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Dornröschenschlaf endet

Das Brunnenhaus in Karlsruhe-Durlach wird saniert und bekommt vielleicht bald eine neue Aufgabe

Ein denkmalgeschützter Weinbrenner-Zweckbau in Karlsruhe-Durlach wird aufwendig vor dem Verfall gerettet. Das Brunnenhaus ist architektonisch und stadthistorisch ein Kleinod. Nun gibt es sogar eine spritzige Idee für eine öffentliche Nutzung.

Der Zahn der Zeit hat sichtbare Spuren hinterlassen im und am Brunnenhaus, das Friedrich Weinbrenner den Durlachern 1824 an den Rand des Schlossgartens stellte. Heike Ebert und Thomas Dueck bereiten jetzt die Sanierung vor. Foto: Jörg Donecker

Durlach und seinen Besuchern steht möglicherweise eine spritzige Überraschung ins Haus. Sicher ist schon mal dies: An der Einmündung der Marstallstraße in die Badener Straße/B 3 erwacht in diesem Sommer der wohl versteckteste Weinbrenner-Bau Karlsruhes aus einem Dornröschenschlaf.

Der Star-Architekt der jungen Fächerstadt war auch für Zweckbauten zuständig. Und so ließ er zu Beginn des 19. Jahrhunderts aus rotem Sandstein ein nahezu unverwüstliches Brunnenhaus am Rand des Schlossgartens errichten.

Graffiti sind inzwischen nicht der einzige Schaden, auch die Zeit hat sichtbar am Stein und vor allem den tonnenschweren Steinplatten des Daches genagt. Aber schon bald werden Steinmetze damit beginnen, das Denkmal rechtzeitig vor seinem 200. Geburtstag ringsum aufzupolieren.

Danach soll der Innenraum dran sein – und schließlich wird vielleicht eine neue Nutzung realisiert, die dazu führt, dass Weinbrenners Brunnenhaus künftig nicht nur einmal im Jahr am Denkmaltag für Interessierte offensteht.

Quellwasser steigt glasklar im Brunnenhaus auf

Thomas Dueck greift in den Ring im Maul des bronzenen Löwenkopfs, der seit 198 Jahren die äußere Zugangstür zum Brunnenhaus schmückt. Den Leiter der Hochbauabteilung Durlach begleitet die Bauingenieurin Heike Ebert, sie leitet die anstehende Sanierung. Dueck drückt noch die zweite, einer Bunkertür ähnelnde Innentür auf, dann fällt der erste Blick – ins Wasser.

Einen raumfüllenden Pool füllt etwa knietief frisches, glasklares Quellwasser. Jeder Kiesel auf dem Grund des rechteckigen Beckens ist zu sehen. Darüber spannt sich, weiß gestrichen, ein verputztes Tonnengewölbe. Eine zarte Duftnote liegt in der jahrein, jahraus kühlen, feuchten Luft.

Eine Reling aus stark angerostetem Winkelstahl aus der Nachkriegszeit gibt Halt auf dem umlaufenden Gang, der auf versteckten Kapitellen aus Sandstein ruht. Einziger intensiver Farbtupfer ist ein rotweißer Rettungsring an der Wand über dem dunklen Mund des Abflusses gegenüber der Doppeltür.

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1895 wird der Zweckbau in Durlach renoviert

„Das Quellwasser fließt hier ungenutzt ab in die Gräben der Breite Gass“, erklärt Dueck. Das geht schon so seit 1968, dem Jahr, in dem Techniker Durlach ganz an das Karlsruher Wassernetz anschließen. Anfangs fließt das kostbare Nass andersherum. Denn in Durlach schütten am Fuß des Geigersbergs gleich neben dem hochherrschaftlichen Schlossgarten im Süden der Karlsburg sieben Quellen reichlich, womit es sich lohnt, das austretende Wasser zu fassen und zu nutzen.

