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Folgen der Theaterschließungen

Volksbühne Karlsruhe bangt im 101. Jahr seit der Gründung um die Existenz

Seit 1919 bringt die Volksbühne Karlsruhe Menschen ins Theater - aber was ist, wenn die Theater zu sind? Ein Jahr nach dem 100. Geburtstag ist die Zukunft des Vereins in Gefahr.

Ehrenamts-Einsatz für Theaterfreunde: Bernd Axnick und Reinhard Rössler leiten die traditionsreiche Besucherorganisation Volksbühne Karlsruhe. Foto: Andreas Jüttner

Die Adresse ist wie gemacht für einen Theaterverein: Nahe der Ecke Schillerstraße/Goethestraße ist die Volksbühne Karlsruhe angesiedelt. Das helle, einladende Büro mit Plakaten, die Lust auf einen Theaterbesuch machen, liegt nur wenige Meter von der Haltestelle Schillerstraße entfernt – ideal erreichbar. Doch Publikumsverkehr gibt es dort derzeit nicht. Und die ohnehin trüben Aussichten auf baldige Besserung werden mit jeder Meldung über einen näher rückenden harten Lockdown schlechter.

Vor gut einem Jahr hingegen hatte es großen Grund zur Freude gegeben: Mit einem Festakt im Staatstheater feierte die Volksbühne am 17. November 2019 ihren 100. Geburtstag. Für die Jubiläumssaison hatte sich der Verein, der das Theater für alle Bevölkerungsschichten zugänglich machen will, einmal mehr neu aufgestellt.

Erstmals wurde ein Abonnement mit kindgerechten Programmen und dank der Schlossfestspiele Ettlingen auch ein Musical angeboten. Nun aber ist offen, wie lange der Betrieb noch aufrecht erhalten werden kann. „Wir sind eine Besucherorganisation“, sagt der Vorsitzende Bernd Axnick. „Und wenn es nichts zu besuchen gibt, dann sind wir obsolet.“

Große Solidarität im ersten Lockdown

Durch den ersten Lockdown sei man noch recht unbeschadet gekommen, erklärt Reinhold Rössler, zweiter Vorsitzender des Vereins. „Viele unserer Mitglieder haben sich damals sehr solidarisch gezeigt und uns den Kartenpreis für abgesagte Vorstellungen als Spende überlassen.“ Die laufenden Kosten für Miete und Bezahlung der Bürokraft seien durch die Corona-Hilfe aufgefangen worden. „Und alles andere läuft bei uns ehrenamtlich“, ergänzt Axnick.

Staatstheater als größter Partner

Das Angebot der Volksbühne funktioniert wie folgt: Für vorab ausgewählte Vorstellungen kann der Verein seinen Mitgliedern Karten zu günstigen Konditionen anbieten – üblicherweise im Abonnement, was den Theatern wiederum langfristig Zuschauer sichert. Größter Kooperationspartner der Volksbühne ist naturgemäß das Badische Staatstheater als größte Bühne der Region, doch auch Vorstellungen im Kammertheater, Sandkorn, Jakobustheater und bei den Käuzen können gebucht werden.

Als das Staatstheater im Mai eine komplett durchgeplante Saison präsentierte, sei man noch sehr optimistisch gewesen, sagen Axnick und Rössler. „Das waren sehr gute Aussichten – andere Volksbühnen, etwa in Stuttgart oder München, hatten von ihren Kooperationspartnern noch gar keine Programme in Aussicht.“

Mittlerweile aber wächst die Unsicherheit. 74 Vorstellungen hat die Volksbühne für die laufende Saison im Angebot. Nur sieben davon konnten bislang stattfinden. 21 werden garantiert ausfallen – und wenn die Theater nicht Anfang Februar wieder öffnen, wird die Liste noch länger werden.

„Ich selber habe mich im Theater sehr sicher gefühlt.“
Reinhard Rössler, 2. Vorsitzender Volksbühne Karlsruhe

Das bedauern bei der Volksbühne nicht nur die Vorsitzenden. „Von unseren Mitgliedern sagt nur ein kleiner Prozentsatz, sie würden derzeit wegen der Situation eher zuhause bleiben“, berichtet Axnick. „Eigentlich wollen die Leute ins Theater.“ Rössler bestätigt dies und erklärt: „Ich selber habe mich im Theater sehr sicher gefühlt, das Hygienekonzept am Staatstheater hat gut funktioniert.“

Auch coronabedingte Änderungen im Programm oder in der Aufmachung der Stücke seien bislang kein Problem gewesen. „Ich bin zwar froh, den ,Don Giovanni’ am Staatstheater vergangenes Jahr noch in der richtigen Inszenierung gesehen zu haben, aber ich fand die reduzierte Fassung ,Spotlight Don Giovanni’ gut gelöst“, befindet Rössler. „Das habe ich auch von unseren Mitgliedern so gehört.“

Vermisst wird das Beisammensein

Eines aber sei von vielen Leuten beim Theaterbesuch schmerzlich vermisst worden: die Begegnung und der Austausch. „Der gesellschaftliche Aspekt von Theater ist für viele Mitglieder von uns wichtig – da gibt es sogar eine Gruppe, die immer zusammen 25 Karten kauft“, erklärt Axnick. Gerade das Beisammensein aber ist in Zeiten des Abstandhaltens nicht gestattet – möglicherweise auch ein Grund dafür, dass die Mitgliederzahlen derzeit sinken.

Rund 1.000 waren es beim Jubiläum im vergangenen Jahr, gut 700 davon sind derzeit noch dabei. „600 brauchen wir, um eine funktionierende Struktur zu haben“, sagt Axnick und ist durchaus besorgt. „Im Moment braucht man die Volksbühne zwar nicht. Aber wenn es wieder Normalbetrieb im Theater gibt, dann schon. Wir hoffen sehr, dass wir so lange durchhalten.“

Zur Serie

Die Kultur im Klammergriff der Anti-Covid-19-Maßnahmen: Zum zweiten Mal in diesem Jahr sind Theater und Museen, Kunstvereine und Konzertveranstalter von massiven Einschränkungen betroffen – mit unterschiedlichen Auswirkungen. Eine neue Serie will der Frage nachgehen, wie die Einrichtungen mit dem zweiten Lockdown umgehen. Untersucht werden soll, mit welchen Folgen sie zu kämpfen haben und was dem Publikum durch die Schließungen der Kulturorte entgeht. Kurz gesagt: Was fehlt?

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