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Flexibilität ist das A und O

Weltmarktführer Witzenmann aus Pforzheim setzt auf Druckspeicher für E-Autos

In Europa wird der Pkw-Verbrennungsmotor bis 2033 nahezu komplett verschwinden, im Rest der Welt erheblich langsamer. Davon geht der Pforzheimer Witzenmann-Konzern aus. Der Weltmarktführer für flexible Metallelemente muss daher auch auf den Märkten flexibler denn je reagieren.

Witzenmann-Zukunftsprodukt: Das Foto zeigt einen Balg, Teil eines innovativen Druckspeichers, wie er für Stoßdämpfer von schweren E-Autos verwendet werden kann. Foto: Harald Kunzmann SPIndustry

Rein in den weißen Kittel, rein in die Schleuse – die Witzenmann-Gruppe montiert ihre innovativen Druckspeicher in einem Reinraum. Der Druckspeicher ist Teil einer neuen Stoßdämpfergeneration und aus speziellem Edelstahl, ganz ohne wartungsanfällige Gummi-Membrane gefertigt. „Man schwebt damit förmlich über Unebenheiten“, sagt Michael Scheib, Leiter des Geschäftsbereichs Automotive bei Witzenmann. Vor allem für große SUV, schwere E-Fahrzeuge und Sportwagen sei der neuartige Druckspeicher gedacht.

Die Serienproduktion wird aktuell hochgefahren. Mehrere 100.000 Stück pro Jahr sehe man als Potenzial, so Witzenmann-Geschäftsführer Eberhard Wildermuth am Freitag beim Vor-Ort-Termin im Remchinger Werk. Ein erster Kunde sei gewonnen. „Der Druckspeicher ist aber ein Tausendsassa“, unterstreicht Prototypen-Entwickler Matthias Farr – im Heizungskeller, in Windrädern oder in industriellen Dosierpumpen kämen Druckspeicher zum Einsatz. „Wir sehen nicht nur Chancen in der Elektromobilität.“

Witzenmann, Weltmarktführer für flexible metallische Elemente aus Pforzheim, sieht sich massiv im Umbruch. „Wir nehmen die Transformation an. Und wir werden die Transformation meistern“, sagt Andreas Kämpfe, Vorsitzender der Geschäftsführung. Einfach wird das nicht, weil die Märkte sehr unterschiedlich sind. Das zeigt das Beispiel Pkw: Während in Europa bis 2033 das E-Auto dominieren werde, bleibe in den USA immerhin noch ein Verbrennungsmotor-Anteil von rund 50 Prozent.

Auch Batteriekühlung für E-Autos läuft bei Witzenmann

Auch in China werde der Rückzug der mit Sprit betriebenen Motoren langsamer von statten gehen. Entsprechend werde Witzenmann die Produktion in den jeweiligen Ländern ausrichten – neben dem Stammwerk in Pforzheim hat der Familienkonzern 22 weitere Unternehmen in 18 Ländern.

Infolge des Rückzugs des Verbrennungsmotors rechnet Witzenmann-Manager Kämpfe mit einem potenziellen Umsatzrückgang von jährlich 150 Millionen Euro bis 2035, „den wir auffangen müssen. Das werden wir hinbekommen“.

Neben den neuartigen Druckspeichern laufen auch Komponenten für die Batteriekühlung für E-Autos in Serie. Bei Lkw sieht Kämpfe die Reise in Richtung Wasserstoff-Technologie gehen – auch dafür habe Witzenmann Produkte anzubieten. Bislang macht die Sparte Mobilität 64 Prozent des Gesamtumsatzes aus.

Chip-Krise trifft Witzenmann indirekt

Der kaufmännische Geschäftsführer, Heiko Pott, rechnet damit, dass am Jahresende 614 (2019: 559) Millionen Euro an Erlösen in den Büchern stehen werden. 2019, also vor Corona, waren es 643 Millionen Euro. Weil Autokonzerne wegen der Chip-Krise weniger Fahrzeuge herstellen können, werden auch weniger Teile bei Witzenmann geordert.

Außerdem gibt es in China Probleme mit der Energieversorgung der Industrie; weltweit klemmt die Logistik. „Das schwächt den Aufschwung ab“, sagt Kämpfe. Die Finanz- und Ertragssituation bei Witzenmann sei aber stabil – nähere Angaben macht das Familienunternehmen dazu nicht. Die Mitarbeiterzahl werde konzernweit auf 4.461 (Vorjahr: 4.362) steigen. Aber auch in Deutschland geht die Zahl auf 1.622 (zuvor: 1.552) nach oben.

Witzenmann kann aber mehr als Automobil, auch wenn diese Sparte dominiert. Das Industrie-Segment (Umsatzanteil 26 Prozent) werde stabil bleiben, so Kämpfe. Mittelfristig ein großer Wachstumsmarkt sei hingegen die technische Gebäudeausrüstung. Ein Stichwort sind hier Lüftungssysteme.

Massiv abwärts ging es zuletzt wegen ausgefallenen Flugreisen im Witzenmann-Segment Luftfahrt. Mit einem Umsatzanteil von einem Prozent ist es eine Nische – die aber für Witzenmann wieder interessant werde. Kämpfe sieht noch viele Jahre keine großen Elektroflugzeuge in die Luft steigen, hält aber den Einsatz von synthetischen Kraftstoffen für den Turbinenantrieb für eine Option. Witzenmann bleibt daher auch diesem Geschäftsfeld treu.

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