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Werkverträge und Saisonarbeit

Geschäftsführer von Müller-Fleisch: Grundsätzliche Veränderungen nach Corona-Fällen

Der Geschäftsführer von Müller-Fleisch blickt bei seiner Bilanz zum Corona-Debakel auf den Anfang der Pandemie. Jetzt beschäftigt er sich damit, dass als Folge grundsätzliche Veränderungen in der Fleischindustrie anstehen.

Hackfleisch über Hackfleisch ist seit Ausbruch der Corona-Pandemie bei Müller-Fleisch nachgefragt, erzählt Geschäftsführer Martin Müller (links). Es wird in Birkenfeld in unterschiedlicher Qualität nach Maßgabe von Groß- und kleineren Kunden verpackt. Foto: Kimmer

Nach dem Corona-Debakel stellt sich Müller-Fleisch auf einen Wandel beim Geschäftsmodell mit massenhaft Werkverträgen und beim Umgang mit Mitarbeitern ein. Dies sagt der Geschäftsführer von Müller-Fleisch, Martin Müller, bei einer Bilanz zu den massiven Auswirkungen der Pandemie.

Der Funktionär vom Verband der Fleischwirtschaft macht im Gespräch mit dem Pforzheimer Kurier auch deutlich, dass er auf die Politik wartet. „Wenn wir genau wissen, wie das ausgestaltet wird, werden wir uns damit beschäftigen“, führt er aus.

Während Pandemie 20 Prozent weniger Rinder geschlachtet

Wirtschaftlich fällt das Fazit Chefs der Großschlachterei gemischt aus. Massenhafter Nachfrage nach Hackfleisch in Deutschland stehen der Einbruch der Gastronomie, der Wegfall des Exports nach Frankreich, Spanien und Italien sowie Personalmangel gegenüber.

Gerade wertvolle Teile der Tiere würden weniger nachgefragt. Unterm Strich seien bei Müller-Fleisch 20 Prozent weniger Rinder geschlachtet worden, während es Mehrausgaben für Umbauten in der Produktion, Gesundheitschecks und den Umgang mit dem vollständig unter Quarantäne stehenden Personal gab.

Ob dazu die Kosten für die drei Quarantäne-Häuser kommen, die Enzkreis und Pforzheim einrichteten, lässt Müller offen.

Quarantäne-Ende bei Müller-Fleisch in Sicht

Die nach Ostern verhängte Betriebsquarantäne geht am Montag zu Ende. Etwas nicht zu dürfen, mache der Mensch nicht gerne mit, sagt Müller zur Lage der Beschäftigten. Sie hätten dies anständig und mit viel Würde ertragen.

Manches Hackfleischbällchen aus der Birkenfelder Produktion hätte die ganze Dimension der Corona-Krise bei Müller-Fleisch offenbaren können. Da war gelegentlich deutlich mehr drin als erwartet. Tatar-Qualität mag es nicht ganz gewesen sein, aber es seien schon gute Stücke verarbeitet worden, macht Geschäftsführer Martin Müller deutlich. Schließlich müssten ganze Tiere geschlachtet und verwertet werden. Da gibt es nicht nur, was gerade gefragt ist.

Was sich ab 7. April offenbart hat, haben wir nicht kommen sehen.
Martin Müller, Geschäftsführer

Der Mann steht am Ende einer fast achtwöchigen Ausnahmesituation im Stammhaus des rund 50 Jahre alten Familienbetriebs. Das habe das Unternehmen aus heiterem Himmel getroffen, sagt er. „Was sich ab 7. April offenbart hat, haben wir nicht kommen sehen.“

Bundesweiter Imageschaden für die Fleischindustrie

Müller bezieht sich auf den nach allem, was bekannt ist, ersten Corona-Patienten der Fleischindustrie überhaupt. Zehn Tage später steht der Birkenfelder Großbetrieb mit allen 1.100 Mitarbeitern unter Quarantäne und zumindest lokal am Pranger.

Die Pandemie lässt Müller-Fleisch in Birkenfeld nicht aus dem Griff, auch wenn am Montag die Betriebsquarantäne endet. Foto: Fix

Die bundesweite Dimension des Imageschadens folgt erst Mitte Mai, als das Coronavirus das Zentrum der deutschen Fleischindustrie im Westfälischen erfasst.

Die Infektionshäufung hat es nicht gegeben, weil extra schlecht bezahlt wurde oder die Unterkünfte extra schlecht waren.
Martin Müller, Geschäftsführer

Natürlich habe es ihm „nicht sehr gefallen, dass da so darüber hergefallen und hergezogen wurde“, sagt Martin Müller, der noch bis Montag auch selbst die Quarantäne-Regeln einzuhalten hat. „Mag sein, dass der Boden dafür bereitet war“, lässt er sich später zögerlich auf den Gedanken ein, Fleischskandale in Zuchtbetrieben, auf der Straße oder beim Export sowie Kritik an den Arbeitsverhältnissen könnten eine gute Basis sein für die auf die Fleischindustrie konzentrierte Corona-Empörung.

