Skip to main content

Hilfe oft nur online

Corona erschwert die Jugendarbeit in Knittlingen: Wie Streetworker und Sozialarbeiter versuchen zu helfen

Streetworker Jürgen Seifert und Schulsozialarbeiter Adrian Kassian kümmern sich seit Oktober gemeinsam um die Belange der Knittlinger Jugend. Isolation und Perspektivlosigkeit machen den Jugendlichen in der Pandemie zu schaffen.

Ansprechpartner bei Problemen: Seit Oktober kümmern sich Schulsozialarbeiter Adrian Kassian (l.) und Streetworker Jürgen Seifert um die Belange der Knittlinger Jugend. Wegen Corona sind sie überwiegend virtuell im Einsatz. Foto: Tom Rebel

Jürgen Seiferts Arbeitsplatz ist die Straße. Wenn er abends seine Runde durch Knittlingen dreht, spaziert er am Sportplatz vorbei, am Freibad, am Friedhof und am Busbahnhof vor der Dr.-Johannes-Faust-Schule. „Das sind Spots, an denen sich oft Jugendliche treffen“, weiß der 35-Jährige. Seit Oktober ist Seifert als Streetworker in Knittlingen im Einsatz.

Zeitgleich hat Adrian Kassian seine Stelle als Schulsozialarbeiter an der Dr.-Johannes-Faust-Schule angetreten. Beide sind über den Pforzheimer Trägerverein „Miteinanderleben“ angestellt und wollen sich gemeinsam um die Belange der Jugendlichen in der Stadt kümmern.

An drei Tagen in der Woche streift Streetworker Seifert durch die Stadt und sucht auf der Straße den Kontakt zur Jugend. Seine Zielgruppe? „Sozial benachteiligte Jugendliche, die keinen Ort haben, an dem sie sich treffen können“, erklärt er. Der 35-Jährige will mit ihnen ins Gespräch kommen, Ansprechpartner bei familiären Problemen, Liebeskummer, Streit mit Freunden oder Stress in der Schule sein.

Hilfe bei Liebeskummer oder familiären Problemen

In den ersten Wochen habe das gut funktioniert. „Die Jugendlichen waren erstaunt, dass jemand sie anspricht, ohne sie gleich verjagen zu wollen“, erinnert sich der Pforzheimer. Es habe sich schnell herumgesprochen, dass ein Streetworker unterwegs sei.

Aber seit dem Lockdown sind die Straßen leer. Jugendliche treffe er bei seinen Rundgängen nur selten und fast nie in Gruppen, berichtet Seifert. Dabei sei der Redebedarf groß. Die Isolation mache vielen Jugendlichen zu schaffen, weiß er. Viele fühlten sich durch die Kontaktbeschränkungen einsam: „Sie haben großen Drang danach, sich zu treffen und auszutauschen.“

Der Sozialpädagoge ist weiterhin erreichbar: telefonisch, per WhatsApp, über die sozialen Netzwerke und in seinem Büro in der Marktstraße 6, direkt neben dem Faustmuseum. Ziel sei es, eine Jugendbegegnungsstätte als Treffpunkt für die Jugend in Knittlingen zu schaffen, so Seifert. Mit einer Umfrage will der Streetworker daher die Bedürfnisse der Jugendlichen ermitteln.

Homeschooling führt zu Einsamkeit

Holprig war der Start auch für Sozialarbeiter Kassian, der seit Oktober an der Knittlinger Dr.-Johannes-Faust-Schule im Einsatz ist. Eine kurze Vorstellung mit Maske in den Klassen, mehr war wegen Corona nicht drin. Kassian ist für die rund 500 Schüler des weiterführenden Teils der Schule zuständig.

Projekte in den Klassen, zum Beispiel zu Drogenprävention oder gegen Mobbing, gehören eigentlich zu seinen Aufgaben, sind aber wegen Corona zurzeit nicht möglich. Während des Lockdowns hält der Sozialarbeiter in der Schule die Stellung und ist Ansprechpartner für die Schüler in der Notbetreuung sowie in den Abschlussklassen, die weiterhin Präsenzunterricht haben.

Ansonsten läuft die Kommunikation größtenteils virtuell: Über Chats, Videotelefonate und E-Mails hält der 30-Jährige den Kontakt zu den Schülern und ihren Eltern. Ein persönliches Gespräch könne das nicht immer ersetzen, so Kassian. Mit einzelnen Schülern treffe er sich daher zum Spaziergang, um Gespräche zu führen.

Das Homeschooling setze vielen Kindern und Jugendlichen zu, berichtet Kassian. Isolation sei ein großes Thema. Alleine im Kinderzimmer vor dem Bildschirm zu sitzen sei nicht das gleiche wie mit den Mitschülern im Klassenraum: „Das Gemeinschaftsgefühl und die Interaktion fallen weg.“ Die Folge seien zum Teil depressive Verstimmungen.

Wo soll es nach dem Abschluss beruflich hingehen? Unsicherheit und Perspektivlosigkeit machen den Schülern laut Kassian ebenfalls zu schaffen. Der Sozialpädagoge hat schon Pläne für die Zeit nach dem Lockdown: Er will unter anderem eine Theater-AG an der Schule anbieten.

nach oben Zurück zum Seitenanfang