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Interaktive Vorher-Nachher-Bilder

In den Schlachthöfen von früher pulsiert heute das Leben

Die kommunalen Schlachthöfe des vergangenen Jahrhunderts waren in Stein gegossene Symbole eines sich um seine Bürger sorgenden Staates. Heute fließt in den majestätischen Gebäuden längst kein Blut mehr.

Beeindruckendes Gebäude: Im Bruchsaler Schlachthof fließt längst kein Blut mehr. Statt der Metzger sorgen jetzt die Helfer im Tafelladen für die Versorgung der Bevölkerung. Foto: Roland Weisenburger

Der Geruch ist weg, die Schreie, das Blut und die vielen toten Tiere auch. Aber die majestätischen Gebäude sind geblieben. Die kommunalen Schlachthöfen des letzten Jahrhunderts wurden in vielen Fällen zu Stätten von Kultur, Kreativität und Kleinkunst. Auch die großen Schlachthöfe von Karlsruhe, Pforzheim und Bruchsal haben längst eine neue Verwendung gefunden.

Der Alte Schlachthof Karlsruhe: Kreativpark und Start-Up-Szene

„Ausgeschlachtet“, so nennt die Kreativszene ihren Verein. Schon 14 Jahre wird kein Schwein mehr in der Karlsruher Oststadt zwischen dem Messplatz und dem Schloss Gottesaue geschlachtet.

Doch die Stadt und ihr Kulturleben haben mit der Konversion des „Alten Schlachthofs“ aus einer Fleischfabrik in einen Kreativpark Glück gehabt.

Dieser Kreativpark Ost hat sich zu dem erwünschten Kristallisationspunkt und Motor für den Kulturbetrieb und das Kreativgewerbe entwickelt. Wo bis 2006 die Rinder zur Schlachtbank gingen, ziehen einst alternative Musikbühnen wie das Tollhaus oder das Jubez im historischen Ambiente der Industriearchitektur von 1887 das Publikum aus allen Schichten.

Bewegen Sie den Schieber nach rechts und links, um die Entwicklung des Karlsruher Schlachthofs zu entdecken:

Schon 1992 ist das Kulturzentrums Tollhaus in der Kälbermarkthalle eingezogen, da wurde noch viele Jahre weiter geschlachtet, aber es war die Initialzündung für eine neu schöne Welt der Kultur und Wirtschaft in nicht nur für Vegetarier belasteten Mauern.

Gerade die Patina etwa der Fleischmarkthalle, wo die Stadt gerne ihre städtebaulichen Visionen präsentiert, gefällt. Noch vor 30 Jahren konnte sich niemand diese Renaissance für den abgewirtschafteten Schlachthof, dessen Betrieb jedermann aus der Stadt verbannt wissen wollte, vorstellen.

Doch schnell wandelte sich die historische und fast komplett erhaltene Anlage der Sandsteinhäuser zum Top-Standort der Stadtentwicklung. Da gelten Hightech-Dienstleister-Büros im ehemaligen Saustall und große Fleischerhaken, die allerdings ohne Schweinehälften von der Decke baumeln, als erfolgreiche Adressen des Zukunftsgewerbes.

In diesem Mix aus Kneipen, Kultur, Kreativhandwerk und Digital-Dienstleistern mischt die Stadt als Wirtschaftsförderer selbst stark mit. In der historischen Schweinemarkthalle auf dem Viehhof basteln Existenzgründer, jeweils untergebacht in gestapelten Containern von Überseeschiffen an ihrer Wirtschaftskarriere.

Haben sie in diesem „Perfekt Futur“ ihre erste Phase gemeistert, können sie in die nächsten kommunalen Förderbetreuungsstätten, dann in neu gebaute Wachstumszentren auf dem Schlachthofgelände wechseln. Überhaupt schreibt sich die Stadtpolitik die neue Entwicklung im „Alten Schlachthof“ auf ihre Fahnen: Schließlich gilt als Erfolgsgarant, dass die öffentliche Hand mit der Karlsruher Fächer-Gesellschaft die Zukunft für den Schlachthof als Paket mit Konzept statt einzelnen Privatinvestoren unter dem Druck der totalen Vermarktung geplant und umgesetzt hat.

Pforzheimer Schlachthof: Genossenschaft für Gewerbekultur

2003 zog das letzte Schlachtunternehmen aus dem drei Hektar großen Areal Alter Schlachthof in der Kleiststraße 2 im Nordosten Pforzheims aus. Bis 2015 waren Veterinäramt und Lebensmittelkontrolleure in einem Anbau des Alten Schlachthofs untergebracht. Abrissüberlegungen des maroden Gebäudes hat die Stadt Pforzheim aus Geldmangel verworfen.

Not und Hoffnung: Dokumentarfotograf Anton Vester hat den Pforzheimer Schlachthof übergangsweise als Bühne entdeckt. Bald schon will dort eine Genossenschaft Raum für Wohnen, Kunst und Gewerbe einrichten. Foto: Harry Rubner

2011 gründete sich die Genossenschaft Gewerbekultur Pforzheim, die derzeit über 60 Mitglieder hat. Ihr Ziel ist es, in einer Art „Mitmachprojekt“ in den kommenden Jahren ein kleines, lebendiges Quartier entstehen zu lassen - mit Wohnungen, Künstlerateliers, Sportstätten, Arztpraxen und Einkaufsmöglichkeiten.

Bezahlbarer Wohn-, Gewerbe- und Kulturraum in ökologischer Bauweise mit hoher Lebensqualität soll entstehen. Die Nord- und Oststadt sollen damit aufgewertet werden. Als Zwischennutzung finden kulturelle Veranstaltungen im Alten Schlachthof statt – derzeit läuft eine Fotoausstellung von Anton Vester.

Bruchsal: Satirische Schlachtereien und Lebensmittelausgabe

Nachdem 1992 der Bruchsaler Schlachthof sein letztes Schwein schlachtete, ging es dort zunächst Kommunalpolitikern an den Kragen. „Dolle-Zeiten”, hieß das Programm in „Kaufmanns Schlachthof”, einer Kult- und Kunstkneipe, die das Jugendstil-Gebäude einige Jahre annektierte.

Zunächst war Bernd Doll, Bruchsals Oberbürgermeister bis 2009, Ziel satirisicher Schlachtereien, später, passend zur Wahl der amtierenden Oberbürgermeisterin Cornelia Petzold-Schick nannte Kneipier Rainer Kaufmann sein Programm um in „Schicke Zeiten”. Heute spielt der Bruchsaler Schlachthof erneut eine große Bedeutung für die Versorgung der Bevölkerung.

Von der Schlachtbank zur Tafel: Den größten Teil des alten Bruchsaler Schlachthofes nimmt heute der Tafelladen ein. Auch hier geht es wieder um die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln. Foto: Roland Weisenburger

In den Räumen, in denen einst Fleisch produziert wurde, bietet heute die Bruchsaler Tafel günstige Lebensmittel an. Neben einer Kneipe und einer Raucherbar haben Softwareentwickler, ein Catering-Service, ein Reinigungsservice und ein Goldschmied im Alten Schlachthof eine neue Heimat gefunden. „Natürlich kenne ich die blutige Geschichte dieses Gebäudes”, sagt Goldschmiedemeister Jürgen Schoner. „Aber für mich ist das nicht schwer zu ertragen. Das Gebäude hat Flair und eine Wirkung die unvergleichbar ist.”

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