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Große Wissenslücken durch Corona-Krise

Freiwilliges Wiederholen statt Sitzenbleiben: Gymnasiallehrer fordern Ausnahmeregel im Corona-Schuljahr

Eine Weihnachtsofferte der besonderen Art fordern die Gymnasiallehrer des Philologenverbandes von Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU): Eine risikofreie „Ehrenrunde“ für Wackelkandidaten unter den Schülern - anstelle des Sitzenbleibens.

Leidet das Kind unter den Wissenslücken? Dann kann ein freiwilliges Wiederholen aus Sicht der Gymnasiallehrer im Philologenverband heilsam sein - er fordert vom Land deshalb eine neue „Freischuss“-Regelung. Foto: Adobe Stock

Ginge es nach Ralf Scholl, dann würde Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) nicht über verfrühte Weihnachtsferien nachdenken, sondern über eine sogenannte „Freischuss“-Regelung für leistungsschwache Schüler: Zum Halbjahreszeugnis könnten sich die Mädchen und Jungen dann freiwillig zurückstufen lassen und das versäumte Wissen aus dem Corona-Lockdown nachholen – ohne dass sie den Stempel eines „Sitzenbleibers“ aufgedrückt bekämen.

Die schwächeren Schüler schaffen es oft nicht mehr, die Lücken zu füllen.
Ralf Scholl, Landesvorsitzender des Philologenverbands (PhV)

„Die Entscheidung müsste vor Weihnachten fallen, damit die Familien in Ruhe darüber nachdenken können“, sagt Scholl, der Landesvorsitzender des Philologenverbandes (PhV) in Baden-Württemberg ist. Sein Argument fürs freiwillige Wiederholen: „Die schwächeren Schüler schaffen es oft nicht mehr, die Lücken zu füllen, die sich zwischen der Schulschließung am 17. März und den Sommerferien aufgetan haben. Und wenn diese Schüler nochmal durchgeschleift werden, sind die Lücken so groß, dass dann auch Wiederholen nichts mehr bringt.“

Schüler mit mehreren Fünfen versetzt

Für die Lehrer berge die aktuelle Ausnahmesituation ein Dilemma: Entweder sie drosselten das Tempo für die ganze Klasse – oder sie könnten die Schwachen nicht ausreichend stützen. Zahlreiche Klassenarbeiten werden erst in den nächsten Wochen geschrieben, doch etliche Gymnasiallehrer seines Verbandes berichteten, dass es aktuell mehr Schülern als sonst schwerfalle, im Unterricht mitzukommen, sagt Scholl.

Verwunderlich sei das nicht: „Die Kinder sind ja teilweise auch mit drei Fünfen versetzt worden.“ Zur Erinnerung: Da eine reguläre Notengebung in den Wochen des Homeschoolings unmöglich war, konnte in diesem Jahr niemand sitzenbleiben - völlig unabhängig vom Zeugnisschnitt.

Aus meiner Sicht haben es bei weitem nicht alle genutzt, die es hätten nutzen sollen.
Barbara Becker, Lehrerin und GEW-Funktionärin, über letzten „Freischuss“ im Frühjahr

Zwar hatte das Land bereits im Sommer eine kurzfristige „Freischuss“-Regelung angeboten: Wer sich in den ersten zwei Wochen des neuen Schuljahrs fürs freiwillige Wiederholen entschied, konnte das ohne Risiko machen. Die „Extra-Runde“ zählte nicht - selbst wer im nächsten Jahr die Versetzung nicht schaffen sollte, darf auf der Schule bleiben.

Allerdings war dieses erste „Freischuss“-Angebot im Corona-Sommer offensichtlich wenig nachgefragt. „Aus meiner Sicht haben es bei weitem nicht alle genutzt, die es hätten nutzen sollen“, sagt Barbara Becker, Vorsitzende der Fachgruppe Gymnasien bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Genauso sieht es Scholl. Zahlen fehlen jedoch. „Die Statistiken hierzu liegen uns noch nicht vor“, erklärt ein Sprecher von Kultusministerin Eisenmann auf BNN-Anfrage.

Elternbeirat: Unterforderte Kinder leiden auch

Michael Mittelstaedt, der Vorsitzende des Landeselternbeirats (LEB), hält es für einen große Fehler, dass das Kultusministerium die „Freischuss“-Offerte nur für wenige Wochen aufrechterhielt. „Damals war noch unklar, wo die Kinder stehen, wie groß die Lücken sind“, sagt er. Die Eltern von Wackelkandidaten hätten sich im Spätsommer quasi auf Verdacht fürs Wiederholen entscheiden müssen – oder auf Risiko setzen.

Fürs Kindswohl sei das problematisch, meint Mittelstaedt, denn überforderte und unterforderte Kinder litten ähnlich. Der oberste Elternvertreter findet die Idee gut, das freiwillige Wiederholen zum Halbjahresende nochmals anzubieten: Dann könnten Wiederholer fast genau an dem Punkt im Lehrplan neu anfangen, an dem die Corona-Krise begann.

Eisenmann hält Entscheidung offen

Ende Januar bekommen die Mädchen und Jungen in Baden-Württemberg ihre Zeugnisse fürs erste Halbjahr. Ob diejenigen, die bedrückende Noten heimbringen, bis dahin eine risikofreie Wahlmöglichkeit haben? „Momentan ist noch nicht entschieden, wie mit dem freiwilligen Wiederholen einer Klasse in diesem Schuljahr umgegangen wird“, erklärt Eisenmanns Sprecher – und verweist darauf, dass aktuell ja reguläre Klassenarbeiten im Präsenzunterricht geschrieben würden.

Noch ist das der Fall - doch täglich tobt die Diskussion lebhafter, ob die Schulen aufs Wechselmodell umstellen und halbe Klassen wochenweise nach Hause schicken sollen. Eisenmanns Haus macht die Entscheidung über einen neuen „Freischuss“ demnach „auch abhängig von den weiteren Geschehnissen“.

Eltern sollten die Frage des Wiederholens gelassen sehen.
Barbara Becker, Lehrerin und GEW-Funktionärin

Die Bühler Gymnasiallehrerin und GEW-Funktionärin Becker rät Eltern in dieser Krisenzeit jedenfalls zu Gelassenheit und Augenmaß. „Im achtjährigen Gymnasium fehlt ja ohnehin ein Jahr“, sagt sie. „Eltern sollten die Frage des Wiederholens gelassen sehen. Und sie sollten mit individuellem Augenmaß auf ihr Kind schauen und dann entscheiden. Bei manchen Schülern ist es auch so: Wenn sie wiederholen, haben sie Luft – und machen wieder nichts.“ Einen sehr großen Leidensdruck spürt Becker bei ihren eigenen Schülern zwar noch nicht, aber generell fände sie ein neues „Freischuss“-Angebot zum Halbjahr überlegenswert.

Scholl kritisiert „Gnaden-Noten“

Der Mathematiker und PhV-Vorsitzende Scholl macht für die Nöte mancher Kinder auch eine verhängnisvolle Gutmütigkeit vieler Lehrer verantwortlich: „Das Problem an unserem System ist, dass Schwierigkeiten der Kinder oft mit Gnaden-Noten zugedeckt werden - und nach zwei bis drei Jahren kommt das böse Erwachen“.

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