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Spenden für Covax-Initiative

Karlsruher Projekt setzt sich für globale Impfgerechtigkeit ein

Die UN-Impfstoffinitiative „Covax“ für die Dritte Welt bleibt hinter ihren Zielen weit zurück: Es gibt nicht genug Corona-Vakzine für die ärmsten Länder. Ein privates Projekt aus Karlsruhe möchte helfen.

Laut UN-Angaben ist in den ärmsten Ländern der Welt gerade einmal jeder Fünfhundertste gegen das Virus geschützt, in den reichen Ländern ist es bereits jeder Vierte. Foto: Sia Kambou / AFP

Gerhard Büchele hat einen Traum. Es geht um Menschlichkeit und Vernunft. Um eine geeinte Welt, in der sich die Industrienationen mit den Entwicklungsländern solidarisieren, die Pharmafirmen ihr Profitstreben zurückstellen und die Politiker dafür sorgen, dass die ärmeren Länder mehr Corona-Impfschutz bekommen, bis die Pandemie endlich besiegt ist. Gemeinsam und global.

Es ist noch ein weites Ziel, doch der 71-jährige Karlsruher will nicht die Hände in den Schoß legen und warten, bis es erreicht ist.

Mit einer Gruppe von Gleichgesinnten aus der Region treibt Büchele gerade sein Projekt „Covax Access“ energisch voran. Im Kern geht es darum, dass die Produktion von Impfstoffen angekurbelt wird und dann schnell in die Staaten fließt, die sich kein eigenes Impfprogramm leisten können.

Wir schützen uns am besten, wenn wir global impfen.
Gerhard Büchele, Projekt „Covax Access“

„Das ist gewissermaßen egoistisch“, erklärt der Seniorchef der Lufttechnik-Firma Büchele aus Karlsruhe-Mühlburg. „Wir schützen uns am besten, wenn wir global impfen, anstatt weitere Virusmutanten zu züchten, die unsere Impfmittel überwinden könnten.“ Büchele zitiert gerne Entwicklungsminister Gerd Müller: „Wir besiegen die Pandemie nur weltweit, oder gar nicht.“

Gerhard Büchele (71) leitet eine Firma für Lufttechnik in Karlsruhe und treibt mit einem Team von Freiwilligen die lokale Initiative Covax Access voran. Foto: Gerhard Büchele

Solange die UN-Initiative Covax („Covid-19 Vaccines Global Access“) nicht einmal ihr Minimalziel erreicht, bleibt das schwer vorstellbar. Das gemeinsame Vorhaben soll sicherstellen, dass in jedem Land die am höchsten gefährdeten 20 Prozent der Bevölkerung geimpft werden, zuallererst medizinisches Personal und die Risikogruppen.

UN-Projekt Covax wird sein Ziel wohl verfehlen

Laut der ursprünglichen Planung sollte Covax bis Ende Juni für 3,3 Prozent der Weltbevölkerung in 140 Ländern die Vakzine zur Verfügung stellen. Diese Marke wird aber wohl deutlich verfehlt. Bis Anfang April hatten etwa 35 Länder vor allem in Afrika noch keine einzige Dosis verabreicht. Während in den reichen Ländern im Schnitt bereits etwa jeder Vierte den Corona-Schutz erhalten hat, ist es in Ländern mit niedrigen Einkommen nur jeder Fünfhundertste.

Um den ersten Meilenstein von Covax im Sommer zu erreichen, fehlen nach aktuellen Schätzungen mehr als 200 Millionen Dosen. Ein Grund dafür ist, dass das von Corona hart getroffene Indien als ein Großlieferant des Programms die dort produzierten Astrazeneca-Vakzine zurückhält, um die eigene Bevölkerung zu impfen.

Statt der geplanten 100 Millionen Dosen seien deswegen weltweit nur 38 Millionen verteilt worden, berichtete vor zwei Wochen die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und warnte vor einem „katastrophalen moralischen Versagen“. So weit will es Gerhard Büchele jedoch nicht kommen lassen.

Büchele engagiert sich auch beim Rotary Club Karlsruhe

Er beschreibt sich selbst als einer, den die Themen Armut, Klimawandel und Gerechtigkeit schon immer bewegt haben. Büchele leitet gemeinsam mit zwei Söhnen eine Firma mit 100 Mitarbeitern, die unter anderem Lüftungsanlagen in der Karlsruher Stadthalle montiert.

