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Renommierter Weinguide

Neues Konzept beim Gault & Millau: Nicht jeder Winzer will 127 Euro pro Wein zahlen

Die deutsche Weinkritik ist eine hart umkämpfte Branche. Das zeigt der Einstieg von Burda beim Weinführer Gault & Millau. Neu ist eine Teilnahmegebühr für Winzer. Das schmeckt nicht jedem.

Rivalen im Regal: Der Markt der Weinführer in Deutschland ist hart umkämpft. Das spüren zunehmend auch die darin bewerteten Winzer, die von den großen Anbietern immer häufiger zur Kasse gebeten werden. Foto: Daniel Streib

Wer reinkommt, ist drin. Doch Uwe Blumhofer ist schon wieder draußen. Dabei hatte der Winzer aus Keltern einen rasanten Aufstieg hingelegt im Weinführer von Gault & Millau.

Binnen weniger Jahre kletterte der „badische Bordeaux“ des Seiteneinsteigers auf zuletzt drei von fünf möglichen „Trauben“. Wer aber den neuen „Gault & Millau Weinguide Baden und Württemberg 2021“ zur Hand nimmt, sucht Blumhofers Weingut „Physiokrat“ vergebens. Dabei wird er in der Ausgabe 2020 noch für sein Potenzial gelobt.

Wie kann das sein? Wein lockert die Zunge, heißt es, doch das gilt offenbar nicht für die Erzeuger. Der Winzer gibt sich wortkarg, lässt immerhin durchblicken, dass ihn das neue Konzept nicht überzeugt habe.

In der Tat ist einiges neu beim ältesten Weinführer Deutschlands, der lange auch unbestritten der renommierteste war. Wie im Mai bekannt wurde, übernahm Hubert Burda Media (Focus, Bunte) die deutsche Lizenz der legendären Gastronomie-Marke.

Grandseigneur am Glas: Winzer und Weinkritiker Armin Diel wirkte als Gründungsherausgeber des deutschen Gault Millau-Weinführers und war mit seinen profuden und meinungsstarken Kritiken eine Art Reich-Ranicki des Weins. Foto: Volker Steitz

Hierzulande erscheint der Gault & Millau-Weinführer seit 1994. Zunächst konkurrenzlos. Doch längst buhlen auch „Eichelmann“, „Falstaff“ und „Vinum“ um die Lesergunst.

Trotz der Konkurrenz haben die neuen Macher um Chefredakteur Christoph Wirtz Großes vor. Zum Team gehören Wein-Größen wie Natalie Lumpp aus Baden-Baden und Autoren wie der ehemalige Journalist Andreas Braun, der heute Geschäftsführer der Tourismus Marketing GmbH Baden-Württemberg ist. Die Landes-Tochter zählt auch zu den Anzeigenkunden.

Mit Burda, dem in Offenburg beheimateten Medienkonzern, werde der Gault & Millau „künftig deutlich journalistischer“, sagte Chefredakteur Wirtz zum Start.

Deutlich journalistischer? Zunächst einmal deutlich teurer, monieren einige Winzer. Erstmals verlangt der Weinguide eine Teilnahmegebühr. Für Erzeuger, die Erwähnung finden wollen, heißt es: erst kassieren, dann probieren.

Nach Informationen unserer Redaktion fällt für jeden eingereichten Wein eine Gebühr an, die bei 127 Euro liegen soll. Beim Verlag bestätigt man: „Pro Wein, der zur Verkostung angemeldet wird, verrechnen wir einen festen Betrag.“

Lob für Burdas Weinguide-Konzept von Spitzenwinzer Burmeister

Das schmeckt nicht jedem. „Wir wären da schnell auf über 1.500 Euro gekommen“, rechnet Markus Hafner vor. „Zu teuer“, findet der Winzer aus Ubstadt-Weiher im Kraichgau . Er wolle seinen Kunden ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis bieten, „da muss ich Marketingkosten niedrig halten“. Hafner sagt, ihm reichten die Prämierungen des Weinbauverbands und sein kostenloser Eintrag im Vinum-Guide.

Viel Lob für das Burda-Konzept gibt es von Spitzenwinzer Claus Burmeister, der die Weingüter Heitlinger und Burg Ravensburg GmbH leitet. „Solche Teilnahmegebühren sind längst marktüblich und aus meiner Sicht gut investiertes Geld“, argumentiert er. Mit der medialen Kraft von Burda im Rücken könnten sich die Betriebe künftig viel breiter präsentieren.

