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Trotz Corona nicht abgesagt

Karlsruher Sandkorn-Theater zeigt Premiere ganz ohne Publikum

Eine Aufführung ohne Publikum und ohne Livestream - warum macht ein Theater das? Das Sandkorn Karlsruhe will ins Bewusstsein rufen, was derzeit fehlt.

Mit Abstand auf der Showtreppe: Patricia Keßler zwischen Michael Postweiler (links) und Erik Rastetter bei der jüngsten Sandkorn-Premiere, zu der nur Pressevertreter zugelassen waren. Foto: Jürgen Schurr

Rechts steht auf einem Podest ein Sessel, die Wand dahinter zeigt ein großes Bild des Coronavirus: ein stacheliger Ball in psychedelischen Farben. Links steht der knallgelbe Sandkorn-Flügel und zwischen Sessel und Flügel führt eine Showtreppe herab. Alles ist vorbereitet für eine kabarettistische Revue, so, wie man sie vom Sandkorn kennt: leichte Muse mit Spitzen, Unterhaltung mit Witz. Programme die in Karlsruhe seit Jahren ihr Publikum finden.

Los geht’s: Erik Rastetter setzt sich in den Sessel, Michael Postweiler an den Flügel, spielt die eröffnenden Akkorde, das Signal für seine Kollegin Patricia Keßler. Die schreitet, ganz Showdame, die Treppe herunter und beginnt zu singen, „Don’t Worry, Be Happy“, den Hit von Bobby McFerrin. Im Publikum fangen die ersten Menschen an mit den Fußspitzen mitzuwippen – halt, stopp! Der letzte Satz, er ist ja bloß Fiktion!

Aber immerhin, so wäre es garantiert gewesen, wenn nicht etwas fehlen würde. Und zwar das, wovon ein Theater lebt und wofür all die Künstler, Techniker und die Menschen in der Verwaltung arbeiten: das Publikum.

Wir wollten ein Signal senden, was alles gerade nicht stattfindet.
Erik Rastetter, künstlerischer Leiter Sandkorn

Die jüngste Sandkorn-Produktion mit dem Titel „Don’t Worry, Be Happy“ hatte ihre Uraufführung ohne Publikum. Lediglich das Produktionsteam und ein paar Vertreter der Presse hatten Zutritt. Es gab auch keinen Livestream. Eine Aufnahme des Stücks wurde gemacht, doch nur aus archivarischen Gründen. Warum macht ein Theater so etwas?

Erik Rastetter ist der künstlerische Leiter des Sandkorns, von ihm stammen die Texte des Stücks, er hat eine Antwort: „Wir wollten ein Signal senden, was alles gerade nicht stattfindet. Dass es ins Bewusstsein kommt, wie viele Menschen gerne würden, aber nicht dürfen.“

Schließlich war das Ganze ja nicht so geplant. Das Stück hätte eigentlich regulär aufgeführt werden sollen. Als dann der zweite Lockdown begann und die Stuhlreihen wieder leer bleiben mussten, wurden die Proben mehr als bloß ein Üben und Feilen am Werk. „Wir mussten schon beim letzten Mal alles hinwerfen, das wollten wir diesmal einfach nicht“ führt Rastetter weiter aus, und die kaufmännische Leiterin Daniela Kreiner ergänzt: „Weil wir in unseren Plänen immer wieder zurückgeworfen wurden, ist es für uns auch sehr wichtig, dass wir etwas haben, sobald es mal wieder losgeht.“

Unsicherheit macht mürbe

Wann das sein wird, auch hierzu fehlt noch die Antwort. Diese Planungsunsicherheit macht jeden irgendwann mürbe und es ist der Regisseur Günter Knappe, der unter großer Zustimmung des gesamten Ensembles erklärt, wie wichtig diese Proben auch für die seelische Stärkung aller Beteiligten war: „Als wir dieses Ziel hatten, wir machen an diesem 3. Dezember eine Premiere, wir machen es für uns, wir machen das als Signal, war ein Ruck im Ensemble da. Plötzlich hatte man wieder ein Ziel. Wir machen das, das ist unser Angebot.“ Und was war diesmal im Angebot?

Doch halt (schon wieder ein „halt“), in der Vergangenheitsform zu sprechen ist falsch und selbst die Rede im Präsens träfe es nicht. Nur der Futur ist angemessen, denn „Don’t Worry, Be Happy“ wird gespielt werden, es wird die Zeit kommen, in der das Publikum wieder ins Sandkorn kommen darf und kommen wird, und es werden die Fußspitzen wippen, es wird Szenenapplaus geben und wenn sich alle am Schluss verbeugen, wird auch gejubelt werden können.

Bei dieser Premiere war der Kritiker nicht Beurteilender, sondern so etwas wie der Vorkoster für das, was das Publikum irgendwann erwarten darf. Was hat er geschmeckt? Viele bekannte Songs, zusammengestellt, arrangiert und gespielt von Michael Postweiler, die eine besondere Funktion haben.

Sie sind klingende Kommentare zu Erik Rastetters kabarettistischen Texten. Der Fußball muss rollen wie der Rubel, selbst im Geisterstadion, während sonst Abstand gewahrt werden muss. „Something Stupid“ und „In der Nacht ist der Mensch nicht gern alleine“ fällt der Musik dazu ein.

Patricia Keßler singt nicht nur, sie bindet jeden Song in eine kleine Szene ein und Postweiler drückt nicht nur die Tasten, sondern ist auch ein ganz solider Gesangspartner. Wundert sich Rastetter über ein Wirtschaftssystem, das schon stirbt, nur wenn die Menschen mal ein paar Wochen nichts Überflüssiges kaufen, weiß die Musik „Ich hab kein Geld für ein Orchester“ und „Money Makes The World Go Around“.

Übrigens wird es eine weitere Fassung geben, mit anderer Musik und Markus Kapp am Flügel und dem Gesang von Cynthia Popa. Und bis die Menschen wieder kommen können, wird sicherlich auch der eine oder andere Text verändert werden, meint Rastetter. Vieles fehlt derzeit, eines fehlt im Sandkorn nicht: der Wille, weiterzumachen. Da spricht Daniela Kreiner für alle: „Wir halten durch.“

Zur Serie



Die Kultur im Klammergriff der Anti-Covid-19-Maßnahmen: Zum zweiten Mal in diesem Jahr sind Theater und Museen, Kunstvereine und Konzertveranstalter von massiven Einschränkungen betroffen – mit unterschiedlichen Auswirkungen. Eine neue Serie will der Frage nachgehen, wie die Einrichtungen mit dem zweiten Lockdown umgehen. Untersucht werden soll, mit welchen Folgen sie zu kämpfen haben und was dem Publikum durch die Schließungen der Kulturorte entgeht. Kurz gesagt: Was fehlt?



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