871 in Frankfurt den deutsch-französischen Friedensvertrag unterzeichnet haben soll – die Geburtsstunde des neuen Deutschen Reichs, signiert mit einem güldenen Schreibgerät aus Pforzheim.

Stadträtin fordert Kreativwettbewerb

Mit weniger Pathos positionieren sich derweil die ersten Ratsmitglieder. SPD-Stadträtin Annkathrin Wulff macht klar: Bismarck habe zwar „eine relativ moderne Sozialgesetzgebung erlassen, allerdings vorrangig, „um damit der sozialistischen ArbeiterInnenbewegung den Boden zu entziehen.”

Ich persönlich würde es begrüßen, dem Pforzheimer Bismarckdenkmal einen für Frieden und Freiheit stehenden Gegenentwurf gegenüberzustellen - gerne auch als Ergebnis eines entsprechenden Kreativwettbewerbs.
Annkathrin Wulff, stellvertretende SPD-Fraktionssprecherin

Bismarck habe Sozialdemokraten, Katholiken und ethnische Minderheiten verfolgt und sei „Geburtshelfer des deutschen Kolonialreichs” gewesen. Wulff: „Ich persönlich würde es daher begrüßen, dem Pforzheimer Bismarckdenkmal einen für Frieden und Freiheit stehenden Gegenentwurf gegenüberzustellen - gerne auch als Ergebnis eines entsprechenden Kreativwettbewerbs.”

Noch weiter geht Linke-Stadtrat Claus Spohn: „Wir haben zwar drängendere Probleme. Grundsätzlich gehört das Denkmal aber weg.”

Lob von der AfD-Fraktion

Ganz anders sieht es AfD-Stadtrat Alfred Bamberger, der findet: „Fürst Bismarck war einer der größten Staatsmänner in der deutschen Geschichte. Es wäre absurd, Denkmäler abzubauen oder Straßen umzubenennen.”

Stadtrat Spohn hält das zwar für geboten, aber für nicht durchsetzbar. Der Linkspolitiker erinnert sich leidvoll an die „unsägliche Debatte” um die Emil-Strauß-Straße. Nicht mal für den Pforzheimer Schriftsteller und lupenreinen Nazi gab es bislang Konsequenzen.

Rückblende: Im März 2015 hatte es im Gemeinderat einen Versuch gegeben, die Emil-Strauß-Straße umzubenennen. In einem Antrag der Grünen Liste unter der damaligen Fraktionschefin Sibylle Schüssler hieß es, Strauß sei ein aktiver Nazi und nicht nur ein „sogenannter Mitläufer gewesen”.

Straßenecke mit Konfliktpotenzial: Emil-Strauß-Straße und Bismarckstraße in der Pforzheimer Nordstadt Foto: Daniel Streib

Hinweis an Emil-Strauß-Straße soll kommen

Im Januar 2018, Schüssler amtierte inzwischen als Kulturbürgermeisterin, war von einer Umbenennung nicht mehr die Rede. Im Kulturausschuss einigte man sich auf Zusatzschilder mit einordnendem Text. „Doch passiert ist seither nichts”, stellt Linke-Stadtrat Spohn zweieinhalb Jahre später fest.

Die Stadt teilt dazu mit Blick auf die Bauarbeiten am benachbarten Bahntunnel mit: „Aufgrund der großangelegten Bauarbeiten im Straßen- und im Bahnbereich haben wir bisher davon abgesehen, die Zusatzschilder aufzuhängen. Da diese Maßnahmen jetzt zu Ende gehen, werden wir die Schilder zeitnah beauftragen und anbringen.”

Abseits der politischen Debatte sind immer wieder Fälle von Bismarck-Vandalismus zu beklagen. Farbanschläge auf Bismarck-Statuen gab es im Juni in Hamburg-Altona und erst vergangene Woche am Nationaldenkmal im Berliner Tiergarten zu beklagen.

In Pforzheim sind zwei ältere Anschläge überliefert: 1988 rissen Unbekannte die Bronzeplastik aus der Verankerung, Bismarck stürzte zu Boden. Das ließ sich ebenso beheben wie die Folgen eines Anschlags mit rosafarbener Acrylfarbe zehn Jahre später.

Auch Katastrophen wie den Bombenangriff vom 23. Februar 1945 und den Tornado von 1968 hatte die Statue ohne größere Schäden überstanden.

Und so steht Pforzheims Bismarck weiter stramm auf seinem Sockel und blickt tapfer nach vorn. Der nächste Kampf steht an.

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