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Umstrittener Sakralbau

Baden-Badener Jugendstil-Kirche St. Bernhard sorgte vor dem Ersten Weltkrieg für einen handfesten Skandal

Die beiden Brandanschläge auf die katholische Pfarrkirche St. Bernhard in Baden-Baden sind bislang ungeklärt. Der Staatsschutz ermittelt. Der Jugendstilbau war schon immer umstritten und sorgte vor dem Ersten Weltkrieg für eine harte Auseinandersetzung.

Progressiver protestantischer Sakralbau: Ein wichtiges Beispiel in Mittelbaden ist die evangelische Lutherkirche in Baden-Baden-Lichtental, die 1907/08 nach Plänen von Martin Elsässer (1884-1957), entstand. Foto: Ulrich Coenen

Was hatte die katholische Kirche gegen den Jugendstil? Sabine Bruss widmet ein Kapitel ihrer Dissertation dem Jugendstil im Sakralbau Badens.

Sie sieht den Jugendstil als eine Antwort auf die Nachahmung historischer Stilformen. Er löste sich von jeglicher Tradition und stellte deren Autorität in Frage. Für die katholische Kirche, die an ihre Größe und Bedeutung im Mittelalter anknüpfen wollte, war der Jugendstil damit zunächst kein Thema.

Die evangelische Kirche hatte weniger Berührungsängste. Im Gegenteil bot der moderne Jugendstil ihr die Gelegenheit, sich von der katholischen Kirche und deren Sakralarchitektur abzugrenzen. Bereits 1898 bis 1901 bauten Robert Curjel und Karl Moser in Basel die Pauluskirche mit einer Oberflächenbehandlung im Jugendstil. Weitere Sakralbauten in Deutschland folgten. Auch andere Architekten errichteten evangelische Kirchen im Jugendstil.

Beeindruckend: Das zentrale Lichtauge der Kuppel zeigt das Lamm Gottes. Ringförmig angeordnet sind auf zwei Ebenen die 24 Ältesten der Geheimen Offenbarung des Johannes. Foto: Ulrich Coenen

Ein wichtiges Beispiel in Mittelbaden ist die evangelische Lutherkirche in Baden-Baden-Lichtental, die 1907/08 nach Plänen von Martin Elsässer (1884 bis 1957), entstand. Elisabeth Spitzbart hat sich in ihrer Dissertation an der Universität Stuttgart 1989 mit den Kirchenbauten Elsässers beschäftigt.

Der verputzte Saalbau ist das Erstlingswerk des Architekten, der 1905 als Architekturstudent den Wettbewerb gewann. Elsässer, der bereits 1913 zum Professor an der Technischen Hochschule Stuttgart berufen wurde, zählt zu den bedeutendsten Vertretern des protestantischen Kirchenbaus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Deutschland.

Die Lutherkirche zeigt Stilmerkmale des Jugendstils und der Neuromanik und nimmt in ihren schlichten Formen bereits Tendenzen des modernen Kirchenbaus der Zeit nach 1918 vorweg. Das Erscheinungsbild der Kirche wird durch monumentale Doppelturmfassade bestimmt, die an romanische Westwerke erinnert.

Kontroverse Diskussionen im Jugendstil

Kontroverse Diskussionen in Fachzeitschriften und Fachbüchern führten vor 1910 dazu, dass der Jugendstil für die katholische Kirche zumindest akzeptabel wurde. Grundsätzlich könne jeder Stil kirchlich sein, wurde argumentiert. Unumstritten war die neue Formensprache aber damit in der Erzdiözese Freiburg keineswegs.

Johannes Schroth griff die modernen Tendenzen erstmals in seiner langen Laufbahn als Architekt beim Bau der der Pfarrkirche St. Georg in Hockenheim (1909/11) auf. Er beschrieb seinen Entwurf 1908 folgendermaßen: „Im einfacheren Barockstil gehalten, den wir aber dem heutigen Geschmack entsprechend noch wesentlich vereinfachten“.

Claudia Baer-Schneider und Dörthe Jacobs charakterisieren die Kirche im Nachrichtenblatt der Landesdenkmalpflege 3 (2007) als Synthese aus Tradition und Moderne. Für die Tradition steht die Querschnittform der dreischiffigen Basilika, die Schroth mit einer geschwungenen und mehrfach gestaffelten Barockfassade kombinierte, die das dahinter befindliche Langhaus geradezu kaschierte.

Vor allem das Innere, aber auch das Äußere zeigen reiche Jugendstilornamente. „So entstand – ganz im Sinne der Theorie des Jugendstils – ein Kirchengesamtkunstwerk, wie es in dieser Art nur noch sehr wenige in Baden-Württemberg gibt“, urteilen die beiden Denkmalpflegerinnen.

Einer der wichtigsten Sakralbauten der Erzdiözese

Der vielleicht wichtigste Sakralbau im Jugendstil in der Erzdiözese Freiburg ist zugleich auch der umstrittenste. St. Bernhard entstand 1911 bis 1914 als neue Pfarrkirche für die Baden-Badener Weststadt nach Plänen von Johannes Schroth, der bei der Ausstattung auf die gleichen Künstler wie Hockenheim zurückgriff.

Hermann Brommer hat den Sakralbau 1989 in einem der renommierten Kirchenführer aus dem Verlag Schnell und Steiner vorgestellt. Der Kuppelbau aus hellem Murgtaler Sandstein, der Einflüsse des Jugendstils, der Neuromanik und der frühchristlichen Baukunst erkennen lässt, ist eines der Hauptwerke des Oberbauinspektors und wurde auf einer künstlichen Terrasse im Bereich eines früheren Steinbruchs am Fuß des Balzenbergs gebaut.

Innenraum der Kirche St. Bernhard Foto: Ulrich Coenen

Weil der Entwurf deutliche Einflüsse des Jugendstils zeigt, kam es 1910 zum Konflikt zwischen Schroth und dem erzbischöflichen Ordinariat in Freiburg. „Wir können es nicht billigen, dass das Erzbischöfliche Bauamt Karlsruhe sich in neuster Zeit dieser Stilart zuwendet, nachdem es eine Reihe von schönen Kirchen in alten bewährten Stilarten gebaut hat“, kritisierte die Kirchenbehörde.

Der Architekt konnte aber sein Konzept einer zeitgemäßen Sakralarchitektur gegen die Vorgesetzten durchsetzen. Er trete damit auch „jener, aus einwandfreien Künstlerkreisen oft gehörten Meinung entgegen, als ob die katholische kirchliche Kunst nicht mit der Zeit gehe“.

Der Innenraum des zwölfseitigen Zentralbaus mit Umgang orientiert sich in den Vorbildern von San Vitale in Ravenna und des Aachener Doms. Der hohe Kuppelsaal wird von einem gewölbten Umgang umgeben. Das zentrale Lichtauge der Kuppel zeigt das Lamm Gottes.

Ringförmig angeordnet sind auf zwei Ebenen die 24 Ältesten der Geheimen Offenbarung des Johannes (ähnlich der Aachener Domkuppel), dem letzten Buch des Neuen Testaments, sowie musizierende und singende Engel. Karl Leon und Otto Rünzi malten die Kuppel aus.

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