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Nach Messerattacke in Östringen

Wie Schulen im Raum Bruchsal Gewalt vorbeugen wollen

Gleich zwei Vorfälle hatten an den Schulen im Raum Bruchsal im November für Entsetzen gesorgt. Wie wollen Schulen in der Region gegen Gewalt vorgehen?

An der Thomas-Morus-Realschule in Östringen hatte im November ein 13-Jähriger seinen Mitschüler mit einem Messer attackiert und schwer verletzt. Foto: Julian Bucher/dpa

Der Vorfall hatte bundesweit für Entsetzen gesorgt: Ende November hatte an der Thomas-Morus-Realschule in Östringen ein 13-jähriger Siebtklässler seinen gleichaltrigen Mitschüler mit einem Messer attackiert und schwer verletzt. Wenige Tage zuvor hatten Unbekannte am Gewerblichen Bildungszentrum in Bruchsal eine Gewaltdrohung an die Toilettenwand geschmiert.

Immer öfter komme es zu Handgreiflichkeiten und Beleidigungen unter den Schülern, berichtet Samuel Zimmermann, Sozialarbeiter an der Markgrafenschule in Kraichtal. Einmal in der Woche tagt in der Gemeinschaftsschule daher der „Klassenrat“, in dem die Schüler Probleme innerhalb der Klasse besprechen. „Das nimmt Konfliktpotenzial raus“, so Zimmermann.

Gewalt finde nicht nur auf dem Schulhof statt, sondern immer häufiger im Netz, sagt der Sozialarbeiter: „Cybermobbing hat extrem zugenommen.“ Regelmäßig kursierten in den sozialen Medien diffamierende Fotos oder Beleidigungen.

Im schlimmsten Fall müsse die Schule die Eltern oder die Polizei einschalten. Um Cybermobbing zu verhindern, sei in den WhatsApp-Gruppen der unteren Klassenstufen mindestens ein Elternteil Mitglied.

Die Gewalt an Schulen hat eine neue Dimension erreicht.
Rafael Dreher, Bereichsleiter Kinder- und Jugendarbeit bei der Caritas Bruchsal

„Die Gewalt an Schulen hat eine neue Dimension erreicht“, meint Rafael Dreher, Bereichsleiter für die Kinder- und Jugendarbeit bei der Caritas Bruchsal. An zehn Schulen im nördlichen Landkreis sind Schulsozialarbeiter der Caritas im Einsatz – unter anderem an der Thomas-Morus-Realschule in Östringen.

Gewaltprävention ist ein Teil ihres Aufgabengebiets, das laut Dreher nicht einheitlich geregelt ist: „Jede Schule hat ihr eigenes Konzept.“ Seit dem Messerangriff berate die Caritas darüber, wie die Gewaltprävention an den Schulen verbessert werden kann. Während des Lockdowns seien die Schulsozialarbeiter per Videoschaltung mit den Schülern in Kontakt geblieben.

Mit „Peers“ lösen sich Konflikte leichter

An der Realschule Bad Schönborn löst Lilith Bartsch Konflikte. Die 15-Jährige ist Streitschlichterin. In den Pausen kommen zerstrittene Mitschüler zu ihr. Es geht um Hänseleien, Mobbing auf Instagram oder Gewaltdrohungen. Die Zehntklässlerin hört zu und vermittelt.

„Oft sehen die Kinder ihre Fehler ein und entschuldigen sich“, berichtet sie. Viele jüngere Schüler vertrauten sich lieber den Streitschlichtern an als den Lehrern. „Mit uns sprechen sie sicherer“, sagt Bartsch. Mit „Peers“, also Gleichaltrigen, ließen sich Konflikte oft leichter lösen, bestätigt Katharina Hartmann, Sozialarbeiterin an der Realschule.

Ein Kind spuckt einem anderen Wasser ins Gesicht. Ein Lehrer sagt zu seiner Schülerin: „Aus dir wird nie etwas werden.“ Ein Junge wird gehänselt, andere stehen tatenlos daneben.

Ist das schon Gewalt? Solche Fragen diskutiert Hartmann mit den Fünftklässlern der Realschule. „Gewalt ist nicht nur Schlagen und Treten, sondern findet auch auf der seelischen Ebene statt“, sagt sie.

Das Gewerbliche Bildungszentrum: Unbekannte hatten damit gedroht, eine Gewalttat zu verüben. Foto: Martin Heintzen

Polizei spricht von steigender Intensität der Gewalt an Schulen

„Die Kriminalitätsstatistik ist gleichbleibend“, erklärt Werner Dietrich, Kriminalhauptkommissar beim Polizeipräsidium Karlsruhe und zweiter Vorsitzender des Bruchsaler Verbands für Gewaltprävention und Selbstschutz. Die Jugendlichen seien also nicht gewalttätiger geworden.

Die Messerattacke in Östringen? Laut Dietrich eine „absolute Ausnahme“. Zugenommen habe die Intensität der Gewalt, sagt er.

Rund anderthalb Monate nach der Gewaltdrohung ist am Gewerblichen Bildungszentrum Ruhe eingekehrt. Es habe viel Gesprächsbedarf gegeben, berichtet Schulleiter Schwab. Schüler und Eltern seien verängstigt gewesen. Die Verfasser der Drohbotschaft sind bis heute unbekannt, die Ermittlungen laufen.

Projekte zur Gewaltprävention gebe es nach dem Vorfall nicht, so Schwab. Der Grund: Die Bildungsgänge sind kürzer als an anderen Schulen. Viele Schüler verlassen die Schule bereits nach einem Jahr wieder.

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