Der leidenschaftliche Handballer und Radfahrer engagiert sich bei den Rotariern. Sein Karlsruher Club war auch der erste Ansprechpartner, als Büchele im März zu der Überzeugung kam, dass die Politiker ihre Versprechen der globalen Impfgerechtigkeit vergessen haben.

„Angesichts der Impfstoffknappheit traut sich das keiner mehr zu fordern. Aber das kann man ändern, indem die Menschen Zeichen setzen und für Impfstoffe spenden“, ist Büchele überzeugt. „Dann hätten die Politiker eine Schulter zum Anlehnen und könnten die Covax-Ziele vertreten, ohne negative Reaktionen befürchten zu müssen.“ Da die Rotarier nach seinen Worten bereits auf ihr Programm zur weltweiten Ausrottung von Kinderlähmung fokussiert sind, beschloss der Unternehmer, eine private Initiative zu gründen.

Karlsruher Initiative sammelt mehr als 22.000 Euro für Impfstoffe

Seit Mitte März treibt ein etwa zehnköpfiges Arbeitsteam in Karlsruhe eine Spendensammlung an die UN-Organisation Unicef für das Covax-Programm voran. Laut Büchele gehören neben einem früheren Studienkollegen noch einige Sportsfreunde, Rotarier und Ärzte dazu.

Gemeinsam kümmern sie sich um die Gestaltung von Postern, Flyern und der vielsprachigen Webseite Covax Access. Die Initiative hat in den ersten Wochen 22.300 Euro gesammelt und weitergeleitet. „Das war aber nur der Start“, sagt der Initiator, „wir werden das jetzt richtig breit ausrollen“.

Er hat nach eigenen Angaben die Kirchen mit ins Boot geholt. Mit Unterstützung der Stadt Karlsruhe will Covax Access ihre Plakate mit Spendenaufrufen in den Impfzentren der Region aufhängen. Der nächste Schritt sind die Ärzte. „Ich habe versuchsweise meinen Internisten gefragt, der für uns eine Ausnahme macht und die Plakate in seiner Praxis erlaubt. Er hat auch schon gespendet“, freut sich Büchele. Er will die Kampagne auch in sozialen Medien bekannt machen und demnächst zwei Prominente als Schirmherrn für das Projekt gewinnen, deren Namen bislang geheim sind.

Können Corona-Impfstoffhersteller ihre Patentrechte temporär öffnen?

Covax Access legt Wert darauf, dass die Spenden für Impfstoffe zu 100 Prozent Unicef erreichen sollen. Die geschätzten etwa 30.000 Euro an Anlaufkosten für das Projekt trägt das Team nach eigener Darstellung selbst. Neben der Spendensammlung hat Büchele noch ein weiteres Ziel: Er möchte politischen Druck erzeugen, damit die Patentrechte und Lizenzen von Impfstoffherstellern in der Pandemie temporär geöffnet werden.

Die Idee ist, die Produktion auf eine breitere Basis zu stellen und sie vor allem teilweise in die Entwicklungsländer zu verlagern, wo die Vakzine dringend benötigt werden. „Die Pharmaindustrie sagt, es geht nicht, aber es gibt genug Beispiele, dass dies funktioniert“, so Büchele. Die Karlsruher Gruppe ist nicht so naiv, zu glauben, dass Geld keine Rolle spielt.

Darum schlägt sie im Einklang mit dem Wirtschaftsnobelpreisträger Alvin Roth vor, die Impfpioniere großzügig zu entlohnen: Schließlich wäre der finanzielle Aufwand dafür gering im Vergleich zu den sonst möglichen Corona-Schäden.

Wer die Augen offen hat, kann jetzt viel verändern.
Gerhard Büchele, Projekt „Covax Access“

Gerhard Büchele findet den Kampf um die Impfgerechtigkeit anstrengend. „Ich bin ein alter Knopf und muss mit meinen Kräften haushalten“, gesteht er lachend. Aber der Urlaub ist gestrichen, und die nächsten Wochen sind teilweise verplant. „Wir dürfen keine Zeit verlieren“, sagt der Karlsruher. „Es macht einen Riesenunterschied, ob das Covax-Ziel ein halbes Jahr früher oder später erreicht wird. Wer die Augen offen hat, kann jetzt viel verändern – und sollte das auch tun.“

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