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Gasthäuser in Rastatt zum letzten Mal geöffnet

Zum Zapfenstreich hagelt es in Rastatt Kritik

Ein letztes Bier, dann ist Schluss: Ab Montag müssen Restaurants und Kneipen schließen. In Rastatt nutzten viele Gäste die letzte Möglichkeit, noch einmal Auszugehen. Die Wirte haben kaum Verständnis für die Entscheidung der Politik

Die Tische sind gut belegt: Viele Gäste nutzen die letzte Gelegenheit, um noch einmal im Hopfenschlingel zu essen und zu trinken. Foto: Ralf Joachim Kraft

Bis zur Sperrstunde um 23 Uhr sind es noch vier Stunden. Der Parkplatz vor dem Hopfenschlingel ist voll. „Ist doch klar, die Leute wollen raus und das Wochenende genießen, bevor ab Montag vieles, was in diesen Zeiten noch Spaß macht, wieder verboten ist“, erklärt ein Pärchen beim Betreten des Wirtshauses. Die Beiden hinterlassen ihr Kontaktdaten und passieren die Einlasskontrolle. Es riecht nach Gebrutzeltem und frisch gezapftem Bier.

Die Leute plaudern angeregt. Und Geschäftsführerin Tanja Wagenblast ist sauer: „Dass wir schon wieder schließen müssen, kann ich nicht nachvollziehen. Wir haben alles umgesetzt, was von uns verlangt wurde“, sagt sie.

Die Gastronomie werde seit Monaten an den Pranger gestellt. „Und dabei ist nachgewiesen, dass die privaten Feiern bei der Verbreitung des Virus die Hauptrolle spielen. Außerdem frage ich mich, warum die Kantinen öffnen dürfen“, sagt die Wirtin. Wie oder ob es am 1. Dezember weitergeht, wisse niemand. „Die Leute werden uns aber sicher nicht gleich den Laden einrennen“, sagt sie un zeigt sich auch skeptisch, was die versprochene Erstattung des Umsatzausfalls angeht.

wir sind die Deppen, die das nun ausbaden dürfen.
Benjamin Essig, Wirtshaus Lehners

Im „Ristorante & Hotel Puccini“ ist die „Sperrstunde“ kein Thema, „weil die Gäste schon ab 17.30 Uhr kommen und unser Lokal sich gegen 22 Uhr zu leeren beginnt“, sagt Maria Baroncino, die wenig Verständnis für die Gaststättenschließung hat. „Wir haben ein Hygienekonzept erarbeitet, erfassen Kontaktdaten und erfüllen alle Auflagen. Die Speisegastronomie ist nicht für die hohen Infektionszahlen verantwortlich“, sagt sie. Marco Wittmann, Inhaber der Schlossgaststätte und des Hotels am Schloss teilt diese Einschätzung.

Nach dem zweiten Lockdown werde es, so meint Wittmann, wohl nur sehr schleppend weitergehen. „Trotzdem dürfen wir Gastronomen nicht schimpfen. Ich dümple momentan mit 50 Prozent des Umsatzes vor mich hin, kann jetzt die Kosten komplett runterfahren. Wenn mir der Bund einen Großteil meines Umsatzausfalls ersetzt, ist alles okay.“ Die Einzelhändler treffe es härter, „denn die müssen ihre Geschäfte auflassen“.

Zweites Wohnzimmer: Die vielen Stammgäste der Schiffstraße werden ihre Kneipe in den kommenden Wochen vermissen. Foto: Ralf Joachim Kraft

Beim Besuch im Wirtshaus „Lehners“ redet sich Betriebsleiter Benjamin Essig in Rage und erklärt, dass er die Logik hinter den Maßnahmen nicht verstehen könne. „Ich vermute, dass wir an diesem Wochenende zum letzten Mal in diesem Jahr geöffnet haben. Denn was soll sich in den kommenden vier Wochen ändern?“ Die privaten Feiern kriege der Staat nicht in den Griff. Hier fehle ihm die Handhabe. „Und wir sind die Deppen, die das nun ausbaden dürfen. Wir sollen für Fehler geradestehen, die die Politik im Sommer mit der Öffnung der Grenzen und der Aufhebung der Reisewarnungen gemacht hat.“ Dass Existenzen bedroht sind, interessiere niemanden, „und von der staatlichen Unterstützung sehen die Arbeitnehmer ohnehin nichts“.

Wirte sorgen sich um Gäste und Mitarbeiter

In der Schiffstraße 4 sitzen nach 22 Uhr noch 15 Gäste bei Pils oder Cola, plaudern über Gott und die Welt oder über Corona und die Folgen. „Meine einzige Sorge gilt meinen Gästen und meinen Aushilfsbedienungen, die auf das Geld angewiesen sind. Ihnen gegenüber fühle ich mich verantwortlich“, sagt Inhaber Klaus Jägel, nippt am Bierglas und dreht sich eine Zigarette.

„Viele meiner Gäste kommen seit Jahren hierher, um eine kurze Auszeit zu nehmen. Wenn das wegfällt, fehlt ihnen etwas“, sagt Jägel, der die Entscheidung von Bund und Ländern respektiert, sie aber nicht nachvollziehen kann. „Ein Generalverbot für die Gastronomie ist kontraproduktiv. Denn das Problem sind die privaten Feiern. Je mehr diese in die konzessionierte Gastronomie verlagert würden, desto besser wäre alles zu kontrollieren.“

Etliche Gäste bedauern, dass Gastronomen, die sich an alle Regeln gehalten haben, die Zeche zahlen müssen für die schwarzen Schafe. Manche sind der Auffassung, dass sich die Politik einen Sündenbock gesucht habe, weil sie sich nicht mehr zu helfen wisse, und befürchten, dass sich jetzt noch mehr Menschen zu Hause treffen werden.

Um 23 Uhr sind in Rastatt alle Lichter aus. Kein Wirt muss 2.000 Euro berappen. Die Polizei, die die vom Gesundheitsamt verhängte Sperrstunde für das Ordnungsamt durchsetzt, muss nicht eingreifen. Am Sonntag heißt es jedenfalls aus dem Polizeipräsidium Offenburg: „Keine Auffälligkeiten“.

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