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Betriebsratschef Brecht im BNN-Interview

Beschäftigung bei Daimler gesichert: „Niemand wird gezwungen, unser Unternehmen zu verlassen”

Im BNN-Interview betont Michael Brecht, Gesamtbetriebsratsvorsitzender bei Daimler, den Stellenwert der Beschäftigungssicherung bis Ende 2029. Allerdings müsse man Möglichkeiten finden, die für das Unternehmen und die Mitarbeiter verträglich seien.

„Bisher nicht gekannte Herausforderungen”: Michael Brecht betont neben der Bewältigung der Krise den Stellenwert der Zukunftsinvestitionen für Daimler. Foto: Hans-Jürgen Collet

Die Welt der Automobilhersteller hat sich binnen kurzer Zeit deutlich verändert.

Die Investitionen in neue Antriebsformen verschlingen viel Zeit und noch mehr Geld, und dann kam auch noch Corona: Der Verband der Automobilindustrie (VDA) rechnet in diesem Jahr mit einem Rückgang der Autoverkäufe in Europa von rund einem Viertel im Vergleich zum Vorjahr. Beim Lkw fällt der Einbruch noch deutlicher aus. Daimler-Chef Ola Källenius hat bei der Hauptversammlung Belegschaft und Aktionäre auf einen noch härteren Sparkurs eingestimmt. Die Unsicherheit unter den Mitarbeitern wächst, viele machen sich Sorgen um ihren Arbeitsplatz.

Sorgen um die Zukunft: Auch in der Produktion, wie hier in der Achsenfertigung im Benz-Werk Gaggenau, könnte der Sparkurs zu Stellenstreichungen führen. Foto: Thomas Dorscheid

Im Interview mit BNN-Redakteur Thomas Dorscheid spricht Michael Brecht, Gesamtbetriebsratsvorsitzender bei Daimler und Betriebsratschef in Gaggenau, über Kurzarbeit und Arbeitsplatzabbau, die Beschäftigungssicherung bis 2029 und über die Situation am Standort Gaggenau.

Konzernchef Ola Källenius hat bei der Hauptversammlung von Daimler eine Verschärfung des Sparkurses angekündigt. Müssen nach den bereits angekündigten Einsparungen im indirekten Bereich, etwa in der Verwaltung, nun auch Mitarbeiter in der Produktion um ihren Arbeitsplatz fürchten?
Brecht

Je nachdem, wie sich die Nachfrage nach unseren Produkten entwickelt, hat das natürlich Auswirkungen auf unsere Produktionsbereiche; so wie zum Beispiel es bei unseren Leiharbeitern der Fall war, denen wir keine Perspektive mehr bieten konnten. Der momentane Fokus liegt derzeit im Speziellen auf Verwaltungs- und indirekten Funktionen. Dort will die Unternehmensleitung an die sogenannten Fixkosten ran. Hier macht das Unternehmen einen Riesendruck.

Ist die Beschäftigungssicherung bis zum Jahr 2030 seitens der Geschäftsführung kündbar beziehungsweise ist sie an Bedingungen geknüpft, etwa an ein positives Ergebnis?

Wir haben eine gültige Vereinbarung, aber in der gibt es natürlich auch Bedingungen. Die Beschäftigungssicherung bis Ende 2029 sowie die Transformationszusage gelten. Allerdings müssen wir in Krisensituation wie heute Maßnahmen und Möglichkeiten finden, die für beide Seiten verträglich sind. Das heißt, wir sind mitten in der Diskussion darüber, wie wir Daimler fit für die Zukunft machen können. Aber nicht auf dem Rücken der Mitarbeiter.

In diesen Gesprächen mit der Unternehmensleitung geht es darum, die wirtschaftliche Situation von Daimler zu stabilisieren. Unser Verhandlungsauftrag ist es, Maßnahmen zur Verbesserung der Situation mit der Unternehmensleitung zu vereinbaren – und in diesem Kontext gilt natürlich auch die Zukunftssicherung.

