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Seit Jahren im Auftrag der Stadt aktiv

Wohnungslose können sich beim Pforzheimer Wichernhaus in Containern vor dem Erfrieren schützen

Sie sind als Erfrierungsschutz gedacht für den Notfall, etwa für durchreisende Obdachlose, die in Zeiten der Pandemie eine Übernachtung brauchen. Eine Dauerlösung sind die beiden Wohncontainer vor dem Wichernhaus nicht, und sollen es auch nicht sein.

Für den Notfall. Wer in Pforzheim strandet, kann in der kalten Jahreszeit in einem Wohncontainer vor dem Wichernhaus vorübergehend ein Dach über dem Kopf bekommen. Foto: Roland Wacker

Mit einem Koffer saß die Frau vergangene Woche abends vor Galeria Kaufhof. Einer Pforzheimerin, die anonym bleiben möchte, war sofort klar, dass sie Hilfe brauchte. Sie habe Hunger, sagte die Frau, und keinen Schlafplatz. Die besorgte Pforzheimerin brachte die Obdachlose ins Wichernhaus. Es war Freitagabend, wegen Corona konnte sie nicht in einem der Zimmer übernachten. Der Nachtdienst kümmerte sich um die Frau, maß Fieber und richtete ein Bett im Foyer für sie her.

Gestrandete Frau kommt im Wichernhaus unter

Anderntags besuchte die Pforzheimerin ihren Schützling und war erleichtert: Die Frau hatte geschlafen, geduscht und gegessen. Sie wohnt nun in einer Unterbringung für Obdachlose. Wo, das wollte man der hilfsbereiten Pforzheimerin nicht sagen, wegen des Datenschutzes. Aber sie ist jetzt beruhigt. „Die Frau wäre doch erfroren“, glaubt sie.

Abgewiesen werden darf keiner.
Frank Kalenda, Wichernhaus

„Jeder Mensch muss Kälteschutz bekommen. Abgewiesen werden darf keiner“, erklärt Frank Kalenda, im Wichernhaus Leiter des Sozialdiensts Eingliederung, was Gesetz ist. Seit vielen Jahren gewährleistet das Wichernhaus der Stadtmission im Auftrag der Stadt über die Wintermonate den Erfrierungsschutz für obdachlose Menschen in Pforzheim.

Wegen Corona kann dies nicht im Haus selbst erfolgen. Deshalb bieten seit einigen Wochen zwei Wohncontainer vor dem Wichernhaus gestrandeten Menschen ein Dach über dem Kopf – für den Notfall in der kalten Jahreszeit. Jeweils zwei Personen kommen darin unter. „Sie waren bisher immer belegt“, sagt Kalenda.

Die Gründe sind unterschiedlich, die Not ist die gleiche

Ob jemand den letzten Bus verpasst hat oder vom Partner, der Partnerin oder von Mitbewohnern vor die Tür gesetzt wurde – die Gründe mögen unterschiedlich sein, die Not ist die gleiche: Alle brauchen eine Bleibe für die Nacht. Für einen längeren Zeitraum seien die Container nicht gedacht, betont Rudolf Wirtz, Einrichtungsleiter im Wichernhaus. Nach spätestens sieben Tagen sollten Betroffene, meistens sind es Männer, bei Bedarf in Absprache mit dem Amt für Wohnungswesen in andere Unterkünfte eingewiesen werden.

Neuankömmlinge müssen zunächst in einen isolierten Raum

Wer in Pandemiezeiten länger Unterschlupf im Wichernhaus sucht, müsse zunächst in einen isolierten Raum, beschreibt Wirtz den Ablauf. Erst nach negativem Testergebnis kann der oder diejenige in eines der zehn Doppelzimmer ziehen oder aber in Zimmer von Wohnungen, die über die Stadt verteilt sind. Sollte das Ergebnis positiv ausfallen und die betreffende Person an Covid-19 erkrankt sein, kümmert sich die Stadt in Absprache mit dem Gesundheitsamt um eine Unterbringung, teilt Joachim Hülsmann vom Sozialamt mit.

„Wir hatten schon Ende Februar, also deutlich vor dem ersten Lockdown, strikte Maßnahmen zum Infektionsschutz angeordnet“, erklärt Wirtz. Bislang sei noch kein Obdachloser positiv auf das Virus getestet worden. Das führt Wirtz auch auf die wenigen sozialen Kontakte zurück, die Menschen ohne festen Wohnsitz hätten. Draußen auf der Straße kämen sie meistens mit denselben drei, vier Menschen zusammen.

Die meisten Obdachlosen sind Männer

Die Kombination Corona und Winter macht Wohnsitzlosen das Leben besonders schwer. Viele Hilfseinrichtungen, die ihnen sonst tagsüber offen stehen, sind weggebrochen. Auch in der Suppenküche in der Kiehnlestraße kann man sich in dieser Zeit nicht aufwärmen, sie bietet zwar nach wie vor drei Mal die Woche eine warme Mahlzeit, aber nur zum Mitnehmen.

Wohnungslosigkeit nimmt zu

Etwa 40 Personen wohnen momentan im Haus in der Westlichen, zu 90 Prozent seien es Männer, was laut Wirtz generell für Obdachlosigkeit zutreffe. „Wohnungslosigkeit nimmt zu“, erklärt er. Erst kürzlich befasste sich der Sozialausschuss mit der Thematik. Die Zahl der Einweisungen habe sich seit 2013 ungefähr verdoppelt, erklärt Wirtz.

Das bedeute jedoch nicht zwangsläufig, dass alle stationäre Hilfe brauchten, stellt er klar. Groß beziehungsweise größer denn je sei aber der Bedarf an ambulanter Hilfe, die die Einrichtung der Stadtmission in der Westlichen gleichfalls anbietet. Da geht es um Unterstützung - etwa beim Ausfüllen von Formularen, wenn jemand Schulden habe oder Streit mit dem Vermieter.

Wenn das Wichernhaus belegt ist, gibt es neben der Obdachlosensiedlung im Eutinger Tal dezentrale Wohnmöglichkeiten. Auch dort werden Neuankömmlinge erst einmal isoliert, um die Gefahr, eine Infektion weiterzugeben, möglichst gering zu halten. Die Stadt sucht zudem private Wohnungen und will Vermieter durch Mietausfallgarantien unter die Arme greifen.

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