Aber dann hält Müller dagegen: „Die Infektionshäufung hat es nicht gegeben, weil extra schlecht bezahlt wurde oder die Unterkünfte extra schlecht waren.“

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Schutzmaßnahmen erst ab Mitte April

Müllers Argumentation zum Corona-Debakel hat ein Datum. Sein Betrieb in Birkenfeld und seine Kollegen aus dem Verband der Fleischwirtschaft, in dem er stellvertretender Vorsitzender ist, seien zur Stelle gewesen, als die Angst umging nach dem Shutdown am 13. März.

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Damals, als viele glaubten, die Supermarktregale blieben bald leer, habe es keinerlei Möglichkeiten gegeben, sich gegen das Virus besser zu schützen. „Man wusste definitiv nichts. Es gab keine Möglichkeit, sich fern zu halten.“ Schutzmaßnahmen seien erst ab Mitte April gefordert gewesen. „Wir hatten Astrohauben und dachten, das hilft“, beschreibt er weiter.

Pandemieplan für Müller-Fleisch gilt weiterhin

Die Liste der Veränderungen ist lang, die das Unternehmen seitdem in vielen kleinen Schritten in Richtung Quarantäne-Ende bewegen. Es sind Verfügungen für einen viral bedingten Ausnahmezustand: die Umsetzung eines Pandemieplans eben.

Die Kritik an den Werkverträgen dagegen ist grundsätzlich. Müller sagt zwar, die „haben nichts mit billig oder teuer zu tun, sondern nur damit, dass Leute aus anderen Ländern hier Tätigkeiten ausführen, zu denen nicht viele bereit sind“. Wer ihm weiter zuhört, bekommt aber schon den Eindruck, dass er die Weichen für Veränderungen stellt.

Das Corona-Debakel bei Müller-Fleisch begann an Ostern in der alten Sonnenhalde in Neuenbürg, wo die ersten Infizierten wohnten. Foto: Ehmann

Es gehe um Kenntnisse in drei bis vier Sprachen und darum, die Mitarbeiter überhaupt zu finden, beschreibt er Dienstleistungen der vielen Werkvertragsfirmen, die bei Müller-Fleisch für Geschäft sorgen. Außerdem bräuchten die Leute aus Rumänien oder Ungarn Unterstützung, bei Behördengängen zum Beispiel.

Werkverträge und Wohnqualität in der Kritik

„Wenn wir genau wissen, wie die neue Regel ausgestaltet wird, werden wir uns damit beschäftigen“, kündigt Müller an und geht wieder auf Anfang: Die Sache mit den Werkverträgen sei eine Folge von Angeboten sowie fehlenden Reaktionen auf lokale Stellenanzeigen gewesen.

Er sei „gerne bereit“ seinen derzeit rund 800 ausländischen Mitarbeitern eine neue Wohnqualität zu bieten. Voraussetzung sei allerdings eine verbindliche Definition für alle. „Am Ende muss es auch Behörden geben, die schauen, ob das eingehalten wird.“

Schlachtbetrieb hat Erfahrung mit Ausnahmesituationen

Was eindeutig gefordert wird, wird gemacht, konnten sich Gesundheitsamt, Gewerbeaufsicht und andere über Wochen bei Müller-Fleisch überzeugen. Die Verantwortlichen des Schlachtbetriebs sind geübt im Umgang mit Ausnahmesituationen. „Ruhige Phasen gibt es nicht in der Fleischindustrie“, ordnet Martin Müller ein.

Es habe auch schon BSE gegeben. Corona sei nur etwas ganz Besonderes und es sei schlimm gewesen, dass zeitweise 300 Mitarbeiter erkrankt und in der Produktion ausgefallen waren. „Da kann man nicht einfach zur Tagesordnung übergehen.“

Geschlachtete Tiere bestehen nicht nur aus den begehrten Teilen

Wie Kunden reagieren und die Landwirtschaft ein Stück weit am Laufen gehalten werden kann, sei ebenfalls ein dicker Brocken gewesen bei der Bewältigung der Situation. Schließlich seien 20 Prozent oder 500 Rinder wöchentlich weniger geschlachtet worden als normal. Hinzu komme die veränderte Vermarktungssituation. Geschlachtet würden ganze Tiere, da gebe es nicht nur die Stücke für das begehrte Hackfleisch.

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