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Richtung Süden

Mit Peilsender gestartet: Nur noch einer von fünf Wagshurster Jungstörchen lebt

Fünf Störche aus dem Acherner Stadtteil Wagshurst sind 2020 mit Sendern auf dem Rücken in den Süden gestartet, um zu überwintern. Für vier von ihnen endete die Reise tödlich – wie geht es mit dem einzig übrigen Storch weiter?

Ein Kraftakt: Seit dem Sommer 2020 hat der Storch „Wagshurst 3“ – hier stellvertretend ein Symbolfoto – acht Länder durchquert und dabei rund 7.620 Kilometer zurückgelegt. Foto: Ahmed Gomaa/dpa

Ihr Klappern gehört zum Klang des Frühjahrs. Viele Störche sind nach dem Winter zurück in der Region – allerdings nicht die fünf Tiere, die vor weniger als einem Jahr in Wagshurst, Stadtteil von Achern, geschlüpft und mit Sendern ausgestattet worden sind: Nur einer dieser Vögel lebt noch.

An seinen Ursprung zurückkehren wird der Storch außerdem wohl nicht so schnell. „Ja, das ist eine traurige Geschichte“, sagt Wolfgang Fiedler vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Radolfzell. „Wir rechnen bei den Störchen mit 70 Prozent Verlust im ersten Jahr, aber bei der Wagshurster Gruppe ist er besonders groß.“

Das übrig gebliebene Tier heißt schlicht „Wagshurst 3“ und ist seit fast einem halben Jahr in Westafrika unterwegs. Dass man das weiß, liegt an dem Sender, den der Storch auf dem Rücken trägt.

Route des dritten Storchs in Richtung Winterquartier

Die Daten werden in einer App des Instituts, dem „Animal Tracker“, ausgespielt, sodass jeder den Vogelzug auf dem Smartphone nachverfolgen kann. Wolfgang Fiedler hatte den fünf Störchen, die aus Nestern auf Schule und Ziegelei stammen, die Sender im Frühjahr 2020 verpasst. Beringt wurden sie von Gérard Mercier, dem Vorsitzenden des Naturschutzbundes Kehl.

„Wagshurst 3“, eigentlich eine Störchin und das größte von drei Küken eines Nests, war Anfang August Richtung Frankreich, Spanien und Marokko gestartet. Mitte September kam das Tier in Mauretanien an, in einer kargen Wüstengegend. Seit Oktober hält sich der Storch im Senegal auf, quasi am westlichsten Rand Afrikas. Zwischendurch war er dabei einige Tage „Grenzpendler“ zwischen Senegal und Gambia, wo der Vogel im Gebiet des Flusses unterwegs war, der ebenfalls Gambia heißt.

So junge Tiere bleiben meist in ihrem ganzen ersten Jahr weg.
Wolfgang Fiedler, Max-Planck-Institut

Sein Winterquartier sei damit die fast weitestmögliche Strecke auf der Westroute der Störche, sagt Wolfgang Fiedler. Die Ostroute führt Gérard Mercier zufolge über die Türkei und Israel Richtung südliches Afrika. Dass der Storch bald nach Wagshurst zurückkommt, sei nicht zu erwarten, so Fiedler: „So junge Tiere bleiben meist in ihrem ganzen ersten Jahr weg, eben in Westafrika oder in Spanien“.

Drei von fünf Störchen durch Stromschläge getötet

Bis nach Afrika geschafft hatte es eigentlich auch „Wagshurst 4“: Dieses Tier kam Mitte September in Mauretanien an und bewegte sich dann ab Jahresbeginn nach Mali in die Region Mopti, die immer wieder mit bewaffneten Konflikten Schlagzeilen macht. Dort gibt es Feuchtgebiete im Binnendelta des Flusses Niger – Störche werden dort offenbar aber gerne gejagt. Dass das auch diesem Tier passiert sein könnte, darauf deutet Fiedler zufolge das Muster seiner Bewegungsdaten hin.

Weniger weit kamen Wagshurst 1, 2 und 5, die schon im August und September in Südfrankreich und Spanien Pech hatten: Sie wurden durch Stromschläge getötet. Das Leben von „Nummer 5“ endete offenbar auf einer spanischen Mülldeponie, wo viele Störche ob des Nahrungsangebots überwintern.

„Wenn es in Spanien in Zukunft mehr Müllverbrennung anstelle von Deponien gibt, könnte sich das auf das Zugverhalten der Tiere auswirken“, sagt Fiedler. Wie genau, das wird das Max-Planck-Institut untersuchen, das Daten von Störchen seit 20 Jahren verfolgt und in dem aktuellen Projekt jedes Jahr mehrere Tiere in Baden-Württemberg mit Sendern ausstattet.

Vogelinteressierte helfen bei Suche nach Sendern

Das Institut hält die Einträge in der App aktuell, vermerkt, wenn ein Tier verletzt oder getötet wurde, und beobachtet, wenn sich ein Sender nicht mehr großartig bewegt. „Dann hilft oft ein großes Netz von Vogelinteressierten, die auch mal vorbeischauen“, sagt Fiedler.

So geschehen auch im Fall von einem der Wagshurster Unglücksvögel: Über eine Acherner Facebook-Gruppe wurden Auswanderer in Spanien ausfindig gemacht, die den Sender vor Ort suchten. „Da waren wir selbst überrascht, wie schnell das ging“, sagt der Wissenschaftler. Die solarstrombetriebenen Sender tun normalerweise mehrere Jahre lang ihren Dienst.

Storch „Wagshurst 3“ unterdessen bleibt vermutlich erst einmal, wo er gerade ist. „Die Vögel sind im Schwarm im Winterquartier, darunter ältere Tiere, die irgendwann den Drang haben, zurückzufliegen und zu brüten.“ Manche Jungtiere schließen sich an, viele bleiben in „Jugendgruppen“ im Süden. Erst in ihrem dritten Jahr gibt es Nachwuchs, und das kann auf dem Nachbardach zum eigenen „Geburtsnest“ geschehen oder etliche hundert Kilometer entfernt.

Auch das Winterquartier muss nicht immer dasselbe sein, sagt der Experte: Jüngere Tiere fliegen dafür meist weiter, ältere oft nur nach Spanien, oder sie bleiben direkt in Mitteleuropa. Dass die Wagshurster Störche, von denen drei Geschwister waren, nicht zusammen geflogen sind, sei indes keine Seltenheit, wie Fiedler erklärt: Die Familienbande lösen sich, sobald die Jungen erstmals das Nest verlassen.

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