Deshalb wird zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine Wasserleitung von Durlach nach Karlsruhe verlegt. Das ist der Anlass für Weinbrenner, die baufällige Brunnenstube am Fuß des Berges durch den bis heute erhaltenen, extrem soliden Neubau ersetzen zu lassen. Dazu wird Sandstein aus dem Pfinztal geholt. Die Inschrift über der Löwenkopf-Tür hält fest: 1823 erbaut – renoviert 1895.

Vor 150 Jahren wird das Trinkwassernetz neu organisiert

1907 bekommt die Brunnenhausstraße um die Ecke ihren Namen nach dem Weinbrenner-Zweckbau. Das Wasser fließt vom Brunnenhaus über das Wasserwerk am Blumentor in einer gusseisernen Leitung in die Stadt Durlach und bis nach Karlsruhe. Vor genau 150 Jahren ist damit Schluss, ab 1872 ist die Versorgung per Trinkwassernetz neu und von Karlsruhe aus organisiert. Dennoch speisen die Durlacher Quellen ihr Wasser noch beinahe 100 Jahre lang weiter ein.

Das Stadtarchiv Karlsruhe verwahrt den Schnappschuss eines unbekannten Urhebers aus der Zeit um 1960, dem letzten Jahrzehnt, in dem das Weinbrenner’sche Brunnenhaus noch originalgetreu genutzt ist. Am Straßenrand neben ihm parken ein Renault-4-Kastenwagen, ein Ford Kombi und ein Mercedes mit Stufenheck. Davor steht eine Telefonzelle.

An der Ecke von Marstallstraße und B3 hielt dieser einsame und einzige Nachbar des Brunnenhauses dem Lauf der Zeit schlechter stand. Anfang der 1990-er Jahre stürzte bei einem Unwetter ein Baum genau auf die Telefonzelle, in der zum Glück niemand Schutz gesucht hatte. Das zertrümmerte Häuschen wurde abgeräumt und nicht mehr ersetzt.

Brunnenhaus in Durlach soll wiederbelebt werden – aber wie?

Neben der Tür mit dem Löwenkopf ist inzwischen ein Nadelbaum hoch aufgeschossen. Darunter wird das Gartenbauamt Durlach gleich nach den Steinmetzarbeiten eine kleine Grünanlage schaffen, kündigt Dueck an. Die Brunnenstube bekommt nicht ohne Grund ein ansprechendes gärtnerisches Entree. Denn sie soll wiederbelebt werden.

Schon hat sich inoffiziell eine Idee herauskristallisiert. Noch ist nichts spruchreif, zumal das Denkmalamt sein Auge auf dem standhaften Zeitzeugnis hat. Aber beim Anblick des klaren, kühlen Wassers schlüpft man gedanklich an heißen Hochsommertagen schon fast automatisch aus den Schuhen und krempelt die Hosenbeine hoch.

So lässt sich leicht vorstellen, dass geführte Besucher in kleinen Gruppen in Zukunft wassertretend Abkühlung genießen, wo die Geschichte der Trinkwasserversorgung für Karlsruhe beginnt. Der Innenausbau ist viel jünger, das umlaufende Geländer als Relikt der Industriekultur könnte zu einem Kneippbecken passen.

Durlachs kleine Kostbarkeiten

Durlach hat ein Händchen dafür, nicht nur Prachtbauten wie die Karlsburg oder das Rathaus, sondern auch kleinere historische Schmuckstücke am Rand der historischen Altstadt geschickt herauszustellen. Das herausgeputzte Brunnenhaus wird den wieder nach historischem Vorbild gestalteten Schlossgarten und das Lapidarium zu einem attraktiven Trio ergänzen.

Nur 500 Meter entfernt bilden die Nikolauskapelle, der Basler-Tor-Turm und der Alte Friedhof ein weiteres attraktives Ziel für historisch interessierte Spaziergänger. 750 Meter nördlich wiederum erzählen der „Ochsen“ als Durlachs ältestes bewohntes Haus, die Reste der alten Stadtmauer und das Torwärterhäuschen Geschichte. Und wer noch weiter laufen möchte, findet nochmal 1.000 Meter weiter die aufbereiteten Reste der villa rustica neben der Gewerbeschule Durlach. ke

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