Neben der Startgebühr fallen weitere Neuerungen auf: Es gibt es keine Punktzahlen mehr für einzelne Weine, die Texte dazu sind kürzer geworden. Hinzugekommen sind Restaurant- und Einkaufstipps. Zentrale Panel-Verkostungen haben die Bewertung durch den Gütern zugeordnete Experten abgelöst.

Augenfällig ist die Regionalisierung. Statt des Deutschland-Guides sollen nach der vorliegenden Südwest-Ausgabe sechs weitere Regio-Bände erscheinen. Im März folge die Pfalz, heißt es beim Verlag, wo man betont: „Weine sind Botschafter ihrer Regionen, das wollen wir ganz nachdrücklich unterstreichen.“ 2021 soll zudem ein „großes Buch zum deutschen Wein“ erscheinen.

Im Wein liegt die Wahrheit: Bei Verkostungen entschlüsseln Weinexperten die Charakteristik der edlen Tropen. Foto: Peter Zschunke /dpa

Herausgeber betonen Vorteile des neuen Gault & Millau Konzept

Wie sieht es mit der journalistischen Unabhängigkeit aus, wenn nur zahlende Kunden berücksichtigt werden? Die beiden Herausgeber Ursula Haslauer und Otto Geisel antworten darauf indirekt: „Ob ein Betrieb in dem Weinguide aufgenommen wird oder nicht, entscheidet allein das Verkostungsergebnis.“

Das neue Prinzip – blind und in Panels mit jeweils sechs Verkostern – biete „allen Weinen, unabhängig vom Etikett die gleiche Chance“. Zudem betonen die beiden Herausgeber: „Wir haben eine große Durchlässigkeit des neuen Systems erkennen können, so dürfen sich viele Weine und Weingüter über bessere Bewertungen als in den Vorjahren freuen.“

Für den Vorschlag einer verpflichtenden Teilnahmegebühr hätten die mich damals wohl im Gärbottich ertränkt.
Armin Diel, Gault&Millau-Gründungschef

Letzteres ist auch Armin Diel aufgefallen. Der 67-Jährige war Mitgründer des deutschen Gault & Millau und 16 Jahre Chefredakteur. Mit seinen pointierten Analysen galt er als ein Marcel Reich-Ranicki der Weinkritik.

Auch zum neuen Guide hat er eine Meinung: „Es ist ein durchaus ansprechender regionaler Weinführer entstanden, dessen Bewertungen der Weingüter die Verhältnisse im Südwesten halbwegs zutreffend abbilden. Ob allerdings gleich fünf Winzern in Baden-Württemberg das Prädikat „Weltklasse“ gebührt und sie damit auf Augenhöhe mit Ikonen wie Krug, Pétrus und Romanée-Conti einstuft, mag lokalpatriotischem Wunschdenken geschuldet sein“, gibt Diel zu bedenken.

Veritabler Eklat in der Weinwelt

Eine Sache ärgert die Branchenlegende: „Bedauerlich ist, dass man von den Winzern einen saftigen Obolus für die Aufnahme in den Guide verlangt. Wer nicht zahlt, bleibt draußen! Eine Unart die heute nichts Besonderes mehr ist, denn auch die Konkurrenz von Eichelmann und Falstaff kassiert bei den Winzern ordentlich ab.“ Dass es auch anders gehe, zeige der Vinum-Guide, der auf „Zwangsgebühren“ verzichte.

Persönliche Bezüge gibt es für Diel dabei mehrfach. Vinum-Herausgeber Joel Payne war einst sein Co-Chef bei Gault & Millau, den Payne 2017 mit weiteren Experten verließ, um den Mitbewerber zu gründen.

Armin Diel hatte sich schon 2009 zurückgezogen. Der Herausgeber und Chefredakteur war mit einer Reihe namhafter Betriebe aneinandergeraten. Sie drohten mit Boykott, weil Diel, im Hauptberuf selbst Winzer, einen vom Verlag geplanten Marketing-Obolus vertrat. Werbung mit dem Testergebnis nur gegen Bezahlung - was inzwischen auch bei Rankings anderer Branchen völlig selbstverständlich ist, sorgte in der Weinwelt vor elf Jahren für einen veritablen Eklat.

Heute sagt Diel mit einem Augenzwinkern: „Für den Vorschlag einer verpflichtenden Teilnahmegebühr hätten die mich damals wohl im Gärbottich ertränkt.“

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