Wie würden Sie aktuell die Stimmung in der Belegschaft beschreiben? Beim Lkw sind die Aufträge noch deutlich stärker eingebrochen als beim Pkw. In mehreren Werken wird es mit Blick auf die Auftragslage wohl noch längere Zeit Kurzarbeit geben …

Eines vorab: Niemand will Kurzarbeit. Aber sie hilft, in der gegenwärtigen Situation unsere Beschäftigung und unsere Liquidität zu sichern. Natürlich machen sich unsere Kolleginnen und Kollegen Gedanken um ihre Zukunft. Bereits vor Corona waren wir in einer angespannten wirtschaftlichen Situation. Nun stellen uns die Pandemie und die Transformation vor bisher nicht gekannte Herausforderungen.

Es geht jetzt als erstes um die Bewältigung der Krise und zweitens trotz schwieriger finanzieller Situation auch darum, alle lebensnotwendigen Investitionen zur Zukunftssicherung zu tätigen. Parallel müssen wir die Transformation weiter vorantreiben. Jede der Herausforderungen für sich ist schon enorm. Aber wir wissen, dass wir das Zeug dazu haben, um diesen Wandel zu gestalten.

Daher ist neben der Verunsicherung auch Zuversicht zu verspüren. Auf jeder unserer Betriebsversammlungen versuchen wir auch, über unsere Zukunftsthemen zu sprechen. Und wir werden auch für Gaggenau in Kürze berichten.

Ein Blick nach Gaggenau: Wie weit sind hier die Gespräche und Verhandlungen gediehen, die auf einen Personalabbau nach dem Prinzip der doppelten Freiwilligkeit zielen?

Die Gespräche für die Angebote mit doppelter Freiwilligkeit sollten ursprünglich im April starten. Aufgrund des Corona bedingten Lockdowns und der damit verbundenen Kurzarbeit wurde der Beginn der Gespräche auf Anfang Juli verschoben. Somit wurde erst vor kurzem damit begonnen. Es darf aber nicht außer Acht gelassen werden, dass vielmehr Prozesse und Abläufe angepasst werden müssen. Ich möchte nochmals die doppelte Freiwilligkeit betonen; niemand kann, soll und wird gezwungen, unser Unternehmen zu verlassen.

„Daimler ist ein Sanierungsfall und gibt ein schwaches Bild ab, wohin man schaut“, hat die Vertreterin von Union Investment bei der Hauptversammlung sehr deutliche Worte gesprochen. Ihre Meinung?

Nein, das sehe ich anders. Die Transformation hin zu emissionsfreier Mobilität ist harte Arbeit für uns. Corona hat die ganze Welt in einen Rezessionsschock versetzt. Das führt auch bei uns unweigerlich zu Überkapazitäten. Wir haben heute die Verantwortung für 300.000 Menschen weltweit.

Deshalb können wir uns nicht wie ein Start-up nur auf neue Themen konzentrieren, denn wir müssen für alle Menschen, die heute an Bord sind, entsprechende Perspektiven bilden. Deswegen können wir uns auch nicht so schnell verwandeln und entwickeln. Soviel zu den Herausforderungen.

Ich sehe aber auch, dass unsere Produkte faszinieren, die jüngst verkündeten Kooperationen richtungsweisend sind (beispielsweise mit Volvo und Nvidia) und wir eine Belegschaft haben, die den Wandel mitgestalten will. Darüber wird in meinen Augen zu wenig gesprochen. Ola Källenius hat angekündigt, dass wir im Jahr 2024 auf einer Augenhöhe mit Tesla sein werden.

Jetzt im Moment ist wichtig, die momentane wirtschaftliche Krise zu überwinden, Beschäftigung zu stabilisieren und Zukunftsperspektiven aufzuzeigen. Dafür kämpfen wir. Und das packen wir.



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