Skip to main content

Sozialforscherin der PH Karlsruhe erklärt

Zur Partnerinnensuche nach Heidelberg? Was der Männerüberschuss mit Karlsruhe macht

Welche Folgen hat ein unausgeglichenes Geschlechterverhältnis für eine Gesellschaft? Keine unerwarteten, sagt Annette Treibel-Illian, Professorin für Soziologie. Die Auswirkungen könnten für die Betroffenen dennoch problematisch sein.

Mit Aufklebern bekunden Studenten – und vielleicht auch Studentinnen – ihre Liebe zur Männerstadt „Kerlsruhe“. Laut einer Soziologin ist der Männerüberschuss kein Problem, das die Menschen überrollt. Foto: Julia Weller

Karlsruhe, die Männerstadt? In Wahrheit sind es nur 1,2 Prozentpunkte, die den Überschuss ausmachen – oder rund 8.000 Frauen, die der Stadt für ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis fehlen. Bei den Senioren sind Frauen sogar in der Überzahl. Die jüngeren Jahrgänge werden jedoch durchweg von Männern dominiert. Vor allem Studenten geben hier den Ausschlag.

Aber warum zieht es so wenige Frauen zum Studium in die Stadt? Die gute Nachricht vorweg: Eine abschreckende Wirkung hat das Prädikat „Kerlsruhe“ eher nicht. „Karlsruhe hat mit seinen Kulturinstitutionen und seinen vielen Hochschulen ein sehr gutes Image“, sagt Annette Treibel-Illian, die an der Pädagogischen Hochschule in der Soziologie forscht und lehrt. „Studienanfänger entscheiden primär nach der Qualität eines Studiengangs und nach Bewertungen ihrer Fächer.“

Unausgeglichenes Geschlechterverhältnis kann im Studium Stress bringen

Es liege also eher am Studienangebot selbst und nicht an der Zahl potenzieller Kommilitonen des gleichen Geschlechts, dass sich weniger Frauen für eine akademische Laufbahn in der Ingenieurshochburg begeistern können. Traditionelle Stereotype spielen hier noch eine große Rolle: Das KIT und die Technische Hochschule haben unter den Studierenden jeweils einen Männeranteil von mehr als 70 Prozent, an der Pädagogischen Hochschule hingegen studieren zu rund 80 Prozent Frauen.

„Dieses Missverhältnis in den Studiengängen ist ein Stressfaktor“, sagt Professorin Treibel-Illian. Sie leitet einen Masterstudiengang, in dem unter 30 Studienanfängern nur zwei Männer vertreten sind. „Die sind unter ständiger Beobachtung“, erklärt die Soziologin. Würden die Männer mal fehlen, merke man das sofort.

„Umgekehrt passiert das den wenigen Studentinnen im Maschinenbau genauso. Auch wenn es ein großer Studiengang ist, man wird immer bemerkt. Das ist tatsächlich eine Schieflage.“ Sprüche von Dozenten im Stil von „Sagen Sie als Frau doch auch mal etwas dazu“ seien in solchen Fällen weder politisch korrekt noch hilfreich.

Zur Person

Annette Treibel-Illian, 63, ist Professorin für Soziologie am Institut für Transdisziplinäre Sozialwissenschaft der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe. Sie forscht zu den Themen Geschlechter, Migration, Zivilisationstheorie und Öffentliche Soziologie. Sie ist Mitglied im Konzil der Deutschen Gesellschaft für Soziologie und hat zahlreiche Publikationen zu den Themen Integration, Zusammenleben und Einwanderung herausgegeben.

Zwar gebe es mittlerweile auch Frauen, die in Physik promovieren und Männer, die Erzieher werden. Doch Treibel-Illian, die bereits mehrere Jahrzehnte in der Geschlechterforschung arbeitet, bemerkt dennoch eine Stagnation der Stereotypen. „Junge Menschen in der Studienfachwahl sind weniger als Individuen unterwegs, sondern stärker als Mitglieder von Gruppen, an denen sie sich orientieren“, sagt sie.

Warum wir uns immer noch so stark an klassischen Geschlechterklischees orientieren

Die Schulabgänger fragten sich also: Sehe sie sich als Person eines bestimmten Geschlechts? Wie wollen sie als Frau oder Mann leben? Haben sie mit Anfeindungen zu rechnen, wenn sie eine „geschlechtsuntypische“ Laufbahn einschlagen? Und müssen sie sich dann andauernd rechtfertigen? Solche Überlegungen trügen zur althergebrachten Rollenverteilung bei.

Studien zeigten, dass uns Geschlechterstereotype lebenslang begleiten, auch schon in der Kindheit. Während es dort aber durchaus noch Spielräume gebe, ändere sich dies bei Jugendlichen. „Das Problem ist die Pubertät“, so Treibel-Illian. „Da gibt es häufig eine Rückwärtsentwicklung. Mit 13 oder 14 gehen viele Mädchen klassischer ins Stereotyp in der Sorge, sie fänden sonst keinen Freund, seien nicht attraktiv, könnten in der Konkurrenz mit anderen Mädchen nicht bestehen.“

Die sozialen Netzwerke mit ihren Schminktutorials und der andauernden Selbstdarstellung könnten diese Entwicklung noch unterstützen. Genauso wie der Blick in den Drogeriemarkt: „Da gibt es eigene Shampoos für Frauen und für Männer. Mit der Geschlechterdifferenz lässt sich wunderbar Geld verdienen. Und bewusst oder unbewusst übernehmen viele junge Menschen diese Sortierung.“

Wie Karlsruher mit dem Ungleichgewicht umgehen

Wenn Treibel-Illian durch die Karlsruher Innenstadt oder die Oststadt geht, bemerkt sie einen deutlichen Unterschied zur Atmosphäre ihrer eigenen Studienjahre in Tübingen und Bochum. Doch sie betont auch: Der Karlsruher Männerüberschuss ist „kein Sachverhalt, der die Menschen überrollt.“

Ich habe mit jungen Männern auf Partnerinnensuche gesprochen, für die war das schon ein Problem.
Annette Treibel-Illian

Wer in die Stadt ziehe, wisse vorher um die Situation – und finde Wege, mit ihr umzugehen. „Ich habe mit jungen Männern auf Partnerinnensuche gesprochen, für die war das schon ein Problem“, so Treibel-Illian. Doch diese Männer würden eben, wenn es einfach nicht klappt, auf Onlineportale oder Dating-Apps ausweichen.

Sie könnten sich auch auf den Weg nach Heidelberg machen: „Dort gibt es einen Frauenüberschuss“, erklärt Treibel-Illian.

nach oben Zurück zum Seitenanfang