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Die Geschichte der PFC

Giftige PFC-Chemikalien galten bei ihrer Erfindung als Wundermittel

In einer vierteiligen Serie ordnet BNN-Mitarbeiterin Patricia Klatt die Dimensionen des Mittelbadener PFC-Problems im weltweiten Vergleich ein. Im ersten Teil blickt sie auf die Anfänge des PFC-Skandals zurück und auf Chemikalien, die bei ihrer Entwicklung noch als Wundermittel gepriesen wurden.

Obst und Gemüse muss in Mittelbaden streng auf PFC-Gehalte kontrolliert werden. Bei ihrer Erfindung galten die giftigen Chemikalien als Wundermittel. Foto: Klatt

Die PFC-Belastung in Mittelbaden ist ein großes „Freilandexperiment“ mit unbekanntem Ausgang – aber die Region ist damit nicht allein. In einer vierteiligen Serie ordnet BNN-Mitarbeiterin Patricia Klatt die Dimensionen des Problems im weltweiten Vergleich ein. In einem ersten Teil blickt sie auf die Anfänge des PFC-Skandals zurück und auf Chemikalien, die bei ihrer Entwicklung noch als Wundermittel gepriesen wurden.

Von unserer Mitarbeiterin Patricia Klatt

Die Spargel- und Erdbeerzeit steht vor der Tür. Auf den PFC-Feldern der Region musste dieser Anbau längst angepasst werden – weder Spargel noch Erdbeeren sind auf stark belasteten Flächen erlaubt. Andere Feldfrüchte müssen auch in diesem Jahr wieder im Vorernte-Monitoring überprüft, Trinkwasser aufwendig gereinigt werden . Beregnungsbrunnen sind nur eingeschränkt zu nutzen und auch die Kieswerke suchen nach Lösungen in Sachen PFC (Per- und polyfluorierte Chemikalien).

Alles begann in den 1940er Jahren

Im Blut der Bevölkerung fließen PFC, deren unbedenklichen Werte erst vor kurzem vom Umweltbundesamt abgesenkt wurden . Die Millionen Euro, die die Bewältigung des PFC-Skandals in Mittelbaden kosten, steigen stetig – ein Ende ist nicht absehbar.

Konsequenzen der Verwendung von Chemikalien, die bei ihrer Entwicklung noch als Wundermittel gepriesen wurden
Reiner Söhlmann, PFC-Geschäftsstelle des Landratsamtes Rastatt

„Was wir hier erleben, sind die Konsequenzen der Verwendung von Chemikalien, die bei ihrer Entwicklung noch als Wundermittel gepriesen wurden“, betont Reiner Söhlmann von der PFC-Geschäftsstelle des Landratsamtes.

In den 1940er Jahren begann alles mit den beiden PFC Perfluoroctansäure (PFOA) und Perfluoroctansulfonsäure (PFOS), heute kennt man fast 5.000 verschiedenen PFC-Substanzen. Sie sind wegen ihrer wasser-, schmutz- und fettabweisenden Eigenschaften in allen Bereichen des täglichen Lebens zu finden.

So auch in der Umwelt, in der sie sich unaufhörlich anreichern. Über die gesundheitlichen Auswirkungen auf die Menschen oder die Relevanz für die Ökosysteme ist immer noch zu wenig bekannt, eine Regulierung der PFC ist kompliziert. Für Agrarwissenschaftler Thomas Straßburger vom Bundesministerium für Umwelt ist das wie das Hase- und Igel-Spiel.

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Immer noch werden neue PFC-Verbindungen entwickelt

„Umwelteinträge von PFC sind äußerst problematisch. Und ihre Regulierung über die europäische Chemikalienverordnung ist ein mühsamer Prozess. Vor allem aber: Kaum ist die Verwendung einer bestimmten Verbindung eingeschränkt, hat die Industrie bereits neue PFC entwickelt, über die man im Zweifelsfall noch weniger weiß“, sagt er.

Ebensowenig ist darüber bekannt, wie die gesundheitsschädlichen Chemikalien aus Boden und Wasser wieder herausgeholt werden können. Neben Mittelbaden gibt es bekannte Belastungen in Bayern im Landkreis Altötting, es gab PFC im Umkreis der Möhnetalsperre in NRW. Zivile und militärischen Flughäfen weltweit sind wegen des Einsatzes von PFC-haltigen Löschschäumen von dem Problem betroffen.

Im niederländischen Dordrecht gelangten PFC bei der Teflonherstellung in den Boden, in das Wasser und die Luft. Und auch in das Blut der Bevölkerung. In der italienischen Region Venetien haben mehr als 350.000 Menschen ein Problem mit PFC-belastetem Wasser und 5.600 Hektar Boden sind verschmutzt. Auch hier ist es im Blut der Menschen zu finden.

Weltweit haben die Menschen PFC im Blut

In Amerika sind möglicherweise 110 Millionen Menschen von PFC betroffen und man glaubt, dass mittlerweile 99 Prozent der Amerikaner die Chemikalien im Blut haben. Ähnliches weiß man aus Australien, Japan oder China, die Probleme ähneln sich weltweit . „Und überall stellen sich die gleichen Fragen wie bei uns“, sagt Reiner Söhlmann. „Was ist im Boden und im Wasser, wie viele Leute haben PFC im Blut und – auch wichtig – wer kommt für die ganzen Kosten auf?“

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